Erste Gehversuche der Demokratie

Astrid Frefel, 16. Februar 2012, 18:44

Ein Jahr nach dem Beginn der Revolution des 17. Februar kommt in Libyen der politische Prozess mit der Gründung von Parteien und den Vorbereitungen zu den ersten Wahlen in Schwung

Tripolis/Kairo - Der Midan al-Jezayir vor dem Rathaus in Tripolis ist seit Wochen besetzt. Aktivisten haben Zelte aufgestellt, Plakate aufgehängt und auf einem Transparent 18 Forderungen festgehalten. Transparenz und Kampf gegen Korruption stehen ganz oben. Gegen Abend füllt sich der Platz. Es wird diskutiert und proklamiert. "Wir sind stolz, dass dieses Recht zu diskutieren und demonstrieren genützt wird. Das zeigt, dass sich die Menschen Gedanken über den Neuaufbau machen, und es gibt ihnen Selbstvertrauen", sagt der Politologe Said Laswad.

Wichtigstes Thema auf dem Midan al-Jezayir war in den vergangenen Tagen und Wochen das neue Wahlgesetz, das in zentralen Punkten mehrmals verändert wurde. Auf die Publikation des ersten Vorschlags im Internet gab es 14.000 Reaktionen und mehr als 200 ausführliche Stellungnahmen. Umstritten war vor allem das Wahlsystem, das heißt die Frage, ob die 200 Sitze der Nationalkonferenz über Parteilisten oder Einzelwahlkreise vergeben werden sollten.

Der Politologe Laswad begrüßt den Kompromiss eines gemischten Systems. 80 Sitze gehen an Parteien, 120 an unabhängige Kandidaten und Kandidatinnen. "Die Parteilisten sind eine gewisse Garantie, dass nicht nur nach Stammesloyalitäten gewählt wird, wie dies bei Einzelwahlkreisen der Fall sein könnte", sagt er.

Parteien und Ideologien sind nach 40 Jahren Gaddafi-Diktatur diskreditiert. "Parteien werden vom Ausland finanziert und ferngesteuert", ereifert sich Adel, ein Ölingenieur, im Gespräch auf dem Midan Jezayir. Mustafa Sheibani und seine Kollegen, meist Akademiker, wissen, dass sie in der Bevölkerung viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, um sich Anerkennung zu verschaffen. Sie sind dabei, die Partei "Demokratisches Libyen" zu gründen. Sie zählen derzeit etwa 1000 Mitglieder im ganzen Land. Bis ein Parteiengesetz vorliegt, haben sie sich als Verein organisiert. Sie verstehen sich als Partei der Mitte. Sie treten für einen zivilen Staat und ein Parlamentsystem ein. Dass die Scharia, das islamische Recht, eine wichtige Rechtsgrundlage ist, ist jedoch unbestritten.

Dutzende Parteien sind im Entstehen. Niemand hat einen Überblick. Etwa zwanzig sollen es in Tripolis sein, deren Name schon aufgefallen ist, schätzt ein einheimischer Journalist. Noch schwieriger ist es, ihre Stärke abzuwägen. Nach den Wahlerfolgen in den Nachbarländern Tunesien und Ägypten stehen vor allem die Islamisten im Blickpunkt. "Die Muslimbrüder sind in Libyen nicht annähernd so stark. Zum einen spielt hier das Geld und damit ihre Möglichkeit, den Armen zu helfen, eine weniger wichtige Rolle, zum Zweiten werden sie als etwas Fremdes, Importiertes empfunden", sagt Sheibani.

"Die Muslimbrüder müssen sich wie alle anderen, über ihr Programm beweisen", erklärt Laswad, dem ein Erfolg der Salafisten, die die Gesellschaft rückwärts entwickeln wollten, mehr Sorge bereiten würde. Mit der Zerstörung von Heiligenschreinen hätten sie in den letzten Monaten aber viele Libyer gegen sich aufgebracht. Das würde an der Urne nicht vergessen. Der Aufruf der Salafisten, den Geburtstag des Propheten nicht zu feiern, hat jedenfalls keine Wirkung gezeigt.

