Vor dem Blackout

Zocken bis zum Stromausfall

16. Februar 2012, 16:36

Das deutsche Stromnetz war in der klirrenden Kälte möglicherweise durch gewagte Handelsgeschäfte vom Zusammenbruch bedroht

Berlin - Was in Österreich Anfang Februar aufhorchen ließ, war folgende Meldung: Aufgrund eines drohenden Engpasses bei der Stromversorgung haben vier deutsche Netzbetreiber  Reservekapazitäten in Österreich zurückgegriffen. Es handelte sich schon um den zweiten Zugriff in diesem Winter auf die sogenannte "Kaltreserve". Der Grund damals schien offensichtlich: Die Kältewelle trieben den Verbrauch eklatant in die Höhe. Jetzt könnte sich diese Annahme allerdings als Irrtum herausstelllen.

Das deutsche Stromnetz ist in den kalten Wintertagen möglicherweise durch riskante Handelsgeschäfte von einem Zusammenbruch bedroht gewesen, schreiben deutsche Medien einhellig. Laut "Berliner Zeitung" (Donnerstag) kritisierte die in Deutschland zuständige Bundesnetzagentur in einem Schreiben, dass es zu gefährlichen Defiziten im Stromnetz gekommen sei. Darin heiße es, das deutsche Stromnetz habe seit dem 6. Februar zu unterschiedlichen Tageszeiten "erhebliche, über mehrere Stunden andauernde Unterdeckungen verzeichnet".

Vor dem Blackout

Im Störungsfall - etwa wenn ein Kraftwerke ausgefallen wäre - hätte das Netz kollabieren können. Nun wird die Sache laut der Aufsichtsbehörde untersucht. Die Aufsicht sprach von einer sehr ernsten Situation. Kolportiert wird nun folgende Variante: Kosten für extrem hohe Börsen-Strompreise infolge der langanhaltenden Minusgrade sollten gespart werden. Konkret geht es darum, dass Hunderte Stromhändler für Großverbraucher und Versorger den Strom zukaufen, der gerade benötigt wird. Sie schätzen dabei anhand von Erfahrungswerten ab, wie viel Strom gebraucht wird. Weil durch eine enorme Nachfrage, etwa auch in Frankreich, der Strompreis an der Börse auf teils weit über 350 Euro für die Megawattstunde hochschnellte, besteht der Verdacht, das die Händler Kosten sparen wollten und die Prognosen entsprechend kleinrechneten.

Höhere Nachfrage - weniger Strom

Weil aber durch eine höhere Nachfrage zu wenig Strom vorhanden war, musste über die für Notfälle als Absicherung des Systems vorgesehene Regelleistung zurückgegriffen werden, die mit Kosten von rund 100 Euro je Megawattstunde deutlich billiger ist. Diese Kosten werden den Stromhändlern im Nachhinein berechnet.

Wenn keine Regelleistung mehr vorhanden ist, gibt es kaum noch Spielräume, einen Ausfall von Kraftwerken aufzufangen. In einem Schreiben des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, heißt es: "Insbesondere im Zeitraum vom 6. bis 9. Februar wies die Systembilanz von Deutschland eine deutliche, jeweils mehrere Stunden lang anhaltende Unterdeckung auf."

Die deutsche Grünen-Energiepolitikerin Ingrid Nestle findet das eher ungustiös: "Offensichtlich zocken Stromhändler mit unserer Versorgungssicherheit." Die Regierung habe es unterlassen, solche Manipulationen zu verhindern. "Solange die Bundesregierung nicht für ein permanentes Monitoring sorgt, bleibt das Tor für Marktmanipulationen weit offen. Wir brauchen eine konsequente Markt- und Netzüberwachung", forderte Nestle. (APA/red, derStandard.at, 16.2.2012)

 

Kommentar posten
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DerFaselhahn
00
22.2.2012, 14:39
Warum die Aufregung?

Die Strommarktliberalisierung in Deutschland soll doch gerade den Wettbewerb stimulieren, der wiederum an der Strombörse für halbwegs realistische bzw.
verbraucherfreundliche Preise sorgen soll (siehe auch http://www.hausarbeiten.de/faecher/v... 70719.html ). Wäre dem nicht so, könnten die "großen" Erzeuger den Preis wie z.B. im Mineralölmarkt fast nach Belieben bestimmen. Und keine Sorge - bis es wirklich zum 'Blackout' kommt, muss viel passieren. Für sowas gibt's einerseits 'Kaltreserven', andererseits die lieben Nachbarn, die kurzfristig mit Strom aushelfen... (:

Die kritische Stimme
02
17.2.2012, 12:03
Na, dann viel Spaß

mit Smartgrid und Smartmetering.

