Nur mit Deutsch zu einem guten Miteinander?

Leserkommentar
16. Februar 2012, 09:48

Über die Kollateralschäden der SPÖ-Wien-Kampagne "Zum Zusammenleben"

Manchmal verlernt die Politik über Nacht, wie man gescheites Deutsch spricht. So geschehen in der Bundeshauptstadt. Die Wiener SPÖ hat der Öffentlichkeit kürzlich ihre "Wiener Positionen zum Zusammenleben" vorgestellt. "Wer klare Antworten sucht - wir haben sie", ließ die SPÖ verlauten. "Gemeinsam, friedlich, aber auch mit Nachdruck" sollen die Probleme des Zusammenlebens gelöst werden.

Denkste. Hinter dem SPÖ-Positionspapier und der damit einhergehende Kampagne steckt ein ganz anderes Kalkül. Es sollen jene Teile der Parteibasis befriedigt und beschwichtigt werden, die sich zu FPÖ-Positionen hingezogen fühlen. Dementsprechend präsentiert sich die SPÖ in ihrem Papier als Beschützerin der deutschen Sprache, als Verteidigerin der Höherwertigkeit "der europäischen Kultur" und als willens und in der Lage, von oben herab über die "neuen Wiener" zu sprechen - "mit Nachdruck"!

Gesellschaftliche Haltungen werden einzementiert

Mit ihren "Wiener Positionen" verabschiedet sich die Hauptstadt-SPÖ vorerst vom Bestreben, tatsächlich positive kommunikative Impulse für das Zusammenleben zu setzen. Stattdessen werden gesellschaftliche Haltungen einzementiert, an deren Überwindung die Politik eigentlich arbeiten müsste. Einzementiert wird zum Beispiel der Mythos von der "typischen Wiener Lebensart", zu deren Verteidigerin sich die SPÖ aufschwingt. Fahrlässig nimmt die SPÖ dabei in Kauf, dass sie den Rechtspopulisten und der von ihnen viel strapazierten Legende von der "vom Aussterben bedrohten Wiener Lebensart" in die Hände spielt. Fällt es wirklich so schwer, ein für alle Mal klarzustellen, dass das Wiener Leben schon immer aus mannigfaltigen Lebensarten bestanden hat und von ständigen Veränderungen geprägt war?

Typisch wienerisch ...

Selektiv geht das SPÖ-Papier auch bei der Aufzählung von "typisch wienerischen" Grundwerten vor. Neben Demokratie und Rechtsstaat werden die Trennung von Staat und Religion, Gewaltfreiheit, der gesellschaftliche Zusammenhalt und die Gleichheit von Frauen und Männern genannt. Die Ermöglichung eines barrierefreien Lebens, gesellschaftliche Offenheit, soziale Gerechtigkeit und absolute Diskriminierungsfreiheit scheinen hingegen keine für das Zusammenleben relevanten Werte zu sein. Konsequenterweise ist es nicht die offene, gleichberechtigte Begegnung auf einer Augenhöhe, die in den Augen der SPÖ zu einem guten Miteinander beiträgt, sondern "gemeinsame Regeln" und "die gemeinsame Sprache". Und gemeinsame Sprache, so die SPÖ, gebe es in Wien nur eine einzige, nämlich Deutsch, Deutsch und noch einmal Deutsch.

Die SPÖ macht damit klar, was noch nie jemand bestritten hat, nämlich dass es in Wien in der Regel sehr hilfreich ist, gut Deutsch zu können. Die SPÖ hält damit aber auch eine Botschaft bereit, die für das Zusammenleben in Wien nur wenig hilfreich ist, nämlich dass nichtdeutsche Sprachen nicht alltagstauglich und von minderem Wert seien.

Was ist mit dem riesigen Sprachen-Know-how?

