Amnesty erhebt schwere Vorwürfe gegen neue Machthaber

16. Februar 2012, 16:15

Trotz Zusagen des Übergangsrats bleiben Folterer unbestraft - Kein Ende der Übergriffe

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erhebt in einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht schwere Vorwürfe gegen Libyens neue Regierung. So habe es der Übergangsrat trotz mehrmaliger Zusagen bis heute nicht geschafft, etwas gegen die Folterung mutmaßlicher Gaddafi-Anhänger zu unternehmen, und willkürliche Verhaftungen seien weiterhin an der Tagesordnung.

Angehörigen libyscher Milizen wird vorgeworfen, Gefangene vor einer Amnesty-Delegation versteckt zu haben. Die Ermittler befragten zahlreiche Häftlinge, die berichteten, gefoltert worden zu sein, und entsprechende Verletzungen vorzeigten.

Vertreibungen

Amnesty berichtet, dass die 30.000 Bewohner Tawerghas bei der Einnahme der Stadt durch Milizen im August vertrieben wurden. Seitdem hätten die Kämpfer aus Misrata Wohnhäuser und Infrastruktur in der traditionell Gaddafi-freundlichen Stadt systematisch zerstört, um eine Rückkehr der Geflohenen zu verhindern.

Die Delegation berichtet, dass seit dem letzten Amnesty-Besuch im September 2011 zahlreiche weitere Gebäude niedergerissen wurden, auch die Ortsschilder Tawerghas wurden übermalt.

Ein Bewohner der Stadt Sirte, in der sich Muammar al-Gaddafi versteckt hielt, berichtete, dass er am 20. Oktober vor andauerndem Artilleriebeschuss geflohen sei und von Milizen festgenommen wurde. Ein Kämpfer, der ihn persönlich kannte, habe sich für ihn eingesetzt und so seine Freilassung erwirkt. Seinen Bruder und mehrere Nachbarn, die im gleichen Auto flüchteten und von einer anderen Miliz festgenommen wurden, fand man später in einem Hotel tot auf.

Willkürliche Festnahmen

Nach dem Sturz Gaddafis machten die Milizen Jagd auf dessen Anhänger. Zahlreiche Afrikaner wurden unter dem Vorwurf, als Söldner für den Diktator gekämpft zu haben, verschleppt. Allein im Gefängnis Ain Zara sitzen 400 Ausländer. Zehn Prozent davon wird laut offiziellen Angaben vorgeworfen, sich an Kämpfen beteiligt zu haben, der Rest wird festgehalten, weil sie keine Papiere vorweisen können und ihr Aufenthaltsstatus unklar ist.

Aus Tripolis und Sirte wird berichtet, dass schon der Vorwurf, Alkohol getrunken zu haben, für eine Festnahme ausreicht.

Straflosigkeit

Amnesty hat die Übergangsregierung im Mai, September und Oktober 2011 auf Menschenrechtsverletzungen in ihrem Verantwortungsbereich hingewiesen. Die neuen Machthaber sagten zu, die Vorwürfe zu überprüfen, haben aber laut der Menschenrechtsorganisation weder den politischen Willen noch die Macht, gegen die Milizen vorzugehen.

Obwohl der Übergangsrat im September 2011 zusicherte, die Milizen unter seine Kontrolle bringen zu wollen und alle gemeldeten Zwischenfälle zu untersuchen, hat sich laut Amnesty seitdem nichts geändert. Es sei kein Fall bekannt, in dem Mitglieder von Milizen für Übergriffe auf Gefangene zur Verantwortung gezogen wurden. Die Folterungen gingen auch im Jahr 2012 weiter.

Ein Staatsanwalt sagte zu Amnesty, er könne nicht gegen Milizen ermitteln, weil sonst seine Sicherheit gefährdet sei und sich niemand um den Schutz kümmere. Mustafa Abdel Jalil, der Vorsitzende des Übergangsrates, sagte am Wochenende zu Reuters, die Entwaffnung der Milizen und ihre Integration in die Sicherheitskräfte dauerten leider länger als erwartet. Man habe aber ein Komitee eingerichtet, das Foltervorwürfe überprüfen solle, und auch die Vertriebenen sollten schlussendlich in ihre Wohnungen zurückkehren dürfen.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat Ende Jänner die Arbeit in den Internierungszentren der libyschen Stadt Misrata beendet, nachdem Mitarbeiter festgestellt hatten, dass Gefangene gefoltert werden und ihnen medizinische Hilfe vorenthalten wird. (bed, derStandard.at, 16.2.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 115
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Alien Nation
25
17.2.2012, 16:20
Zum Glück hatten die Kritiker der Kriegshandlungen in Libyen unrecht und sind nach dem Sturz des Diktators ist das goldne Zeitalter in Libyen angebrochen.