Wenn die Haushalte so ca. 15 Cent pro kWh bezahlen, an der Börse aber 35 ct verdient werden können, wird man wohl in Zukunft ein paar 1000 Haushalte abschalten, um den Strom nach Frankreich verkaufen zu können.

Viel Spaß in der schönen, neuen Welt!

elektrofan
 
00
17.2.2012, 14:23
Besser vernetzten

die Stromkonzerne sollte sich an Hr. Hochegger wenden - der ist ja angeblich am besten vernetzt - aber die Geldkoffer nicht vergessen!!!

GreenTwig
21
17.2.2012, 09:51
Zocken?

Worin bestand denn diese "Zockerei" genau?
Antwort: indem Händler Strom NICHT vorab gekauft haben, weil's zu teuer war. Ist es Aufgabe einzelner Händler, die Gesamtversorgung sicherzustellen. Oder gibt's da nicht übergeordnete Behörden, die anhand der Temperaturen bessere Prognosen berechnen können?

Ijon
03
17.2.2012, 10:11

Ich schätz mal die Zockerei bestand darin, sich auf die günstigere Regelleistung zu verlassen.
Ich find die müßte eben auch zum Marktpreis verkauft werden und nicht um einen Bruchteil.
Sonst würd jeder Händler blöd sein, nicht so zu handeln.

linksrechts
03
17.2.2012, 09:06
die Californier hatten dies bereits mit enron

bis sowas nach europa kommt dauerts wohl immer 10 Jahre.

Mario0407
00
17.2.2012, 08:57
Energie

Kann mir bitte jemand erklären wie man Strom an der Börse verkaufen kann, und wie dies zu einen Ebgpass führen soll???? Ist das eine neue Technologie oder so????

Charly Firpo
00
17.2.2012, 10:00

Strom wird schon seit langem auf der Börse in Leipzig z.b. gehandelt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Strombörse

Wenn der Strom an der Börse billiger gehandelt wird als die eigene Produktion kostet, dann wird diese zurück gefahren und der Strom dort eingekauft, oder umgekehrt dort verkauft.

In At haben mehrere Stromerzeuger eine gemeinsame Tochterfirma die im Tower Wienerberg sitzt, die nichts anderes macht als den ganzen Tag an der Börse zu handeln und die Grobplanung der Auslastung der Kraftwerke in At zu machen. (Natürlich gibts da einen gewissen Rahmen in dem sie sich bewegen müssen/können)

Rufus 666
00
17.2.2012, 09:20
Energie wird selbstverständlich sinnvollerweise an der Börse gehandelt, wo sonst?

datum abgelaufen, ware in ordnung
01
17.2.2012, 08:56

mir scheint, dass güter des elementaren überlebens - strom, getreide, wasser - nicht dafür geeignet sind, frei gehandelt zu werden.

austria_traveller
65
17.2.2012, 07:45
Privat ist besser als Staat

GreenTwig
01
17.2.2012, 12:46
Ist tatsächlich so...

...anders als die Mainstream-Meinung ständig kundtut, lag die Ursache für Californians Blackout in Regierungs-Interventionenen, speziell durch das Gesetz von 1996. Dieses regulierte die Resale-Preise und zwang Firmen wie "Southern California Edison" und "Pacfic Gas and Electric" Kraftwerke zu verkaufen, was zu Ineffizienzen durch Aufweichen der vertikalen Integration dieser Firmen führte. Durch verstärkte Zuwanderung, Preisregulierung unterhalb der Marktpreise sowie von der Regierung aufgezwungene Desintegration der Anbieter kam es zu Knappheiten, die überigens vorhersehbar waren.

..:serial:..
00
19.2.2012, 22:44
Die Stromausfälle in Kalifroinien

wurden von Enron ausgelöst um die Strompreise massiv in die Höhe zu treiben.

http://www.spiegel.de/wirtschaf... 64,00.html

GreenTwig
00
20.2.2012, 10:02
"Auslöser" ist nicht gleich Ursache

Der Artikel kommentiert daher: "Der Ausfall verschärfte die Energiekrise in Kalifornien". Das heißt, die Situation auf den Energiemärkten war schon angespannt.
Dasselbe sieht man jetzt. Mit Maßnahmen wie "Finanztransaktionssteuer" werden nur "Auslöser" bekämpft, nicht aber die Verursacher.

