Vorurteile gegen Roma

Die zweite Seite der Medaille

Gastkommentar | 16. Februar 2012, 10:13

Es ist egal, ob wir Roma gebildet sind. Deutsche Juden waren hoch gebildet, vor dem Holocaust hat sie das trotzdem nicht gerettet. Roma sind zur gleichen Zeit kaum zur Schule gegangen. Dennoch sind sie in den gleichen Konzentrationslagern gelandet - Von Valeriu Nicolae

Solange die Roma massiven Vorurteilen ausgesetzt sind, hat Bildung nur die Assimilation an die vorherrschende Kultur zum Ziel. Noch immer haben Roma allen Grund, ihre Herkunft im Lebenslauf zu verschweigen. Für die meisten Menschen ist "Roma" weiterhin synonym mit "genetisch bedingten Kriminellen". Vielleicht würden Bildungsinitiativen eher der Bevölkerungsmehrheit zugutekommen - Bildung als Waffe gegen rassenbasierten Nationalismus, gegen Kolonialismus, gegen Sklaverei und die Ausbeutung, auf der ein Großteil des Reichtums in Europa und Nordamerika basiert. Solche Programme hätten sicherlich eine größere Wirkung als Bildungsprogramme nur für Roma.

Wahlversprechen ohne wirkliches Engagement

Es gibt keine magische Lösung, mit der sich die Integration der Roma vorantreiben ließe. Noch immer sind sie eine der am meisten gehassten ethnischen Gruppen in Europa, obwohl seit mittlerweile zwei Jahrzehnten die Notwendigkeit von Integration betont wird. Die bisherigen Vorstöße waren zum Großteil voreilig, billig und hauptsächlich als PR-Maßnahmen konzipiert. Sie waren Wahlversprechen ohne wirkliches Engagement. Ich kenne kein einziges Programm, das auf Basis von Experten-Empfehlungen erarbeitet worden wäre und die Belange der Roma ins Zentrum stellt. Solche Programme müssten langfristig konzipiert werden, sie wären teuer und würden von kompetenten Kräften vor Ort umgesetzt werden. Das Ausbleiben der Resultate ist daher wenig überraschend. Was anders wäre von Vorschlägen zu erwarten, die von wohlmeinenden Menschen ohne relevantes Wissen erarbeitet werden?

Die EU-Kommission ist die wichtigste Institution, die sich um die Belange der zehn bis zwölf Millionen europäischen Roma kümmert. Doch auch hier herrscht ein Mangel an Expertise. Die verantwortliche Kommissarin Viviane Reding kommt aus dem einzigen EU-Staat ohne Roma: aus Luxemburg. Sie ist unerfahren, und ihr Beraterstab ist es auch. Leider ist dieser Zustand die Norm in vielen internationalen und nationalen Organisationen, die sich mit der Roma-Frage beschäftigen. Bis heute ist kein einziger Rom oder Roma-Experte in eine entsprechende Führungsposition befördert worden. Die Arbeitsweise der EU-Kommission kann man eigentlich nur als idiotisch bezeichnen: Beförderungen erfolgen generell ohne Rücksicht auf relevante Erfahrungen. Wenn die Bürokraten sich nach drei bis fünf Jahren tiefer in das Thema eingearbeitet haben, werden sie routinemäßig weiterversetzt und haben im Normalfall nichts mehr mit der Roma-Frage zu tun.

Die Ausrede, dass es keine passenden Kandidaten gebe, hält der Überprüfung nicht stand. Es gibt in Europa tausende Wissenschaftler, die sich in ihren Dissertationen mit Roma-Themen auseinandergesetzt haben; und zehntausende Experten mit Universitätsabschlüssen, die jahrelang Erfahrung in Roma-Gemeinden gesammelt haben. Viele davon sind selbst Roma.