Nach dem jetzt alles erreicht ist und man dem Bericht glauben schenken kann so sollte die NATOd Führungsriege mal nach Tripolis und Sirte fahren und auf ihren Erfolg anstoßen, vielleicht kommt sie ja dann auch in den Genuss der Moralvorstellungen unserer (vom Terroristen zum Demokratieaktivisten) Freiheitskämpfer.

angelvoices
26
17.2.2012, 13:47
eigentlich sind es Opfer

der gesteuerten westlichen Agression...

ein nackter affe aber kein nutzidiot
23
17.2.2012, 13:36
kaumwahrgenommenbeiunsimösiland

die erste repräsentative meinungsumfrage in libyen:

Ergebnisse u.a. 14% erachten ihre Situation für schlechter als vor der Revolution

siehe

http://www.zdf.de/ZDFmediat... ngsumfrage

Martin Demelmair
 
03
17.2.2012, 19:02
Ohne Links dauert es - vielleicht? - keine StundEN ...

Die personellen und institutionellen Verbindungen zw. d. ORG und dem Iraq Body Count Project
(etwa Hamit Dardagan und John Sloboda) machen mich mißtrauisch, wenn jetzt nach der jüngsten Intervention das ORG in Libyen auftritt.

Die Ergebnisse sind auch diesmal "highly regarded by the mainstream media" während, was skeptischer/kritischer daherkommt "is subject to intense criticism and even rejected out of hand".

Rückblickend wird wohl wieder gelten: "[...] they could have done much more to challenge the cynical exploitation of their figures by journalists and politicians [...] to warn [...] of the number and type" of gaps in their database [...]" (medialens,
PAVED WITH GOOD INTENTIONS)

Martin Demelmair
 
22
17.2.2012, 14:04
Ja eh! Demokratie und Demoskopie ...

http://www.oxfordresearch.com/resources... er+CPA.pdf

barney
02
17.2.2012, 14:13
Danke

Die nackte Wahrheit ist durchaus nützlich!

Martin Demelmair
 
03
17.2.2012, 17:23
Die personellen und institutionellen Verbindungen zw. d. ORG und dem Iraq Body Count Project

(etwa Hamit Dardagan und John Sloboda) machen mich mißtrauisch, wenn jetzt nach der jüngsten Intervention das ORG in Libyen auftritt.

Die Ergebnisse sind auch diesmal "highly regarded by the mainstream media", während, was skeptischer/kritischer daherkommt, "is subject to intense criticism and even rejected out of hand".

Rückblickend wird wohl wieder gelten: "[...] they could have done much more to challenge the cynical exploitation of their figures by journalists and politicians [...]"

http://www.medialens.org/alerts/06... _part2.php

Martin Demelmair
 
03
17.2.2012, 20:13
Ich will nicht ausschließen, daß man seit dem IBCP dazugelernt hat ...

... aber was für Vertrauen soll ich in die Ergebnisse einer Aktion setzten, in deren Rahmen im Dezember 2011 und Jänner 2012 (!) Busladungen von Studenten aus Benghazi (!) durchs Land (?)geschickt wurden, um eine "face-to-face survey" (Oxford Press Office) durchzuführen?

Die Interview-Situationen stell ich - was empirische Sozialforschung angeht, ohne jede Erfahrung - mir z.T. spannend vor. Dazu kommt die Frage, wohin sie in Anbetracht der Sicherheitslage eigentlich konnten/wollten/durften?

ein nackter affe aber kein nutzidiot
12
17.2.2012, 14:44
genau

liste der bisherigen auftraggeber von oxford research international:

http://oxfordresearch.com/5.html

ein nackter affe aber kein nutzidiot
12
17.2.2012, 14:46
besonders verdächtiger auftraggeber

Electrolux (Vienna, Austria)

seapoint
50
17.2.2012, 10:57

Gaddafi ist tot. Viele kleine Gaddafis, vom Westen wachgeküsst, kommen hoch.

wolfgang1120
17
17.2.2012, 09:34
tja, so ist die realität im vielgerühmten arab. frühling ....

an alle jubler: willkommen in der realität!

Kontrahent1
06
17.2.2012, 12:19
Besonders traurig ist nur,

daß genau dies von so vielen vorausgesagt wurde. Aber die 'Freiheitskämpfer' waren ja die 'Guten' und die reguläre Armee 'Gaddafis Schergen'. Wo bleibt die Nato bei dem Schutz für die Zivilbevölkerung? Alles Lug und Trug und darum: VORSICHT BEI DEN BERICHTEN ÜBER IRAN !!! Irak und Libyen sind genug und auch Ägypten scheint unterzugehen.

barney
08
17.2.2012, 12:47
deja vu

Und täglich grüßt das Murmeltier...
Jetzt erleben wir den Vorgang in Syrien: wackere "Freiheitskämpfer" gegen "blutrünstige Militärs"! In Wahrheit will der "Westen" mithilfe bezahlter und mit Waffen ausgestatteter Guerillia-Krieger den letzten russischen Mittelmeer-Stützpunkt in seine Hand bekommen.

Kontrahent1
01
17.2.2012, 14:24
Richtig!

Bei allen Berichten fällt auf, daß die 'Freiheitskämpfer' niemals zurückschießen, daß von ihnen keinerlei Zivilisten zu Schaden kommen. Es ist alles wie in Libyen. Und schaut man sich die Bevölkerungsstruktur in Syrien an, dann weiß man, daß das Chaos nach dem Sturz des Regimes das gleiche wird, wie in den anderen Ländern. Die Christen sind sowieso schon am Zittern. Einzig Afghanistan, da wird es nach Abzug der Truppen einen kurzen Krieg, ein kurzes Morden und dann die Ruhe des Friedhofs geben, denn die Taliban spaßen nicht.

