Fisch in Flitterwochen

Die Fischer folgen dem Kabeljau, die Touristen den Fischern, und am Ende dieser norwegischen Kausalkette treffen einander alle in Svolvær

Manchmal darf das Glück kalt und glitschig sein - allerdings nur, wenn es an einem Haken hängt. Denn dann hat es einen vielleicht zum Weltmeister im Kabeljauangeln gemacht. Alljährlich Ende März pilgern Fischer aus der ganzen Welt nach Svolvær auf die Lofoten, um ausgerüstet mit Titan-Rollen, Carbon-Ruten und viel Aquavit den größten Kabeljau zu ködern. Norwegen taut zu dieser Zeit gerade langsam auf. Die Bäume stehen überall bis zur Hüfte im Schnee, und die Menschen tragen noch ihre Wintergesichter. Am Tag der WM stecken sie in dick wattierten Schnee-Overalls wie Raupen im Kokon, lassen sich an der Reling die Wangen windrosa wehen und wippen mit ihren Angel im Takt der Wellen. Plötzlich ruckt es zwei-, dreimal so gewaltig an der Leine, dass die Angelrute heftig gegen das Boot schlägt. Beim Hochpumpen krümmt sie sich zu einem Bogen. Angespannte Gesichter bei allen Anglern an Bord: Hält die Schnur, löst sich der Haken oder ein Knoten? Dann endlich liegt der Fang im Boot: ein Riese von einem Fisch, und ein hübscher noch dazu, mit schickem Leopardenmuster und kräftigem Bartfaden. Er ist der Lohn für Stunden des Wartens.

"Hastverk er lastverk", weiß auch der Norweger: "Gut Ding will Weile haben." An das Warten ist er schließlich gewöhnt, wenn in langen Wintern die Temperaturen bis auf 30 Grad unter null sinken, alles unter einer Schneedecke verschwindet und Nächte 24 Stunden dauern. Warten auf das Ende der Kälte, die Rückkehr des Lichts und auf die Ankunft der Fischzüge. Auf den Kabeljau ist Verlass. Zwischen Jänner und März ziehen große Schwärme mit dem Golfstrom von der eisigen Barentssee nach Süden. Es ist Paarungszeit, und der Hochzeitszug findet vor allem auf den Lofoten, im Vestfjord, ein ideales Gebiet zum Laichen. Für viele Fische enden die kurzen Flitterwochen aber auf den bereitstehenden Fangkuttern.

Donnergott Thor höchstpersönlich soll mit seinem Hammer eine Schneise in die Berge geschlagen haben, um das Spektakel um den Lofot-Fischfang von oben besser beobachten zu können. Die göttliche Anteilnahme war durchaus angebracht, denn Fisch stellte schon immer die wichtigste Lebensgrundlage der Lofoter dar. Eine altnordische Saga berichtet von norwegischen Fischern, die bereits im 9. Jahrhundert mit ihren Booten den westlichsten Archipel im Nordmeer ansteuerten, um dort im Winter den Hochseekabeljau zu fangen. Noch heute verdienen die Lofot-Fischer während der nur dreimonatigen Fangzeit einen Großteil ihres Jahreseinkommens, doch das "Gold der Lofoten" ist der Kabeljau längst nicht mehr. Obwohl der nordostarktische Kabeljaubestand um Norwegen gesund und nicht überfischt ist, machen es Fangquoten und ausländische Fabrikschiffe immer schwieriger, den Lebensunterhalt mit Fischen zu verdienen. Auf den Lofoten sorgt man sich deshalb weniger um den Kabeljau als um die Fischer - sie sind die aussterbende Art.

Am Tag der WM ist von solchen Sorgen nichts zu spüren. Bis zum frühen Nachmittag halten es die rund 600 Teilnehmer auf dem Wasser aus. Immer wieder bohrt die Sonne ihre bernsteinfarbenen Strahlen durch die Wolken und lässt das Aquarell des Meeres leuchten: Arktischblau, Kobaltblau, Indigo, Saphir und Kleckse von Türkis - als hätte sich die See alles Blau vom Himmel heruntergelogen. Hier, auf diesem lügenblauen Meer, ist die Welt fern. Kriege, Landtagswahlen und schlechte Fernsehprogramme sind vergessen. Seeadler gleiten durch die Luft, am Ufer leuchten ochsenblutrote und ockerfarbene Hütten, und von Holzgerüsten baumeln die ersten Kabeljaufänge des Jahres. Aufgeschlitzt bis zur Schwanzflosse, ausgeweidet und geköpft, trocknen die Fischleiber daran in rund drei Monaten zu brettharten Fischmumien - dem Stockfisch.

