Europapräsident der Zeitungen

"Wir können unsere Inhalte nicht gratis hergeben"

Interview | 16. Februar 2012, 17:53
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    foto: standard/fidler

     Ivar Rusdal

Freier Warenverkehr heißt nicht kostenlose Waren, erinnert Ivar Rusdal die EU - Er vermisst Grenzen für Gebührenfunk und Prioritäten der Politik

STANDARD: Können wir das Gespräch nicht zu depressiv anlegen? Fragen an Verlegerpräsidenten kommen seit Jahren, inzwischen Jahrzehnten rasch auf Krisen und: Wie lange gibt es noch Zeitungen? 

Rusdal: Es gibt keinen Grund zur Depression. In vielen Ländern gehen die Auflagen gedruckter Zeitungen zurück, zugleich aber wachsen die digitalen Aktiviäten dieser Medienhäuser sehr stark. Digitalgeschäft macht bei unserem Regionalverlag in der Erdölregion um Stavanger vier, fünf Prozent des Zeitungsumsatzes aus. Voriges Jahr war es noch ein Prozent. Nächstes Jahr erwarten wir zehn Prozent.

STANDARD: Wie definieren Sie 2012 den Begriff Zeitung?

Rusdal: Das ist eines der Defizite der englischen Sprache: Paper in Newspaper. Journal, Avis oder Zeitung ist auf jeden Kanal, jede Plattform anwendbar. Der Kern ist doch Journalismus, der sich, noch immer zum größten Teil, über die verkaufte Auflage und die Werbung dort finanziert. Aber aus den Verlagen wurden Medienhäuser. 

STANDARD: Kennen Sie unter den 5200 Zeitungen in 26 europäischen Staaten, die Sie repräsentieren, Beispiele, die noch nicht im Netz aktiv sind?

Rusdal: Mir fällt keine ein, kann ich mir nicht vorstellen. Es gab in Nordnorwegen einen Verleger mit der Maxime: So lange ich lebe, werden wir nichts gratis hergeben. Ich glaube aber, er ist mittlerweile von uns gegangen.

STANDARD: Also keine Zukunft ohne digitale Verbreitung?

Rusdal: Warum sollte man auch? Wir tun uns nur noch oft schwer, die Finanzierung sicherzustellen. Große Medienhäuser wie Schibsted in Norwegen begannen sehr früh, vor allem mit Kleinanzeigen, bei denen ihre Zeitungen sehr stark waren. Aber sie wussten, dass sich dieses Geschäft ins Web verlagert und haben diesen Schritt gleich selbst gemacht. Jetzt hat dieser Konzern 60 Prozent des norwegischen Kleinanzeigengeschäfts im Web.

STANDARD: Sich selbst Konkurrenz machen, bevor es die anderen tun. 

Rusdal: Diese Strategie hat Schibsted verfolgt. Und das war eine weise Entscheidung.

STANDARD: Zugleich bereitet man den Weg für Google, Craigslist etc.

Rusdal: Aber wenn man rechtzeitig in einem Markt eine kritische Größe erreicht, wird man unverzichtbar. Das gilt insbesondere für regionale und lokale Märkte wie sie unser Verlag abdeckt. Google ist ein viel größeres Problem beim Schutz der Copyrights.

STANDARD: Eine Ihrer zentralen Forderungen, besonders an die EU. Haben Sie das Gefühl, Sie werden damit in Brüssel gehört?

Rusdal: Copyright ist absolut essenziell für unsere Branche. Inhalte, Information, die Journalisten kreieren, sind jene Werte, auf denen unser Geschäftsmodell basiert. Man kann niemandem erlauben, einfach unsere Scheune zu plündern. Die EU-Kommission eröffnet gerade Untersuchungen der Google-Aktivitäten. Neelie Kroes, verantwortlich für die digitale Agenda, scheint nicht allzuviel auf Copyright zu geben. Sie forciert, was sie den freien Fluss der Information nennt. Wir treffen Sie kommende Woche wieder und wollen ihr vermitteln, dass sie falsch liegt. Wir alle sind für freien Warenverkehr, aber das bedeutet ja nicht, dass diese Waren gratis sind. Wir müssen unsere Aktivitäten finanzieren. Qualitätsjournalismus entsteht nicht einfach, man muss die Leute zahlen, die ihn produzieren. Wir sperren uns nicht dagegen, Inhalte zu teilen. Aber wir wollen erst von Google & Co. gefragt werden. Und wir können unsere Inhalte nicht einfach gratis hergeben. Ein System von Abgeltungen funktioniert doch seit Jahren etwa mit Medienclippinganbietern. Google verwendet unser Material und vermarktet Werbung damit. In mehreren Ländern laufen Verfahren darüber. Die EU-Kommission untersucht die Google-Aktivitäten.