Rongo
110
17.2.2012, 09:26
Nur ist es jetzt leider zu spät!

Hätten die Medien nämlich vorher die westliche Propaganda nicht derart unreflektiert nachgeplappert, vielleicht hätte es man sich dann auch nicht leisten können die Milizen zu unterstützen und Gadaffi zu stürzen.

suedsee insulaner
 
13
17.2.2012, 08:36
Langer bericht von CNN heute frueh...

MILITIA OUT OF CONTROL ! Und wenn CNN so einen bericht bringt, bekanntlich ja sehr US government hoerig , besonders der Andersen Cooper, dann muss es schon sehr boese dort zugehen.
Aber mein hoert kein wort von den USA + EU. Sind die dort alle taub ??? Sicherlich nicht, die wollen bloss ihre verfehlungen nicht eingestehen und sich nicht die haende politisch schmutzig machen.
G. war sicherlich nicht der ideale fuehrer, aber besser noch als die macht der marodeure . Sein moeder ist ja bestens bekannt und darf sich des mordes den er offen zugegeben hat wohl erfreuen.

santa fe
 
88
17.2.2012, 01:38

jetzt sehen wir (zum x-ten mal), wie die von den schergen der FI herbei-massakrierte demokratie aussieht. ähnliches droht auch uns, wenn wir nicht beginnen, die bisher friedliche demontage unserer demokratie zu stoppen und sie zu erneuern.

die vorausetzung dafür ist unsere befreiung von der erpressung durch löhne und transfer-almosen. wir müssen unsere persönliche souveränität friedlich-mehrheitsdemokratisch zurückerkämpfen, solange die demokratie bei uns wenigstens noch de jure besteht.

BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN für alle.

wir sind nicht die schuldner der FI, sie schuldet uns ihren sozialraub, den sie in ihr unermessliches guthaben verwandelt hat und in krieg investiert. sie ist nicht unser tyrann, sie ist unsere finanzverwaltung.

dritter.mann
 
46
17.2.2012, 02:12
Könnten Sie wenigstens einmal, nur einmal!

Auf den Inhalt dieses Berichts eingehen, ohne sofort zu prognostizieren, dass es "uns" demnächst "allen" so ergehen wird? - Denn das ist ebenso infam wie dumm. Wenn es demnächst jemandem so ergehen wird, dann in Syrien - sobald der vom "wilden Westen" unterstützte islamistische Mob die Oberhand über Assad und damit weite Teile der Bevölkerung gewinnt.

Peace 4 Libya
30
17.2.2012, 09:45

Die Verwertung Griechenlands hat begonnen.

Sehen Sie irgendwo andere Versuche der Lösung von Problemen als die Altbekannten?

Dann können Sie sich ausrechnen wie es weiter geht.

Vor allem wenn die Hintergründe der Probleme IMMER noch nicht Thema sein dürfen.

Lichtfreak
01
17.2.2012, 09:11
Sobald die Weltwirtschaft

die Arbeitslosenzahlen hier noch weiter anschwellen lässt....

Heinz Patzelt
110
17.2.2012, 00:51
Weil weiter unten bezweifelt wurde,

ob wir auch das alte Libyen kritisch hinterfragt haben bzw. über Menschenrechtsverletzungen berichtet haben:

Unsere Libyen-Berichte finden sie hier:

http://www.amnesty.de/laenderbe... cht/libyen

den Jeweiligen Regionsbericht unter "Mittlerer Osten und Nordafrika":

http://www.amnesty.de/laenderberichte

bzw hier der Regionsbericht Mitlerer Osten & Nordafrika mit 3 Fundstellen zu Libyen für den Zeitraum 2010

http://www.amnesty.de/jahresber... nordafrika

mfg hp

jacques05
00
22.2.2012, 19:01
ich bin mitglied bei amnesty...

und bin entteuscht über die relative stille über libyen.
oder besser, dass amnesty nicht aktiver über die wahren zusammenhänge und die wahren täter in libyen spricht.
mittlerweile weiß jeder depp, wer hinter dieser "revolution" stand und steht.
unsere staats und regierungschefs, am gängelband der usa.
warum nennt ihr nicht unsere bundesregierung und den uhbp als mittäter an diesem grausigen spiel?
oder ist es ohnehin egal, weil wir bald ganz andere, oder besser die gleichen sorgen haben werden?

Das scheue Reh
11
17.2.2012, 09:45

Das traurige an den Post weiter unten sind die 10 "brillant" Bewertungen.

Wenn die Wahrheit so zurechtgebogen wird, dass sie zur eigenen Überzeugung passt, dann ist das sehr bedenklich und eine Diskussion wird sehr schwierig.

Ich bin natürlich auch nicht im Besitz der absoluten "Wahrheit" und bin mir dessen sehr bewusst.

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Posting 1 bis 25 von 115
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