Manche mögen so etwas gerne hören, weil die Herabwürdigung nichtdeutscher Sprachen einer Aufwertung "ihres" Deutsch gleichkommt, aber für viele Menschen kommt das einer Geringschätzung eines wichtigen Teils ihrer Identität gleich. Hinzu kommt die Realitätsverweigerung, die in den Aussagen des SPÖ-Papiers steckt. Es kann doch nicht ernsthaft jemand glauben, dass man in einer Stadt wie Wien, in der es ein riesiges Sprachen-Know-how gibt, ausschließlich auf Deutsch zu einem Miteinander kommen kann. Und was soll das für ein Signal sein, wenn man Menschen, die kein Deutsch können oder die viel mehr als Deutsch können, sagt, ihr dürft euch nicht mehr in der Sprache unterhalten, in der ihr euch am besten unterhalten könnt?

Und in noch einem Punkt fällt das Positionspapier der Wiener SPÖ hinter bereits etabliert geglaubte, wesentlich gescheitere Positionen zurück: Leistungen "der Zugewanderten" seien nur dort unverzichtbar, wo diese Leistungen auch in die Kasse des Staates fließen, so das Papier. Auf die Frage, was passieren soll, wenn eine "neue WienerIn" gerade nichts beitragen kann, weil sie krank, arbeitslos oder was auch immer ist, hat das Papier jedoch keine Antwort. Ist diese Person dann nicht mehr in Wien erwünscht? Kann man mit so einer Person dann nicht mehr gut zusammenleben?

Es ist bemerkenswert, mit welcher Deutlichkeit die von der SPÖ verabschiedeten "Wiener Positionen zum Zusammenleben" ein schon des Öfteren beobachtetes Phänomen untermauern: Sobald eine Partei den Versuch startet, sich zur Behüterin der deutschen Sprache aufzuschwingen, verliert sie die Fähigkeit, ein gescheites Deutsch zu Papier zu bringen. (Leserkommentar, Alexander Pollak, derStandard.at, 16.2.2012)

Autor

Alexander Pollak ist Sprecher von SOS Mitmensch.


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Es war eine der Visionen der frühen Arbeiterbewegung, Sprachbarrieren mittels der Kunstsprache ESPERANTO zu überwinden. Schade dass das nicht weiterbetrieben wurde ---

Kann mich nur anschließen, dass dieser Beitrag sehr polemisch und mAn in einer gewissen Weise hetzerisch ist.

Natürlich ist die gemeinsame Sprache deutsch nicht der Weisheit letzter Schluss und kein Garant für "Miteinander". Ohne die gemeinsame Sprache ist das "Miteinander" aber mal ausgeschlossen. Was wäre die Alternative zu deutsch, der Landessprache? Soll die Anglisierung noch mehr voranschreiten? Fände ich schade, wenn noch mehr Sprachtraditionen und -vielfalt dem Englischwahn zum Opfer fiele. Im Gegenteil, schade, dass hierzulande und anderswo der Sprachreichtum von slawischen Sprachen im Schulunterricht abstirbt zugunsten der Englischgleichschaltung (die natürlich ihren Nutzen hat, global). Eine Reduktion&Restriktion ist es allemal. Wem würde es nützen? Jenen Migranten, die jetzt mit dt. Probleme haben, werden um nichts leichter engl lernen

"Die SPÖ hält damit aber auch eine Botschaft bereit, ..., nämlich dass nichtdeutsche Sprachen ... von minderem Wert seien"

.
ich halte auch eine botschaft bereit, nämlich dass wer solches aus dem positionspapier herausliest, entweder polemisch oder dumm ist.

Also ich hab mir das besagte Positionspapier durchgelesen und ich finde nicht, dass es den Eindruck erweckt, andere Sprachen seien minderwertig oder unnötig. Es steht lediglich drinnen, dass möglichst alle in Wien ausreichend Deutsch können sollen (was die meisten eh können).

Ich finde es auch ungerechtfertigt, die SPÖ jetzt mit der FPÖ in einen Topf zu werfen, wie das einige tun. Es ist zwar offensichtlich, dass die SPÖ mit der Kampagne vielleicht etwas ungeschickt versucht, Wähler von der FPÖ zurückzugewinnen, aber zwischen SPÖ und FPÖ liegen (gott sei dank) noch Welten dazwischen!

Leider sind die dazwischen liegenden Welten nicht so gross wie wünschenswert.

"was die meisten eh können"

Absolut nicht meine Erfahrung (türkische Gemeinschaft).