STANDARD: Die Verleger beschäftigt auch die Harmonisierung von Mehrwertsteuern in Europa.

Rusdal: Wenn Politiker von Harmonisierung sprechen, meinen Sie immer eine Harmonisierung nach oben, nie nach unten. Ausnahmen sind Brüssel da ein Dorn im Auge. Für uns war sehr wichtig, dass der Begutachtungsentwurf ausdrücklich festhält:_Es gibt gesellschaftlich wesentliche Ausnahmen. Und: Produkte sollten gleich behandelt werden, unabhängig von ihrem Vertriebsweg. Bisher sind gedruckte Zeitungen in vielen Ländern von Mehrwertsteuer befreit oder haben, wie etwa auch in Österreich, geringere Steuersätze - aber ihre digitalen Versionen zahlen voll.

STANDARD: In Österreich ringen Verleger und ORF gerade wieder darum, was gebührenfinanzierter Rundfunk dürfen soll - und was nicht? Österreich ist wohl damit kein Einzelfall in Europa.

Rusdal: Wir sind auf europäischer Ebene sehr besorgt über diese Frage und hoffen auf einen Rahmen der EU, was sie dürfen und was nicht. Viel ist da nicht passiert. Viele Länder haben keine klare Grenze gezogen, wie weit der Auftrag öffentlich-rechtlicher Sender reicht. Der dänische Rundfunk hat lokale Websites eingerichtet, zum Großteil gespeist mit Infos lokaler Zeitungen und werbefinanziert. Die Regierung hat das abgestellt. In Norwegen hat der Rundfunk selbst erkannt, dass das ein unfaires Modell wäre. Nur um das klarzustellen: Wir stehen voll hinter der Idee öffentlich-rechtlichen Rundfunks, im Sinne nationaler Identität und unabhängiger Information. Aber wir sehen nicht ein, wenn sie mit ihrer Stärke der Gebührenfinanzierung privaten Medienhäusern direkte Konkurrenz machen.

STANDARD: Gibt es in Norwegen direkte Presseförderung?

Rusdal: Ja, etwa Zeitungen, die in ihrer Region nicht Marktführer sind und für nationale Zeitungen mit sehr geringen Auflagen. 

STANDARD: In Österreich bekommen alle Tageszeitungen Förderung - die kleinen mehr, die großen weniger. Und das Kanzleramt ist offenbar gerade dabei, die Förderung linear für alle zu kürzen, kolportiert um 20 bis 30 Prozent. Können Sie den Zugang verstehen?

Rusdal: Sie können sagen, mit Steuererleichterungen werden in Norwegen alle Zeitungen gefördert. Aber das ist ebenso eine Förderung der Leser, der Demokratie. Für die kleinen Zeitungen gibt es 35 bis 40 Millionen Euro, die Steuerausnahme hat ein Volumen von 200 Millionen. Die größte Medienförderung sind noch immer die 550 Millionen Gebühren für den öffentlichen Rundfunk. Ich kenne die Hintergründe Ihres Systems nicht. Aber Förderung für alle klingt mir seltsam. Und einfach linear zu kürzen, ist nie eine gute Idee. Sie müssen Prioritäten setzen. Doch Politiker aller Länder reden gerne über Prioritäten. Aber sie hassen es, sie auch zu setzen. 

STANDARD: Sie haben Pressefreiheit an die Spitze Ihrer Prioritäten gesetzt. Wo in Europa sehen Sie heute ihre größte Bedrohung?

Rusdal: Wir sehr besorgt über Ungarn. Das neue Mediengesetz wird gegen Medien verwendet. Gerade hat ein den Sozialdemokraten zugerechnetes Radio seine Lizenz verloren. Auch mit anderen jungen Demokratien gab und gibt es Diskussionen. (Harald Fidler, DER STANDARD, Printausgab, 17.2.2012)

Ivar Rusdal (64) führt den norwegischen Regionalzeitungsverlag Jaeren Avis und seit Ende 2010 den europäischen Verlegerverband ENPA.

