Album "Befehl von ganz unten"

Bring den Vorschlaghammer

16. Februar 2012, 17:08
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    foto: universal

    Punkrock im digitalen Zeitalter: Die deutsche Band Deichkind entdeckt in der Verweigerung des Guten, Wahren und Schönen revolutionäres Potenzial.

Die deutsche Band Deichkind ("Arbeit nervt") perfektioniert auf dem Album "Befehl von ganz unten" die hohe Kunst, den 16-Jährigen in uns zu unterhalten

Zu den tollsten Möglichkeiten, sich kurzfristig gegen das Erwachsenwerden zu stemmen, zählt zweifellos der Besuch eines Konzerts der deutschen Band Deichkind. Noch besser wäre es freilich, gleich selbst ein Mitglied der Band Deichkind zu sein. Leider aber sind Deichkind mit drei Leuten vorn an der Rampe und einem Mann, der hinten schaut, dass der Strom aus der Steckdose ordnungsgemäß die Soundfiles ins Mischpult pumpt, restlos ausgebucht. Als Mitglied der Band Deichkind würde man auf der Bühne jedenfalls jede Menge hoffnungslos kindischen Unsinn machen dürfen. Dazu zählen das Hüpfen, Tanzen und Springen oder auch lustige abgehackte Bewegungen wie ein Roboter machen. Kunststück, man steckt ja auch als Mittelding aus Mensch, Maschine und Müllkippe in bunten Müllsäcken. Dort kocht man unter Neon-Fingerfarben-Make-up und den Hirnstrom Richtung testosteronhaltiges jugendliches Delinquententum lenkenden Pyramidenhelmen nach Niedergarmethode eineinhalb, zwei Stunden auf Großraumbühnen langsam durch.

Dann schnalzt es die Sicherungen. Man könnte das Publikum jetzt mit Superpower-Hirnstromkräften, die ins kollektive Zentrum der zerebralen Mindestanforderungen wie jener des Überlebenstriebs zielen (Hunger, Durst, fad, lästig), total brutal psychomäßig beeinflussen. Die Leute sollen zettbe alle gleichzeitig vorher kräftig geschüttelte Bierdosen über ihren Köpfen öffnen. Im Saal macht es krrrr-pfff. Dann macht es zosch. Das ist Gaudi pur. Die deutsche Band Deichkind nennt das "Bierwelle". Die Leute im Saal sind begeistert. Noch beim Nachhausefahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln bekommen so die verschreckten Spießer in den Wagons den Geruch der Freiheit und Revolution zu spüren. Als weiteren besonderen Anreiz, rechtzeitig auf Konzerten der deutschen Band Deichkind zu erscheinen, hat man für die vorderen Saalreihen sozusagen als Fanbetreuung eine sogenannte "Wodkazitze" erfunden.

Langsamer schlafen!

Das muss man sich als Modifikation der zumindest im Alpenvorraum legendären Bierfräse vorstellen. Die Band Deichkind modifiziert Bier hin zu Wodka. Ein Konzert dauert schließlich nicht den ganzen Abend. Da muss also auch innerhalb eines relativ kleinen Zeitfensters etwas gehen. Die russischen Vitamine strömen aus Schläuchen zügig in den Volksmund. Jetzt wird es Zeit für die Feier des Lebens. "Krawall und Remmidemmi!", lautet ein großer Hit der deutschen Band Deichkind. Das freut den 16-Jährigen, der in jedem von uns von der Wiege bis zur Bahre steckt, natürlich volle Wäsche. Über harten Computerbeats und technoidem Bassknarzen sowie das Establishment, die Zombies draußen vor der Halle, die Eltern daheim und die Leute in der Regierung und Schulverwaltung, verrückt machenden Unterschicht-Konsolen-Sounds aus der Spielhölle folgt nun die Hymne des frühen 21. Jahrhunderts.

Von wegen Die Arbeiter von Wien oder Brüder, zur Sonne ... oder Mann der Arbeit, aufgewacht: Das neue Einheitsfrontlied heißt Arbeit nervt. Und gleich morgen, wenn wir nach diesem Erweckungserlebnis bei einem Konzert der deutschen Band Deichkind aufwachen, werden wir unser Leben selbst in die Hand nehmen. Wir werden im Bett bleiben. Die Parole: Langsamer schlafen! Unsere Marseillaise nennt sich 99 Bierkanister.

99 Bierkanister ist auf dem neuen Album der deutschen Band Deichkind zu finden. Es trägt den schönen Titel Befehl von ganz unten und beinhaltet eine gewohnt brillante Mixtur aus Techno-Vorschlaghammer und HipHop mit dicker Hose. Heraus kommt digitaler Punkrock. Volle Kanne, volle Kante. Philipp Grütering, Sebastian Dürre, Henning Besser und Ferris MC, die Mitglieder der deutschen Band Deichkind, entdecken im Auge des Hurrikans eine umstürzlerische Kraft: Ballermann von H. P. Baxxter und der Hyper-Hyper-Kasernenhofdiscomusik der Berliner Band Scooter. Die göttliche asoziale Energie der Berliner Gangsta-Rap-Szene (Bushido, Sido, Bass Sultan Hengzt oder King Orgasmus One ...). Schließlich Punkrock und die Beschwörung des großen Anti. Smells like Umsturz.

Wir hören auf Befehl von ganz unten der deutschen Band Deichkind Trash und Subversion. Wir feiern Hymnen auf das illegale Downloaden wie den Song Illegale Fans. Bück dich hoch soll die jungen Leute an das Schicksal ihrer Väter in entfremdeten Lohnarbeitsverhältnissen erinnern. Die Lösung lautet einmal mehr Egolution. Als erster Schritt in die Unabhängigkeit empfiehlt es sich, den Stecker zu ziehen. Geile Platte.