Alle Bilder sind falsch

Ein weiteres Problem ist, dass Roma von der Gesellschaft oftmals extrem schwarz-weiß wahrgenommen werden. Entweder werden Roma als ausgenutzte Heilige porträtiert oder als genetisch bedingt kriminell diffamiert. Beide Bilder sind falsch. Solange wir Roma den Integrationsprozess nicht selber in die Hand nehmen, Ressourcen investieren und Verantwortung übernehmen, wird sich an dieser Situation nichts ändern.

Roma-Aktivisten müssen offen über Probleme sprechen: über Kinder, die zum Betteln oder zur Prostitution gezwungen wurden, über Wucher und häusliche Gewalt. Es muss zweifelsfrei deutlich werden, dass Kriminalität unter keinen Umständen akzeptabel ist und keinen Teil des Roma-Lebenswandels darstellt. Diskriminierung ist keine Entschuldigung für eigenes Fehlverhalten: weder für Verletzung von Menschenrechten durch Roma noch für eine Verweigerungshaltung in Bezug auf die Kosten der Integrationspolitik. Denn Bildung, soziale Teilhabe und aktives politisches Engagement kosten Geld und Zeit. Wenn Roma und Nicht-Roma gemeinsam vorankommen wollen, führt an diesen Investitionen kein Weg vorbei. (Valeriu Nicolae, derStandard.at, 16.2.2012) 

Autor

Valeriu Nicolae, The European, leitet das von ihm mitgegründete Policy Center for Roma and Minorities in Rumänien. Er berät verschiedene Menschenrechtsorganisationen zur Roma-Frage und beschäftigt sich mit sozialer Ungleichheit in Bukarest. Der Text wurde aus dem Englischen übersetzt.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 44
1 2
Ceci n'est pas un Troll !
11
17.2.2012, 08:40
Ein wunderbarer Kommentar,...

...der vieles enthält, was von der PC-Sekte kategorisch abgestritten wird, womit sie jede Entwicklung verhindert.

Te Ata
01
17.2.2012, 05:14
Na endlich!

Ich würde schon immer gerne erleben, dass sie sich einmal darüber öussern, was sie genau wollen.

Denn ich habe durchaus Verständnis dafür, dass sie in einigen Bereichen anders gepolt sind

Mich würde interessieren, ob viele ihren eigenen Lebensstil beibehalten wollen (das bedeutet aber zwangsläufig Verzicht auf die Konsumgüter der Merhheitsgesellschaft, der Lohn des Hamsterrads, ergo dann bitte nicht jammern).oder ob viele sich eher assimilieren wollen, aber von der Mehrheitsgesellschaft daran gehindert werden.

Jedenfalls wären Rauskommen aus der Opferrolle und interne Standortbestimmung plus Selbstkritik, wo nötig, schon einmal ein guter Schritt.

Ihr gelebtes Machotum find ich allerdings echt nicht prickelnd.

Sanitätsgefreiter Faymann
11
16.2.2012, 23:40
Was will dieser Mensch uns sagen?

Außer, dass ihm alles nicht passt,war diesem Text keinerlei sinnenthaltende Aussage zu entnehmen. Herr Nicolae zeigt damit nicht auf, dass "die Gesellschaft" lauter falsche Bilder von den Roma hat, wie er behauptet, sondern im Gegenteil: Dieser Text belegt Nicolaes eigene Vorurteile über die angeblich nur schwarz-weiß wahrnehmende "Gesellschaft".

Es gibt nämlich sehr wohl eine überwältigende Mehrheit, die Roma so wie auch Angehörige der Mehrheitsbevölkerung oder anderer Volksguppen individuell beurteilt - wer Kinder zur Prostitution zwingt, wuchert oder häusliche Gewalt ausübt, verdient Verachtung. Wer es nicht tut, der nicht. So einfach ist das, wurscht, ob es sich um Roma oder andere handelt.