Deutsch ist nun einmal die Sprache, die die Mehrzahl der hiesigen Bevölkerung spricht. Wer sie nicht lernt, grenzt sich selbst aus - und sollte sich dann nicht über Ablehnung (privat oder beruflich) und fehlende Kontakte beschweren.
Zweitsprachen werden von vielen Firmen und Banken als vorteilhaft gesehen- aber die Beherrschung der Amtssprache Deutsch ist Grundvoraussetzung für Jobs über dem Hilfsarbeiterniveau.

eigentlich ist die abwehrhaltung gegen das deutschlernen eh ein zeichen für anpassung an die wiener mentalität:
"deitsch? wos brauch'ma des!?" ;o)

s.g. herr pollak,

glauben sie nicht, dass es barrieren abbauen würde und für zuwanderer und zuwanderinnen einiges erleichtern würde, wenn sie die grundzüge der landessprache erlernen?
ich sehe das ganz anders als sie: ich denke, dass es ohne allzu viel aufwand möglich ist, die angst vor dem fremden, die bei einigen leuten nun einmal vorhanden ist, deutlich zu reduzieren. jemand der/die etwas deutsch spricht, wird doch auch im oft als beispiel genannten gemeindebau eher als "eineR von uns" angesehen, als jemand, der/die u.a. mangels sprachkenntnissen abgekapselt dahinlebt.
dazu ist kein fließendes, akzentfreies deutsch notwendig. dazu reichen basiskenntnisse aus. und das bedeutet NICHT, dass andere sprachen verachtet oder gar verboten werden sollen.

Basiskenntnise

müssen Immigranten ja sowieso wegen der Integrationvereinbarung erlernen. Vorgeschrieben ist ein A2 Deutschkurs, wobei man zuvor natürlich A1 machen muss. Das bedeutet, 4 Monate intensiv die Deutsche Sprache zu lernen. Das ist Gesetz seit 2006 glaube ich, zuvor war es nicht Pflicht. Von daher gibt es natürlich Menschen, die keine Kurse besucht haben.

Sagt doch niemand, dass es nicht wichtig wäre, die deutsche Sprache zu erlernen! Die allermeisten Leute tun das eh, weils anders gar nicht geht...

.. sprachlich benachteiligte/gehandicappte Generation. Selbst wer romantisch sein will und sagt sie können dafür eine andere ebenso wertvolle Sprache - für die meisten ist ein Zurückgehen in die nie gekannte "Heimat" keine ebenso wertvolle Option. Und ihre Sprache ist dort auch oft belächelt (zumindest von der türkischen Erfahrung her). Wer also hier bleiben will hats schwer ohne sehr gute Sprachkenntnisse. Insofern ist der Fokus auf die Sprache auch für Betroffene kein schlechter.

Für mich die Ironie an der Sache: Gegen den Sprachfokus scheinen deutsch lupenrein Beherrschende mit Migrationshintergrund zu trommeln. Natürlich kennen sie die Lebensrealität und die realen Optionen/Hindernisse derjenigen, dies nicht geschafft haben, kaum.

über "wie gehts?" in Konversationsniveau hinein. Trotz jahrzehntelangem Aufenthalt und ebenso langer Berufstätigkeit. Woher hier so viele die Annahme haben, es würden "eh alle lernen, weil es nicht anders geht" ist mir schleierhaft. Vermutlich von den hier die Schule/vielleicht sogar Hochschule besuchenden Menschen vermutlich. Ein Besuch bei ihnen daheim könnte Augen öffnen. Und die Sache setzt sich fort durch die Ehepartnerwahl - sehr oft sind es nicht 2 hiesige Schulabsolventen, sondern wiederum ein die Sprache nicht beherrschender Ehepartnerteil. Was sich wieder auf die Kinder auswirkt, die in halbweges gemischten Schulen zum Glück schnell lernen (was aber in Wien leider nicht durchgängig der Fall ist). Macht die nächste sprachlich