Fritz Meyer
00
17.2.2012, 12:44
M. Thatcher, 1978?

Übrigens seit knapp 35 Jahren widerlegt.

albertalbert
00
17.2.2012, 11:55

Sie fallen noch immer auf die alte Leier von OEVP und FPOE rein.

Mary Nosch
02
17.2.2012, 11:53
Ein Schüssel-Fan,

der letzte?, der hier postet. Mit dem dummen Spruch ist der Ex-Kanzler hausieren gegangen, so ab Ende der 1980er Jahre.
Was von dieser Leuchte zu halten ist, kommt täglich aufs Neue in Untersuchungsausschüssen zu Tage.

Mariana
05
17.2.2012, 01:28

Es sieht ganz danach aus, als hätten die Zocker an dem akuten Strommangel in Frankreich recht gut verdient. In Frankreich werden viele Häuser mit Strom beheizt. 58 AKW's waren nicht in der Lage, den Bedarf zu decken - lächerlich! Da es verflixt knapp wurde, musste Strom aus Deutschland importiert werden - zu satten Preisen. Die würden wohl glatt die eigene Großmutter verkaufen, wenn es rentabel wäre.

Unglaublich: die deutschen AKW-Aussteiger beliefern Frankreich in der Kälteperiode mit Strom - vor allem um "high noon" herum wegen der Solarpanels! Die ganzen Kassandras hatten das ja irgendwie andersherum prophezeit.

Martin Müller10
 
03
17.2.2012, 00:49
Welttag des Analphabetismus? Es ist erschreckend!

"Aufgrund eines drohenden Engpasses bei der Stromversorgung haben vier deutsche Netzbetreiber Reservekapazitäten in Österreich zurückgegriffen" ,"Die Kältewelle trieben den Verbrauch eklatant in die Höhe.", "Das deutsche Stromnetz ist in den kalten Wintertagen möglicherweise durch riskante Handelsgeschäfte von einem Zusammenbruch bedroht gewesen," Ein "auf" fehlt, die Kältewelle ist Plural, ein 50:50 Joker: in oder an?

Reich sein muss sich lohnen!
06
16.2.2012, 22:16
Einfache Lösung:

Der Strompreis der Reserve ist immer mindestens um 50% höher als der aktuelle Kurs an der Strombörse.

pmacke
01
16.2.2012, 23:30

mir ist auch nicht klar warum Regelenergie am Markt billiger sein soll als vorher angemeldeter Bedarf. Außerdem ist Regelenergie eigentlich Scheinleistung oder Frequenzregelung. Im Artikel klingt das aber eher nach Spitzenstrom aus Wasser- und Gaskraftwerken
???

Aguirre74
 
08
16.2.2012, 21:52

Hat das nicht Enron schon vor Jahren in Californien so betrieben, nachdem das Netz "privatisiert" wurde? Strom aus Californien raus exportieren, warten bis der Strom in Californien alle ist und dann sauteuer reimportieren. Die Kraftwerke haben durch fake-Abschaltungen wegen "Reparaturen" fest mitgespielt und -kassiert. Tja, die Segnungen des freien Marktes zum Wohle der Allgemeinheit.

Schwingschnelle
09
16.2.2012, 21:38
Gehört alles Rückverstaatlicht, miese Zocker!!

egal9
010
16.2.2012, 22:13

Das kommt dabei raus, wenn man grundlegende Infrastruktur und die Grundversorgung der Bevölkerung den Profitinteressen einiger Konzerne/"Investoren"/Aktionären usw. unterwirft.

Seria
12
16.2.2012, 21:34

nach Frankreich also auch Deutschland in der Predulie. Das stört aber die Grünen nicht. Wichtig ist es gegen jede energiegewinnung zu sein: Wind stört die LAndschaft, Wasser tötet lebewesen in bestimmten Regionen. Gas aus 6000 m Tiefe soll angeblich Grundwasser verseuchen.
Auch als die eisenbahn eingeführt wurde gab es Bedenken ob ein Mensch überhaupt Geschwindigkeiten schneller als, die von Pferdekutschen übehaupt ohne größere Schäden überlebt.
Sicher ist nur: Atomenergie und die Endlagerung der Abfallprodukte ist ein ungelöstes Problem!!

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