Kommentar posten
14 Postings
Claudia Köckerbauer
 
00
17.2.2012, 16:21
Pressefreiheit

Die meisten Postings hier vertreten also die Meinung: "Zeitung ist unnütz und will nur Geld verdienen". Warum, Leute, postet ihr dann auf der Webseite einer Tageszeitung und das noch dazu unter dem Artikel zur Lage der Zeitungen? Das lässt mich nur den Schluss zu, dass ihr euch Selbstdarstellen wollt. Wenn die Pressefreiheit nichts wert ist, dann kann Machthabender tun, was auch immer er will. Wollt ihr das echt?

oas
01
17.2.2012, 16:53
Frau Köckerbauer!

Logik, ja Logik oder was…
Krieg ich Geld dafür, dass ich hier poste und der Zeitung page impressions beschere? Lesen Sie die Postings hier? Wem bezahlen Sie was dafür? Oder schlügen Sie die faschistische Variante, _nur_ berufsgenossenschaftlich organisierte und staatlich zertifizierte Autoren dürften Geld für ihr Schreiben erhalten bzw. gar annehmen?
Jaja, alles sehr kompliziert, um einen berühmten Bundeskanzler zu zitieren (Der das wenigstens erkannt hatte!)…

das ende ist nah
00
17.2.2012, 16:15

im internet die werbung um den content herum steckt immer noch in den kinderschuhen, ein content kann auch in 2 aufgeteilt werden, ein kleiner gratis content (für google) und auf der hauptseite der ausgiebige werbefinanzierte.

Reich sein muss sich lohnen!
01
17.2.2012, 14:42
Was ist das Problem mit Google?

Wer meint, dass er durch Google geschädigt wird, der ediert seine robots.txt und sperrt den Google-Bot aus. Fertig. Schon wird man nicht mehr von Google gelistet.

Dieses ständige Gejammere ist ja nicht auszuhalten....

BK W. Shoyssel
01
17.2.2012, 14:30
wir können unsere Inhalte nicht einfach gratis hergeben

tun sie ja eh nicht.

Im Internet ersparen sie sich die Kosten für Druck, Papier, Vertrieb usw. und lukrieren die Werbeeinnahmen voll. Ohne Nebenkosten.

Wer glaubt, dass sich die Krone am Sonntag sich aus den paar Cent in den Geldbüchsen der Zeitungstaschen finanziert?

Erwin Wolfram
00
17.2.2012, 14:01
...

ist eh nicht gratis dass geschreibsel, wenn zb nicht 3 jahre lang korruption als normal dargestellt worden waere haette man schon laengst 7 mio anzeigen wegen des mafiaparagraphen gegen die taeter gemacht...

Fritz Meyer
00
17.2.2012, 13:02
Dann müsst ihr auch damit rechnen...

bankrott zu gehen, wenn euch keiner mehr lesen will.

johann potakowskyj1
 
00
17.2.2012, 11:40
mehrere Statistikfirmen bedienen und Erbung

ist nicht Gratis.

Eindeutig steht im Gesetz, dass Sachleistungen bzw. in diesem Fall überlassen von Daten als Wert anzusehen sind, den in diesem Fall der Leser zulässt ... übrigens in der derzeit üblichen Praxis ohne Zustimmung des Lesers.

Linus Tintifax
00
17.2.2012, 11:05
au contraire

die medienlandschaft gehört überwiegend den banken und artverwandten institutionen. somit gibt es auch keine freie presse. und dafür geld zu verlangen, die wahrnehmung/darstellung der welt aus sicht des großkapitals zu verbreiten ist, vorsichtig ausgedrück, gewagt.

papst benedikt
01
17.2.2012, 10:02

die einzige inhaltliche diskussion, die medien anno 2012 führen ist, wie sie geld verdienen können.
alles andere interessiert nicht.

Reich sein muss sich lohnen!
00
17.2.2012, 14:43

Das ist ja auch der einzige Grund weshalb es (private) Medien gibt - eben weil man damit Geld verdienen kann.

Mr. Bubbles
00
17.2.2012, 08:47

die überschrift ist - in der webausgabe gelesen - ein oxymoron...

oas
00
16.2.2012, 21:39
Der meint sicherlich

dass Einschau in eine Patentschrift auch schon Raubmordkipokopie ist…

der schwitzbär der schwitzt sehr
01
16.2.2012, 19:08
Das Problem ist doch schon gelöst:

Variante 1: Paywall
direkt vom Leser Geld kassieren
Die Inhalte kopieren und wo anders hineinzusetzen ist sowieso verboten

Variante 2: werbefinanziert
keine Paywall, verdienen am Traffic
Dritte dürfen auf die Inhalte verlinken, das bringt mehr Geld

Mischungen desselben sowie Pools mit Partnern gibt es auch

Wo genau werden Inhalte gestohlen ?

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