Der Kluge
12
16.2.2012, 23:16

"gegen Sklaverei und die Ausbeutung, auf der ein Großteil des Reichtums in Europa und Nordamerika basiert"

Das ist leider linker Unsinn und diese Täter-Sichtweise blockiert jeden Fortschritt. Der Wohlstand in Rumänien beruht nicht auf Sklaverei oder oder Kolonialismus, sondern aus Wertschöpfung durch Arbeit.

Natürlich gibt es Rassismus, natürlich gibt es Diskriminierung im Beruf. Da muss man - gerade angesichts der Historie - selbstverständlich für Verbesserungen eintreten.

Aber das oberste Ziel muss es sein, die Produktivkräfte der Roma zu aktivieren, das vorhandene Potentional optimal zu nutzen. Bildung, Arbeit, Produktivität. Das füht zu Wertschöpfung und Wohlstand.

Simplicius Simplicissimus
10
17.2.2012, 08:41
Wir, die sog. Leistungsgesellschaft, ...

... erhält den Lohn ihrer Produktivität allerdings hauptsächlich in Form von Dreck und Schulden infolge Gier und Maßlosigkeit. Außerdem: wie kann man den Begriff "Bildung" in den Mund nehmen, solange es Karlich Shows gibt? Oder Sido.

Graschelitzen
110
16.2.2012, 16:53
Super, das heisst also: bleiben wir dumm und ungebildet- es is eh wurscht

Leben wir weiter in unseren Ghettos in der ungarischen provinz, aber Hauptsache, wir haben unsere identität.....langsam wundert mich gar nichts mehr, warum in der Frage der roma/Sinti so gar nix weitergeht.....

Helmut Hagen Plakolmer
00
16.2.2012, 22:52
bitte.....

besuchen sie einen kurs in dem bewusstes lesen gelehrt wird, dass ihnen dann das verstehen geschriebener texte ermoeglichen wird. lesen sollte naemlich zum verstehen der texte fuehren, buchstaben aufsagen allein fuehrt zu nichts.

na sigstas
06
16.2.2012, 20:46
Bitte zuerst lesen und dann posten!

bula sagt
02
16.2.2012, 16:33
sachlich hat er in allem recht

man sollte auch nicht allzuviel interpretieren.
als rumäne weiss er allerdings auch - rumänien hat den höchsten roma anteil - wie seine landsleute die tigani sehen.

angelvoices
01
16.2.2012, 15:04
schön, daß das Wort Verantwortung verwendet

wurde - viele Länder hätten sich viele Probleme ersparen können...

Herbert Novak1
41
16.2.2012, 14:29
Hoch interesante Statement

eine hoch interesante Statement von Herrn Valeriu Nicolae. Im Grunde genommen sind die Europäer hochmutig und schauen die andere Völker von oben herab. Die Frau Innenministerin will die die Hochspezialisten mit rot-weiß-rot Karte nach Österreich locken. Herr Häupl will, alle müssen sehr gut Deutsch können, damit sie die Steuer bis zu 50% ihr Einkommen abliefern können. Für wie dumm halten wir die ausländischen Spezialisten? genau so dumm wie wir?

LGM
00
17.2.2012, 06:29

Abgesehen davon, dass das inhaltlich ein Holler ist, hat es mit der im Artikel angesprochenen Problematik nichts zu tun.

Helmut Hagen Plakolmer
00
16.2.2012, 22:56
es stimmt schon .....

dass die europaeer gerne von oben auf die anderen herabschauen. beim herabschauen auf die miteuropaeer sind die oesterreicher allerdings fuehrend.
wie waere es, wenn mal mal im eigenen land begaenne gute absichten in die tat unzusetzen, oder will man gar nicht?

Havarie
02
16.2.2012, 20:50
Europäer schauen auf "andere Völker" von oben herab?

Was jetzt bitte, sind Rumänen Europäer oder nicht?
Sind in Rumänien lebende Völker europäische Völker oder nicht?
Wenn ja, wer schaut dann wohin "herunter" oder "hinunter"?

Sandor Kocsis
00
17.2.2012, 14:10

genauer lesen, dann posten.