Laut Fahrplan für die politische Transformation muss die Wahl zum Nationalrat bis zum 23. Juni stattfinden. Dieser Urnengang wird zum ersten großen Test für die Übergangsregierung, die bei der Bevölkerung mehr Kredit hat als der Nationale Übergangsrat (NTC), dessen Mandat mit der Wahl endet. Um eine Gewaltentrennung zwischen den beiden Gremien zu erreichen, wurden alle Beschlüsse des NTC, die ausführenden Charakter hatten, annulliert. Die Regierung bemühe sich vor allem um Transparenz, betont Vizepremier Mustafa Abushaghour im Gespräch mit dem Standard. In den nächsten Tagen soll ein Budget vom NTC verabschiedet und dann auch veröffentlicht werden. Auch der Inhalt der Regierungssitzungen und ihrer Entscheide sollen in Zukunft auf der Webseite der Regierung nachzulesen sein.(DER STANDARD Printausgabe, 17.2.2012)

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22 Postings
Heiner Müller
11
18.2.2012, 10:13
Eine np

ein nackter affe aber kein nutzidiot
34
17.2.2012, 13:40
die erste unabhängige meinungsumfrage in libyen

im Standard leider bisher nicht aufgegriffen:

nur 4% erachten die Revolution als Fehler und 4% wollen einen Gottesstaat (die Extreme halten sich also die Waage)

siehe

http://www.zdf.de/ZDFmediat... ngsumfrage

Peace 4 Libya
22
20.2.2012, 13:40

Ja die 1200 Befragten sind wirklich erstaunlich.

96 % sind sehr, bzw. äußerst zufrieden.

Erstaunlich.
Insbesondere, nachdem nach einem ARD Bericht beinahe jede libysche Familie einen Toten zu beklagen hat und darüber hinaus noch mindestens 40.000 Personen vermisst werden.

Porqué no te callas?
00

wieder einmal dumme propaganda und phantasiezahlen von dir.

Heiner Müller
23
18.2.2012, 10:24
Was zählt die Meinung der Libyer

solange es die Meinung von Oddo Wolf gibt?

Def_izit
50
18.2.2012, 13:25
you made my day

weiß nur noch nicht wo oddonien liegt

Oddo Wolf
52
17.2.2012, 23:17
Der NTC hat in Libyen nichts mehr zu sagen. Es regieren die Stammes- und Clanführer.

-
Nach mehreren Monaten von westlichen Interessen geprägtem Staats-TV wird per Umfrage gecheckt, ob die Gehirnwäsche schon Wirkung zeigt.

Von der Demokratie nach westlichem Muster wollen die Libyer nichts wissen (nur 6%). Ebensowenig halten sie von politischen Parteien.
Wer das grüne Buch gelesen hat, weiß auch warum.
"Das grüne Buch" haben die Libyer in der Schule praktisch auswendig gelernt. Es wurde ihnen damit weit mehr über Grundrechte, Demokratie und die Gefahren von Kommunismus und Kapitalismus beigebracht, als hierzulande am Lehrplan steht.

Die Rebellen schießen halt so gern. Wie jede Nacht so auch heute. Verletzte und Tote durch "Querschläger" wie jede Nacht. Einige haben sich wegen der "Feiern" zum 17. Februar zu Tode gefreut.

suedsee insulaner
 
42
17.2.2012, 08:29
Gehversuche mit was ?

Mit prothesen da dem libyschen volk beide beine abgehackt wurden. Dafuer bekam sie von den USA + EU nun gratisprothesen verpasst.
Das heisst dass die libyer der heutigen zeit niemehr so richtig gehen werden koennen. Das volk wurde verstuemmelt damit das grosse " klinkenputzen " fahrt aufnehmen kann, denn wenn man grosse schmerzen hat ist man auch nicht in der lae sich bei verhandlungen voll zu konzentrieren weil man des oefteren nach dem verschwundenen beinen automatisch greift.

Dagmar Rehak Wien
 
52
16.2.2012, 23:54

Titel gelesen, Schreibse gewusst.
Was nimmt die? Das will ich auch!

