Die deutsche Band Deichkind ("Arbeit nervt") perfektioniert auf dem Album "Befehl von ganz unten" die hohe Kunst, den 16-Jährigen in uns zu unterhalten
Zu den tollsten Möglichkeiten, sich kurzfristig gegen das
Erwachsenwerden zu stemmen, zählt zweifellos der Besuch eines Konzerts
der deutschen Band Deichkind. Noch besser wäre es freilich, gleich
selbst ein Mitglied der Band Deichkind zu sein. Leider aber sind
Deichkind mit drei Leuten vorn an der Rampe und einem Mann, der hinten
schaut, dass der Strom aus der Steckdose ordnungsgemäß die Soundfiles
ins Mischpult pumpt, restlos ausgebucht. Als Mitglied der Band Deichkind
würde man auf der Bühne jedenfalls jede Menge hoffnungslos kindischen
Unsinn machen dürfen. Dazu zählen das Hüpfen, Tanzen und Springen oder
auch lustige abgehackte Bewegungen wie ein Roboter machen. Kunststück,
man steckt ja auch als Mittelding aus Mensch, Maschine und Müllkippe in
bunten Müllsäcken. Dort kocht man unter Neon-Fingerfarben-Make-up und
den Hirnstrom Richtung testosteronhaltiges jugendliches Delinquententum
lenkenden Pyramidenhelmen nach Niedergarmethode eineinhalb, zwei Stunden
auf Großraumbühnen langsam durch.
Dann schnalzt es die Sicherungen. Man könnte das Publikum jetzt mit
Superpower-Hirnstromkräften, die ins kollektive Zentrum der zerebralen
Mindestanforderungen wie jener des Überlebenstriebs zielen (Hunger,
Durst, fad, lästig), total brutal psychomäßig beeinflussen. Die Leute
sollen zettbe alle gleichzeitig vorher kräftig geschüttelte Bierdosen
über ihren Köpfen öffnen. Im Saal macht es krrrr-pfff. Dann macht es
zosch. Das ist Gaudi pur. Die deutsche Band Deichkind nennt das
"Bierwelle". Die Leute im Saal sind begeistert. Noch beim
Nachhausefahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln bekommen so die
verschreckten Spießer in den Wagons den Geruch der Freiheit und
Revolution zu spüren. Als weiteren besonderen Anreiz, rechtzeitig auf
Konzerten der deutschen Band Deichkind zu erscheinen, hat man für die
vorderen Saalreihen sozusagen als Fanbetreuung eine sogenannte
"Wodkazitze" erfunden.
Langsamer schlafen!
Das muss man sich als Modifikation der zumindest im Alpenvorraum
legendären Bierfräse vorstellen. Die Band Deichkind modifiziert Bier hin
zu Wodka. Ein Konzert dauert schließlich nicht den ganzen Abend. Da muss
also auch innerhalb eines relativ kleinen Zeitfensters etwas gehen. Die
russischen Vitamine strömen aus Schläuchen zügig in den Volksmund. Jetzt
wird es Zeit für die Feier des Lebens. "Krawall und Remmidemmi!", lautet
ein großer Hit der deutschen Band Deichkind. Das freut den 16-Jährigen,
der in jedem von uns von der Wiege bis zur Bahre steckt, natürlich volle
Wäsche. Über harten Computerbeats und technoidem Bassknarzen sowie das
Establishment, die Zombies draußen vor der Halle, die Eltern daheim und
die Leute in der Regierung und Schulverwaltung, verrückt machenden
Unterschicht-Konsolen-Sounds aus der Spielhölle folgt nun die Hymne des
frühen 21. Jahrhunderts.
Von wegen Die Arbeiter von Wien oder Brüder, zur Sonne ... oder Mann der
Arbeit, aufgewacht: Das neue Einheitsfrontlied heißt Arbeit nervt. Und
gleich morgen, wenn wir nach diesem Erweckungserlebnis bei einem Konzert
der deutschen Band Deichkind aufwachen, werden wir unser Leben selbst in
die Hand nehmen. Wir werden im Bett bleiben. Die Parole: Langsamer
schlafen! Unsere Marseillaise nennt sich 99 Bierkanister.
99 Bierkanister ist auf dem neuen Album der deutschen Band Deichkind zu
finden. Es trägt den schönen Titel Befehl von ganz unten und beinhaltet
eine gewohnt brillante Mixtur aus Techno-Vorschlaghammer und HipHop mit
dicker Hose. Heraus kommt digitaler Punkrock. Volle Kanne, volle Kante.
Philipp Grütering, Sebastian Dürre, Henning Besser und Ferris MC, die
Mitglieder der deutschen Band Deichkind, entdecken im Auge des Hurrikans
eine umstürzlerische Kraft: Ballermann von H. P. Baxxter und der
Hyper-Hyper-Kasernenhofdiscomusik der Berliner Band Scooter. Die
göttliche asoziale Energie der Berliner Gangsta-Rap-Szene (Bushido,
Sido, Bass Sultan Hengzt oder King Orgasmus One ...). Schließlich
Punkrock und die Beschwörung des großen Anti. Smells like Umsturz.
Wir hören auf Befehl von ganz unten der deutschen Band Deichkind Trash
und Subversion. Wir feiern Hymnen auf das illegale Downloaden wie den
Song Illegale Fans. Bück dich hoch soll die jungen Leute an das
Schicksal ihrer Väter in entfremdeten Lohnarbeitsverhältnissen erinnern.
Die Lösung lautet einmal mehr Egolution. Als erster Schritt in die
Unabhängigkeit empfiehlt es sich, den Stecker zu ziehen. Geile Platte.
Die russischen Vitamine strömen aus Schläuchen zügig in den Volksmund.
Jetzt wird es Zeit für die Feier des Lebens. Deichkind haben dafür einen
Slogan: "Krawall und Remmidemmi!" (Christian Schachinger, DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2012)