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Dav Patel gaukelt als junger, indischer Hotelbesitzer britischen Pensionisten (u. a. Judi Dench) ein fantastisches Altersrefugium vor.
vergrößern 645x430"The Best Exotic Marigold Hotel" spielt im indischen Rajasthan und wartet mit einer Starbesetzung auf.
vergrößern 645x430"The Best Exotic Marigold Hotel"
Regie: John Madden; mit Judi Dench, Tom Wilkinson, Maggie Smith, Bill Nighy, Dev Patel, Tena Desae u. v. a. m. Filmstart: 16. März 2012
Anreise zu den Filmschauplätzen: mit Air India von Wien nach Jaipur via Mumbai oder Delhi
Dev Patel ist indischer Herkunft, wuchs aber in England auf. Erst mit den Dreharbeiten zu Slumdog Millionär (acht Oscars) kam er erstmals nach Indien. Für die Komödie The Best Exotic Marigold Hotel arbeitet Dev Patel erneut am Subkontinent. Als junger Hotelbesitzer gaukelt er via Internet britischen Pensionisten ein wunderbares Altersrefugium vor, obwohl sein Haus knapp vor dem Zusammenbruch steht. Die Pensionäre verlieren in dem fremden Land alle gewohnten Bezugspunkte und müssen sich für ihr Leben im Ruhestand neu sortieren. Der Kulturschock liefert dabei Stoff für so manche Pointe. Neben dem 22-jährigen Patel spielen Judi Dench, Maggie Smith, Bill Nighy und Tom Wilkinson. Regie führte John Madden (Shakespeare in Love).
DER STANDARD: Machten Sie nach den Dreharbeiten zu "Slumdog Millionär" nun mit dem neuen Film auch neue Erfahrungen in Indien?
Dev Patel: Slumdog drehten wir im abgefahrenen Mumbai, wo wir ständig von dieser Masse von Menschen umgeben waren. Für The Best Exotic Marigold Hotel arbeiteten wir in den Städten Udaipur und Jaipur, wo wir das genaue Gegenteil erlebten. Die weiträumigen, pittoresken Landschaften der Provinz Rajasthan, außerdem die vielen opulenten Paläste der ehemaligen Maharadschas. Gleich blieb jedoch dieser Aufruhr an Geräuschen, Gerüchen und Farben.
Standard: Ist das nicht ein Klischee?
Dev Patel: Bevor ich das erste Mal nach Indien kam, dachte ich das auch immer. Natürlich laufen hier nicht, wie in vielen Kinofilmen gezeigt, ständig geschmückte Elefanten auf den Straßen herum. Lernt man jedoch die Menschen kennen, entdeckt man einen Prunk in der Kultur, der sich nicht unterdrücken lässt. Gleich wie hart die Zeiten sind, alles verkörpert einen bunten Überschwang, selbst in den Slums lässt sich das spüren. Es ist, als ob alles nach Safran duftet.
DER STANDARD: Sind Sie auch auf das arme Indien getroffen?
Dev Patel: Natürlich, die Armut lässt sich nirgends ausblenden. Oft verschlägt es einem deshalb die Sprache. Kurz vor unserer Abreise erzählte mir Kollege Tom Wilkinson von einem Zeitungsartikel, der einen furchtbaren Zwischenfall ganz in unserer Nähe beschrieb. Zwei Kinder arbeiteten an der Straße. Ihr Job war so etwas wie Gras sammeln. Sie schliefen auch auf der Straße und wurden im Schlaf überfahren. So etwas schockiert, das kann man sich nicht vorstellen, wenn man aus einer gut organisierten, westlichen Demokratie kommt. Das Bild der Pracht crasht mit der Armut.
DER STANDARD: Gab es im Team auch Diskussionen darüber?
Patel: Tom Wilkinson nahm das heftig mit. Er führte mit unserer indischen Kollegin Tena Desae sehr intensive Gespräche darüber.
DER STANDARD: Was antwortete sie ihm?
Patel: Das Kastensystem ist problematisch. Obwohl vom Gesetz abgeschafft, ist es noch immer tief in der indischen Gesellschaft, vor allem bei den Älteren, verwurzelt. Das System besagt, dass die Menschen arm sind, einfach weil es ihr Schicksal ist. Die jungen Inder verschließen ihre Augen aber nicht vor dem Problem. Mit der wachsenden Wirtschaftsleistung versuchen sie auch die Armut in den Griff zu bekommen. Bei mehr als 60 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze braucht es dazu aber einen langen Atem. Tena argumentierte, dass deshalb viel in Infrastruktur und Bildung investiert werde, und beklagte sich über das zu lasche Vorgehen gegen die Korruption. Im Prinzip wird es besser, aber sie fangen erst an damit.
DER STANDARD: Wie lässt sich dennoch eine Komödie in Indien drehen?
Dev Patel: Wir kamen schnell in den Rhythmus dieses Orts und betrachteten ihn von innen. Alle Menschen leben mit diesen Widersprüchen hier. Du wirst auf der Straße angesprochen, ob du eine Fahrt haben willst. Auf der Karte des Fahrers steht "Excellent Happy Tours", daneben ist ein Mercedes der S-Klasse abgebildet. Aber fahren wirst du in einem Tuk Tuk. Ein Inder sieht darin keinen Widerspruch, er möchte dir bloß geben, was du dir wünschst. Menschen in Indien sagen immer zuerst Ja, bevor sie Nein sagen. Das hat etwas Heiteres und auch Anziehendes.
DER STANDARD: Kann man das nicht auch Lügen nennen?
Dev Patel: Nein, überhaupt nicht. Inder versuchen nur einen nicht zu enttäuschen.
DER STANDARD: Wo drehten Sie am liebsten?
Dev Patel: Auf den Straßen von Jaipur zu drehen war echt Wahnsinn. Es war fast unmöglich, die Genehmigungen zu bekommen. Die Anträge werden meist mit der Begründung abgewiesen, die Dreharbeiten könnten einen Verkehrsstau verursachen. Klingt schon witzig, wenn man den Verkehr auf diesen Straßen erlebt, weil es dort nichts anderes als Verkehrsstau zu geben scheint. In einer Szene am Markt saßen John Madden und die Crew in Minivans versteckt und filmten. Die Passanten durften nichts davon mitbekommen, denn sonst wäre ein Auflauf entstanden. Es war wie eine Guerillaaktion. Wir mussten schnell sein, denn als ich dann herumzufuchteln und zu gestikulieren begann, war bald klar, dass hier ein Film gedreht wurde. Hoffe ich zumindest.
DER STANDARD: Die britischen Pensionisten im Film finden in diesem exotischen Altersdomizil auch zu sich selbst. Bei Ihnen dauert es zwar noch eine Weile, aber wäre Indien auch für Sie der Ort für Ihren Ruhestand?
Dev Patel: Sie verstehen, dass ich mir in meinem Alter darüber noch keine Gedanken gemacht habe. Von den Leuten, die das erste Mal nach Indien kommen, stellt ein Teil fest, dass sie sofort wieder weg wollen. Andere können es kaum erwarten, bald wieder nach Indien zu reisen. Ich mag Indien, und jetzt, wo ich das erste Mal darüber nachdenke, ist das mit dem Ruhestand in Indien sogar eine bestechende Idee. (Peter Fuchs/DER STANDARD/Rondo/17.02.2012)
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