Arzneimittelfälschungen erreichen Krebsmedizin

16. Februar 2012, 16:50
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Produkte ohne Inhaltsstoff in den USA aufgetaucht - Medikament mit monoklonalen Antikörpern betroffen

Washington/Wien - Die Problematik der Arzneimittelfälschungen hat offenbar auch die Krebsmedizin erreicht. In den USA haben die Arzneimittelagentur FDA und Genentech (Roche) vor Fälschungen des Biotech-Medikaments Bevacizumab ("Avastin") gewarnt. Der monoklonale Antikörper wird in der Therapie mehrerer Tumorerkrankungen eingesetzt und soll die Gefäßneubildung verhindern.

"Das gefälschte Produkt enthält keinen echten Wirkstoff, nämlich Bevacizumab. Das könnte bedeuten, dass Patienten nicht die benötigte Therapie erhielten", warnte die FDA. Das Medikament gehört zur sogenannten "zielgerichteten Therapie" bei onkologischen Erkrankungen und wird zum Beispiel bei Dickdarm- und Lungenkrebs - zumeist in Kombination mit Chemotherapeutika - eingesetzt. Allein in den USA hat das Arzneimittel vergangenes Jahr einen Umsatz von rund 2,5 Mrd. Dollar (1,93 Mrd. Euro) gemacht. Eine Packung des Produkts zur intravenösen Verabreichung kostet dort 2.400 Dollar (1.849 Euro). Auffällig war offenbar vor allem, dass die Packungen unter "Roche" und mit französischem Aufdruck firmierten. In den USA erfolgt der Vertrieb allerdings über den eigentlichen Hersteller, das Tochterunternehmen des Schweizer Pharmakonzerns Roche, Genentech.

Zweifelhafte Präparate

Die FDA hat 19 Arztpraxen vor der Verwendung solcher zweifelhafter Präparate gewarnt. Sie tauchten offenbar als Empfänger von Lieferungen zweiter Pharma-Versandgroßhändler auf. Die Verbreitung solcher Fälschungen in Arztpraxen könnte in den USA bei solchen Produkten leichter erfolgen, weil dort auch onkologische Therapien zu einem guten Teil außerhalb von Spitälern - oft auch privat bezahlt - erfolgen. Das macht die Überwachung schwieriger. In Österreich gibt es de facto keine Onkologie außerhalb von Krankenhäusern, Tageskliniken oder Ambulanzen.

In den westlichen Industriestaaten vor allem von Fälschungen betroffen sind relativ teure Medikamente, die nicht von den sozialen Krankenkassen erstattet werden. Paradebeispiel sind hier Potenz- und Abnehmpillen, die vor allem via Internet gehandelt werden. In den Entwicklungsländern ist aber auch beispielsweise die Vermarktung von Antibiotika-Fälschungen ein Riesengeschäft. Das zahlt sich in den Industriestaaten kaum aus.

Im Jahr 2009 wurde beispielsweise weltweit ein Arzneimittelumsatz von rund 800 Mrd. US-Dollar (616 Mrd. Euro) gemacht. Je nach Anwendungsgebiet für Medikamente kamen Fälschungen laut Schätzungen auf einen Anteil von sieben bis 15 Prozent. Zu unterscheiden sind Fälschungen ohne Inhaltsstoff, mit toxischen, exakt "nachgebauten" oder nur ähnlichen Wirksubstanzen. Oft stammen die Präparate aus dem Fernen Osten, zum Beispiel aus China. (APA)

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