Da steht, dass Ö führend beim Herabschauen auf Miteuropäer ist - vermutlich auch auf die Rumänen, und Roma.

tignosa
02
16.2.2012, 22:03
dass RO auch EU- Mitglied ist, ist bei vielen im Kopf noch nicht angekommen

relatio subsistens
00
16.2.2012, 14:15

Ein ausgewogener und guter Artikel. Ich vermute jedoch, dass sich viele Roma gar nicht "integrieren" wollen. Da helfen dann auch Investitionen nur wenig, es sei denn im Rahmen effektiver Anreiz- und Sanktionierungsmechanismen.

Der Kluge
00
16.2.2012, 23:24

Ich denke Arbeitslosigkeit ist auch ein Thema: Bei über 50% führt das zu Depressionen/Kriminalität/Entfremdung und einer Erwartungs-Mentalität, in der auf Leistungen der restlichen Bevölkerung gesetzt wird usw. usf.

Wäre es nicht vernünftiger, als Staat selbst Betriebe aufzubauen und dort (Niedriglohn)Arbeitsplätze anzubieten? besser kommunismus als arbeitslos!

Natürlich müsste der Lohn über der zu reduzierenden Grundsiverhung und unter dem Normallohn in der Privatwirtschaft liegen.
Gegenden mit über 50% Abreitslosigkeit funktionieren mE nicht, egal wie hoch die Transfers sind

lance link
05
16.2.2012, 15:10

sprechen sie mit den betroffenen, fahren sie nach rumänien und bulgarien.
der beginn der xenophobie besteht aus vermutungen ...

Roter Baron
01
16.2.2012, 14:54

er hat eh auch geschrieben, dass integration nur beidseitig funktionieren kann.

Vseckojedno von Jednovsek
11
16.2.2012, 13:21
Verstehe ich den Autor richtig?

Meint der allen Ernstes, dass Bildung die Assimilation fördert, was im Umkehrschluss bedeuten würde, wenn die Roma bildungsfern gehalten werden, dann assimilieren sie sich nicht. Kulturerhaltung durch Nichtbildung? Das kann der Herr Nicolae doch nicht allen Ernstes wollen! Oder?

.MS.
10
16.2.2012, 18:45
Das halte ich für eine boshafte Fehlinterpretation

nicht umsonst schreibt er auch davon, dass Bildung den Juden im vorigen Jahrhundert nicht geholfen hat.
Es scheint mehr die Idee mancher "Integrationsexperten" zu sein, dass man die Leute nur besser bilden braucht, dann werden sie sich schon integrieren. Aber gemeint ist damit natürlich sie in den österreichischen Institutionen so lange im Kreis zu schicken, bis sie ihre Herkunft vergessen haben.

Vseckojedno von Jednovsek
10
17.2.2012, 07:31

Also sind sie anscheinend auch der Meinung, dass Bildung schadet????

.MS.
00
17.2.2012, 09:59
Anscheinend hat es bei Ihnen mit der Bildung nicht so toll geklappt

Wenn Sie mein Posting nochmal langsam lesen und dem Wortsinn folgen, dann werden Sie merken, dass ich mich weder bildungsfreundlich noch bildungsfeindlich geäußert habe.
Ich traue nur dem Konzept "Integration durch Bildung" nicht. Und das weil ich eine Schule mit einem hohen Ausländeranteil gegangen bin. Das war für mich in ordnung, von den Ausländern hat sie aber kein einziger erfolgreich beendet (In Zahlen: 100 Ausländer in 1. Schulstufe 0 bei der Matura, auf alle Parallelklassen gerechnet).
Unser Bildungssystem ist nicht drauf ausgelegt jemanden zu integrieren, es funktioniert für die, die dazu passen oder sich unterwerfen.

Sandor Kocsis
00
17.2.2012, 14:11

vielleicht haben einige unter ihnen in den 8 Jahren die österr. Staatsbürgerschaft angenommen ;-)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 44
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.