Die russischen Vitamine strömen aus Schläuchen zügig in den Volksmund. Jetzt wird es Zeit für die Feier des Lebens. Deichkind haben dafür einen Slogan: "Krawall und Remmidemmi!" (Christian Schachinger, DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2012)

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Posting 1 bis 25 von 38
1 2
Gretchenfrage?
10
18.2.2012, 11:13
Der 16-Jährige in uns

Zum Glück habe ich die Pubertät hinter mir. Und deswegen interessieren mich Deichkind nicht.

Manuel Eder, hinter mir die Sinnflut
01
17.2.2012, 18:02

Der Herr Schachinger hats schon ganz gut getroffen. Deichkind heißt einen Abend lang ausbrechen aus dem spießigen Alltagsleben. Job und Verpflichtungen sind vergessen und im Kopf herrscht nur Party. Das kann sehr befreiend wirken.

AnyGivenSunday
00
17.2.2012, 16:46

lässiger artikel. danke dafür.
und jetzt geh ich wieder an die arbeit – auch wenns mich derb nervt.

santa fe
 
00
17.2.2012, 15:47

kraftvoll, meister.

Michel Houellebecq1
00
17.2.2012, 15:43

finde das neue album nicht sehr berauschend. fesselt weniger, wie noch "aufstand im schlaraffenland"...

trotzdem:

ewig dankbar für diesen abend. unerreichbar --> http://www.youtube.com/watch?v=uVuO4FY1Tro

YoungManKlaus
00
17.2.2012, 14:17
weniger saufen ...

sinnvollere rezensionen schreiben ...

Obusha
 
00
17.2.2012, 14:28

ich persönlich hab viel über russische vitamine und volksmünder erfahren

derschonwieder
11
17.2.2012, 13:43
Bushido und Sido (die andern kenn ich nicht) sind sexistische homophobe patridiotische bis nationalistische Arschlöcher.

Deichkoind mit denen zu vergleichen ist eine Frechheit.

Michel Houellebecq1
10
17.2.2012, 15:24

da ich ironie ausschließe:

http://tinyurl.com/7uleuwm

mehr muss man dazu eh nicht sagen.

derschonwieder
00
17.2.2012, 20:40
Ich will/kann mir das Video grad nicht anschaun, aber:

Sollte es darauf hinaus laufen daß die beiden irgednwas a la "Scheiß Staat, scheiß Bullen..." sagen:
Das machen andere, Hardcorenationalisten, sprich Nazis, auch.

Michel Houellebecq1
10
17.2.2012, 20:59

mit der aussage disqualifizieren sie sich gerade selber. sie haben doch einfach keine ahnung und plappern irgendeine vorgekaute meinung nach.

dass die frauenverachtenden und homophoben (wobei ... 'homophob' basiert ja vor allem darauf, dass in den texten wörter wie "schwuchtel" vorkommen) texte schon jahre zurück liegen und beide sagen "das war ein fehler", wird gekonnt ignoriert.

dass sich (vor allem im fall "bushido") ein kommerziell erfolgreicher migrant öffentlich hinstellt und sagt "ja... den und den fehler hab ich gemacht, macht ihr ihn nicht." ist für mich wichtiger, wie 5 integrationsstaatssekretäre zusammen. wer wird bei der jugend wohl mehr gehör bekommen?

jetzt darfst weiter vor(ver)urteilen.

gratis trinken
01
17.2.2012, 21:58

Auch nur bei jugendl.migrantrn. und die dann das alles dann fuer bare muenze.dann doch lieber den integrat.staatssrkr

Je m'appelle Mirabelle L.
 
00
17.2.2012, 13:14
foto

tolles styling.

der gärtner
02
17.2.2012, 13:06

von der studenten electronic music
zum faule berufsschülers-techno

schade.

cheesus
02
17.2.2012, 14:59

fragt sich was schlimmer ist

Zitronenbaum
03
17.2.2012, 12:43
Bild:

Pyramidhead-Mode!

Moist von Lipwig
10
17.2.2012, 10:36

Nett, aber Deutschrap-mäßig ist zurzeit DCVDNS das Maß aller Dinge 8)

Mumpitz
00
17.2.2012, 12:29

Scherz, oder :-)

Moist von Lipwig
00
17.2.2012, 13:03

Sein ganzes Programm - ja, meine Aussage - nein ;)

RebelAngel
 
00
17.2.2012, 10:12
also wenn das ein Vorschlaghammer sein soll...

Herr Schachinger, ich empfehle heute Abend in der großen Arenahalle anzutreten, 19:20 on Stage Misery Index. Entsprechende Ausstattung wäre zu empfehlen

http://tinyurl.com/6r7sbb2

dersalner
00
17.2.2012, 03:52

"Bitte ziehen Sie durch" wird auf immer das Beste Album bleiben von Deichkind.

Trotzdem feier ich den komplett abgedrehten Electro Sound mit den verrückten überdrüberlyrics immernoch.

Spätestens bei Track 4 ist dieses alte "Aufstand im Schlaraffenland" Feeling wieder hergestellt.

Dreiheit1
00
17.2.2012, 11:22

"ja wir machen Evergreeeens, die ewig Schlepper zieheeeen" ... ach, das waren Zeiten...

major schloch1
02
17.2.2012, 01:06
bin heute im "spiegel"...

...über den satz "Deichkind geben die ganz große Sause für die 16-Jährigen aller Altersklassen" gestolpert & fand den beim drüberlesen ganz treffend - wie offensichtlich auch der gute schach.

papyrus
08
16.2.2012, 20:50

wieder mal eingraucht gwesen, beim Schreiben?

Cle Mens
01
17.2.2012, 11:38

Eher Wodkazitze nebst Geruch der Freiheit und Revolution ...

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