Fritz Wintersberger
10
16.2.2012, 22:23
Und Syrien?

Wird genauso enden. Bürgerkrieg ohne Ende. Und Israel hat die größten Probleme dadurch.

Porqué no te callas?
21
17.2.2012, 08:32

eher nicht. die syrer würden wahrscheinlich gern genauso enden wie die libyer, ohne diktator, eigenverantwortlich und in frieden.
dank russland stürzt syrien aber in den bürgerkrieg.

Oddo Wolf
40
17.2.2012, 23:23

Austro-Salafist?

tom krishan1
 
32
17.2.2012, 13:20

"ohne diktator, eigenverantwortlich und in frieden."

es soll leute geben, die glauben auch an den weihnachtsmann.

Def_izit
11
18.2.2012, 13:27
nein - die glauben eher an demokratie

Oddo Wolf
21
19.2.2012, 13:00

An den demokratisch legitimierten Weihnachtsmann.

Den wird es in einem von Salafisten und Hardcore-Islamisten diktierten Land genausowenig geben wie die Demokratie.

Wenig bekannt ist, daß Syrien das einzige Land im arabischen Raum ist, die eine (zumindest de jure) gewählte Regierung hat?

Fritz Wintersberger
11
16.2.2012, 22:21
Wie von den Russen, Chinesen und Brasilianern,..

..vorhergesagt, und deswegen auch die Stimmenthaltung bei der libyschen Resolution,... alles für A und F.

ein nackter affe aber kein nutzidiot
01
16.2.2012, 20:31
"Der Aufruf der Salafisten,

den Geburtstag des Propheten nicht zu feiern, hat jedenfalls keine Wirkung gezeigt."

Hilfe, ich kenne mich nicht mehr aus. Sind nun auch schon die Salafisten vom Glauben abgefallen und gehen Hand in Hand mit den Atheisten? Hinwiederum in Saudiarabien einer wegen dieser Zeilen vor dem Schafott steht: "An deinem Geburtstag werde ich sagen, dass ich den Rebell in dir liebte, der mich immer inspirierte - und dass ich den Heiligenschein nicht mag."

Hermine Berg
 
11
17.2.2012, 00:48
kleiner tip: roemische geschicte lesen

in der spaetantike hat es auch hunderte verschiedene christliche richtungen gegeben, die sich in so bedeutenden theologischen fragen unterschieden wie z.B. ob jesus exkremente produziert hat. und geendet hat es oft mit der totalen ausloeschung einer richtung durch die andere.

der islam geht grad durch so eine phase. ist immer so, wenn die leute religion zu ernst nehmen.

Müllers Mops
12
16.2.2012, 20:15

Wer Heiligenschreine und das Denkmal des großen Gamal Abdel Nasser zerstört muss ein jihadistischer Salafit sein.
Die Puristischen tun das nicht.
Beide haben mit keiner Politk was am Hut. Wobei ich mit den Puristischen wahrscheinlich prima leben könnte, mit den anderen aber auf keinen Fall.
Diese Jihadisten gehen mir so was von auf die Nerven.
Gaddafi hatte Recht als er von diesen Figuren gewarnt hat, und er hat sie eingesperrt.
Bin mal gespannt was die neue Regierung unternehmen wird.

Oddo Wolf
20
18.2.2012, 00:02

Heiligenschreine zerstören kommt nirgendwo in der Welt gut an. Intolerant und antidemokratisch wird die eigene Ideologie gewaltsam durchgesetzt. Salafisten und Demokratie. In Libyen haben die sowieso nichts zu melden. In Ägypten seh ich da allerdings schon den nächsten Bürgerkrieg heraufziehen. Wer wird dort dann die Rebellen gegen die Islamisten bewaffnen?

Ägypten ist übrigens das einzige Land Afrikas in dem Africom kein Protektorat anstrebt. Braucht Israel das Wasser vom Nil?

karl radek1
12
16.2.2012, 19:20
Bei den ersten Gehversuchen

stand scheinbar Guantanamo Pate.

Kein Problem, Folter und Demokratie verstehen sich zusehends besser.

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