Seit 22 Jahren teilen die Svolvær ihr Jahr in die Zeit vor der WM und jene danach, und auch die Nachbargemeinden freuen sich auf diesen eigenwilligen Mix aus Medienereignis, gesellschaftlichem Wiedersehen, sportlicher Fairness und tagelanger Partystimmung. Alte Damen in Pelzmänteln nippen im WM-Café am Bier und drücken den Anglern die Daumen. Deutsche Arbeiter einer norwegischen Werft nutzen den freien Tag, um nach Svolvær zu fahren und bei Labskaus und Fiskesuppe den Norwegern beim "Norwegisch sein" zuzuschauen, und Svolværs Kinder warten auf Kabeljauköpfe. Es ist ihre Aufgabe, die Zungen herauszuschneiden und sich damit ein Taschengeld zu verdienen.

Zungenmillionär

Norwegen ist von jeher eine Fischereination, und so sollen auch die Kinder schon früh an den Fischfang herangeführt und in die Arbeit eingebunden werden. Besonders Fleißige haben es bei 40 Kronen pro Kilo dieser Delikatesse schon zum "Zungenmillionär" und zu einem neuen Fahrrad gebracht. Der zwölfjährige Sander hat heute das erste Mal seinen kleinen Bruder Magnus dabei. Der schaut zwar noch etwas skeptisch zu, wie die angelieferten Fische ausgeweidet werden und viel Gedärm und Blut vor ihm im Bottich landen, aber ekelig findet er das nicht. Er schüttelt bei der Frage den Kopf, und man sieht ihm an, wie er sich vorstellt, später die Zunge herauszusäbeln und sein Taschengeld zu kassieren. Sogar Lebertran trinkt er gern - glückliche norwegische Eltern.

Als die ersten Fische zum Wiegen gebracht werden, stimmt die Blaskapelle ausgerechnet Die Vogelhochzeit an. Beim Fang von Lars aus dem Ort Frøya zeigt die Waage 16,6 Kilogramm an - "Fiderallala, fiderallala, fiderallala". Doch Hoffnung auf den Sieg macht sich der Mann, der in einer der größten Lachsfabriken des Landes arbeitet, nicht. Immerhin sind noch dreißig Boote draußen, und im letzten Jahr hat der Däne Bjørn Johansen mit einem mehr als 19 Kilo schweren Kabeljau gesiegt. Aber vielleicht reicht die gesamte Fangmenge seines Teams ja für den diesjährigen Mannschaftssieg. Lars ist Optimist - wie alle Norweger. "Dass muss ein Volk auch sein, das drei Monate in völliger Dunkelheit lebt", meint er. "Betrachte immer die helle Seite der Dinge!", rät auch eine norwegische Weisheit. "Und wenn sie keine haben? Dann reibe die dunkle, bis sie glänzt." Wenn die Norweger ganz besonders lange reiben, explodiert der Himmel und lässt das Nordlicht flackern. Die Wikinger glaubten noch, dass die Walküren das flackernde Licht an den Himmel zaubern, in dem sie das Mondlicht mit ihren Schilden reflektieren. Der moderne Mensch weiß, dass ein Strom elektrischer Teilchen von der Sonne aus mit hoher Geschwindigkeit in das Magnetfeld der Erde gerät und dort mit den Gasen der Atmosphäre kollidiert. Wie eine Leuchtstoffröhre glühen die Gase auf und sehen aus wie der Laserstrahl im Vorspann eines 20th-Century-Fox-Films. In farbigen Bögen, Vorhängen und Schleiern wabert das Nordlicht dann über den Himmel.

Kalt und glitschig kann es sein - das Glück, und in norwegischen Nächten manchmal auch giftgrün und neongelb. (Nicole Quint, DER STANDARD, Rondo, 17.2.2012)

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