November, das ganze Jahr. Die Briten Tindersticks veröffentlichen ihr neuntes Album "The Something Rain". Etüden in Schmerz und Schönheit
Die Last des übermächtigen Debüts wirkt nach, immer noch. Bis ans Ende
ihres Bestehens werden sie daran gemessen werden. Als die Tindersticks
1993 aus dem Nichts mit einem Doppelalbum voll entrückter Schönheit
einen Kontrapunkt zur gerade im Nirvana-Irrsinn outrierenden Popwelt
setzten, war das nicht nur ein radikales Statement. Die hermetische
Perfektion des Albums vermittelte den Eindruck, als bestünde die Band
dahinter schon seit langer Zeit und wäre gerade zufällig jetzt erst
entdeckt worden. Statt von der Welt lautstark Unterhaltung einzufordern,
knödelte sich ein gewisser Stuart Staples schwer verständlich durch
lichtscheue Balladen. Dazu vertonte eine elegant instrumentierte Band
Begriffe wie Schwermut, Hoffnung oder Enttäuschung in einer noch nicht
gehörten Art. Ein Instant-Klassiker. Zeitlos.
Der Einstand wurde mit einer gerechten Weltkarriere belohnt, doch nur
mit ihrem dritten Album, Curtains, vermochten die Tindersticks noch
einmal die Brillanz in der Dichte ihres Debüts zu wiederholen. Seitdem
sind fünf weitere Alben entstanden, darunter kein schlechtes. Aber auch
keines, das sich mit den beiden genannten ernsthaft hätte messen können.
Mit schuld daran waren Zerwürfnisse in der Band, die sich in den
Nullerjahren eine längere Auszeit verordnet hatte, in der Staples
Soloalben veröffentlichte, die sich ästhetisch nicht allzu weit vom
Tindersticks-Universum entfernten.
Nun veröffentlichen die nach diversen Therapiesitzungen und
Familienaufstellungen seit 2008 wiedervereinten Tindersticks das Album
The Something Rain. Die Qualität des Debüts übertrifft das Album
erwartungsgemäß nicht, aber im Vergleich zum letzten Album, auf dem sich
gerade ein, zwei wirklich überzeugende Songs befunden haben, ist dieses
neunte Studioalbum ein überzeugendes Produkt. Die Eröffnungsnummer ist
ein bisserl zäh, da wird minutenlang vor harmlosem Gezirpe eine
Geschichte erzählt, auf deren Ende man mit abnehmender Geduld wartet.
Aber soll sein. Immerhin wird die Geduld anschließend von Show Me
Everything belohnt. Ein Lied, dessen Bassspur gleich zu Beginn in den
Keller wandert. Die Gitarren werden mittels Halls ebenfalls in die Tiefe
geschickt - und schließlich hebt Staples an: Schmolllippe, waidwund, ein
Lied wie eine Heimkehr.
Dann erhöht die Band die Geschwindigkeit und legt mit This Fire Of
Autumn so etwas wie den Hit des Albums offen. Staples verzehrt sich mit
einem Damenchor um die Wette - ein Traum. Nach so viel Aufregung wird in
der Tindersticks-Welt erfahrungsgemäß Erholung gesucht, also balladiert.
Anders als beim Vorgänger erholt sich die Band hier aber und verfügt
sich wieder ins Midtempo. Dort offenbart sich die wesentliche Neuerung
dieses Werks. Die Band verwendet hier Bläser eher als Streicher. Das
verleiht den langsamen Stücken eine träge Eleganz, den etwas flotteren
die Gravität der Gemütsschwere. Elektronische Beats werden dem
unverwechselbaren Stil eingemeindet, die Band wird verspielter, The
Something Rain besser und besser.
Nach neun Stücken ist alles gesagt, das Tindersticks-Gesamtwerk um ein
ziemlich gutes Album reicher. (flu / DER STANDARD, Printausgabe, 17.2.2012)
Tindersticks live: 2. 3. Wien, FM4 Radio Session im Radiokulturhaus, 7.
und 8. 5. im Theater Akzent