Normale Spielart oder krankhafte Sexualpräferenz?

  • Aus psychiatrischer Sicht ist der Fetischismus immer noch eine Störung der Sexualpräferenz.
    foto: reuters/christian charisius

    Aus psychiatrischer Sicht ist der Fetischismus immer noch eine Störung der Sexualpräferenz.

Der Fetischismus zählt zu den Paraphilien, nicht jeder Fetischist ist jedoch paraphil

Schuhe, Füße oder glänzender Latex - Fetischisten finden an den unterschiedlichsten Dingen Gefallen. Die diversen Gegenstände, Körperteile und Materialien dienen als Stimuli, um zu sexueller Erregung und Befriedigung zu gelangen. Im DSM-IV-Katalog wird diese sexuelle Vorliebe als Paraphilie kategorisiert. Im Internationalen Klassifikationssystem der Krankheiten (ICD-10) ist von einer Störung der Sexualpräferenz die Rede. Zwangsläufig krank und damit auch therapiebedürftig sind die meisten Fetischisten allerdings nicht. 

"Die Grenze zwischen normal und krankhaft ist bei Sexualvorlieben und Handlungen schwer zu ziehen", weiß Karin Haas, Fachärztin für Psychiatrie und Sexualtherapeutin an der Landesnervenklinik Sigmund Freud in Graz. Sie bezeichnet Paraphilien erst dann als pathologisch, wenn ein Mensch mit seiner Neigung sich selbst oder anderen Menschen schadet. Der Fetischist, der eine besondere Vorliebe für hochhackige Schuhe besitzt, tut in aller Regel niemandem weh. Problematisch kann dieser Hang trotzdem werden, wenn das begehrte Objekt oder Körperteil zur einzigen Quelle sexueller Erregung wird und der Partner in sexueller Hinsicht jegliche Bedeutung verliert. Ob jemand infolge seiner Präferenz therapeutische Hilfe in Anspruch nimmt, hängt vor allem vom individuellen Leidensdruck ab. Und der entsteht häufig erst, wenn die Betroffenen massive Ablehnung von außen erfahren.

Kultureller und zeitlicher Kontext

Der Begriff der Paraphilie ist im Zusammenhang mit sexuellen Präferenzen jedenfalls nicht besonders glücklich gewählt. "Daneben liegende Liebe", bedeutet er übersetzt. Damit wird impliziert, dass es das einzig wahre und korrekte Sexualverhalten gibt. "Allgemein gültige Normen lassen sich jedoch nicht erstellen, denn sexuelle Präferenzen werden von verschiedenen Kulturen zu verschiedenen Zeiten ganz unterschiedlich bewertet", betont Haas. 

Ein Blick zurück in die Vergangenheit macht den zeitlichen Kontext deutlich. Im 4. Jahrhundert galten sämtliche sexuelle Handlungen, die den Zweck der Fortpflanzung verfehlten, als sündhaft. Oral- und Analverkehr wurden als schwere Verbrechen bestraft, und erst gute 1.500 Jahre später wurde dieses "Vergehen" zumindest in einigen europäischen Ländern nicht mehr strafrechtlich verfolgt. Der Weg aus der Illegalität führte jedoch hinein in die Welt der Pathologie. Plötzlich war die Rede von Perversion und Deviation und anstelle von Bestrafung wurde Therapie gefordert.

Diverse sexuelle Handlungen wie die Masturbation und die Homosexualität wurden zwar fortan nicht mehr geächtet, dafür aber als krankhaft psychische Störungen bezeichnet. Die Haltung zur Selbstbefriedigung und gleichgeschlechtlichen Liebe ist im 20. Jahrhundert wesentlich liberaler geworden. Strafrechtlich verfolgt werden Paraphilien in der westlichen Welt heute, sobald keine Freiwilligkeit besteht beziehungsweise Minderjährige betroffen sind.

Gesellschaftliche Intoleranz

Die Bandbreite sexueller Vorlieben ist jedoch groß und viele davon werden in den gängigen Diagnosesystemen immer noch als psychische Störungen dargestellt, obwohl sie eigentlich gar keine sind. Was eine Gesellschaft jedoch ablehnt, wird nicht zuletzt davon bestimmt, was von der Psychiatrie als krankhaft bezeichnet wird. Am Beispiel Transvestitismus offenbart sich die psychopathologische Stigmatisierung. Bei dieser "Paraphilie" sorgt das Tragen von Frauenkleidern bei Männern für sexuelle Erregung. Problematisch hier ist aber eigentlich nur die gesellschaftliche Intoleranz, die dem Transvestiten das Ausleben seiner im Grunde genommen harmlosen Neigung erschwert. 

Solange niemand von sexuellen Präferenzen Schaden nimmt, sexuelle Handlungen freiwillig und im Einvernehmen aller Beteiligten passieren und keine Minderjährigen involviert sind, kann von "abnorm" aber eigentlich keine Rede sein. Auch dann nicht, wenn die Vorliebe nicht in das persönliche Erregungsmuster des Ottonormalverbrauchers passt. (derStandard.at, 7.3.2012)

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