Viele tun es leider nicht. Ich kann nur vom türkischsprachigen Umfeld ausgehen - es gibt genügend Arbeitsplätze mittlerweile in Unternehmen (Gastronomie, Handwerk, Verkauf etc), wo man als einfacher Angestellter mit türkisch durchkommt. Familiär/freundeskreistechnisch sowieso. Die Deutschprüfungen sind dann trotz jahrelangem Aufenthalt eine fast unüberwindliche Hürde. Das betrifft übrigens nach meiner Erfahrung nicht nur "zuagraste" Frauen, sondern Männer ebenso.
Übrigens hat schon die Vätergeneration am Bau kein wirkliches Deutsch gebraucht, schon bevor es die relativ vielen türkischstämmig betriebenen Kleinunternehmen gab. Wäre es so gewesen, könnte die Vätergeneration die Sprache. Die allermeisten können es meiner Erfahrung nach nicht

ok. das wird im artikel eigentlich auch nicht bestritten, aber es wird kritisiert. und ich verstehe beim besten willen nicht, warum.
was ist denn der alternativvorschlag für eine gemeinsame sprache?

Nein, das wird nicht kritsiert! Kritisiert wird, dass Deutsch als einzig und alleinige Sprache dargestellt wird und der Rest als im besten Fall überflüssig!

woher zugewandert.

Kein Mensch behauptet, deutsch sei die einzige Sprache. Kein Mensch behauptet, zusätzliche Sprachkenntnisse wären kein Schatz.

Fakt ist hier ist deutsch die Landessprache. Hier ist sie die Hauptsprache für Unterricht und Studium (mal diejenigen ausgenommen, die sich das Lycée und die International School leisten können - ich glaube wir sind uns einig das ist eine Luxusfrage), in der Weiterführung für Beruf. Im Alltag für jeglichen sozialen Kontakt außerhalb der eigenen Ethnie. Für Segregation, gewollt oder ungewollt, kann doch keiner ernstlich sein. Für Ausschluss vom gesamten Arbeitsmarkt auch nicht.

Warum die empörte Polemik über eine Sprache, die es hier schon immer als Grundvoraussetzung gab?! Natürlich ist deutsch hier die im gesamten Bundesgebiet geltende offizielle Sprache. Natürlich ist sie der Schlüssel zur heimischen Bevölkerung, "autochton" oder anders

Doch, der Herr Pollak!

mehr sachlichkeit schadet in dieser diskussion sicher nicht. man muss beim hinweis auf die nützlichkeit von deutsch-kenntnissen bei den integrationsbemühungen nicht immer sofort einen fpö-unterton dazuinterpretieren.
wobei es natürlich auch sinnvoll wäre, wenn auch die fpö und andere dieses argument in einer sachlicheren form vorbringen würden.

komisch, meine frau ist tschechin, für Sie war nach ihren umzug nach wien von anfang klar, dass das leben hier einfacher für sie wenn sie die sprache beherrscht. sie hat in kürzester zeit die sprache erlernt und hier sogar im 2. bildungsweg neben der arbeit mit auszeichung maturiert (D-> "sehr gut"). hat einen sehr guten job in dem sie erfolgreich ist (alles ohne quote..) und wenns dort mal querelen gibt, ist ihr letzte gedanke dass sie wegen ihrer herkunft angefeindet wird (was natürlich leider auch manchmal tatsächlich der grund ist).
es ist nun mal so dass das beherrschen der sprache das zusammenleben einfacher macht und auch (für beide seiten) mehr chancen bietet

Jeder halbwegs denkende Mensch erkennt, dass es eine Notwendigkeit ist, die Landessprache zu lernen, wenn man im Ausland leben will. Das gilt in gleicher Weise für Österreicher, die auswandern. In Frankreich wird Französisch, in Kanada Englisch oder Französisch, in Australien Englisch vorausgesetzt...Warum regt man sich darüber auf, wenn ein deutschsprachiges Land Deutschkenntnisse verlangt?
Ich kenne keine Menschen mit tschechischen, ungarischen, polnischen, persischen oder ex-jugoswlawischen Wurzeln, die kein Deutsch können. Bei Türken gibt es extreme Unterschiede- von perfekten Sprachkenntnissen bis zum Nichtverständnis auch nach 15 Jahren im Land.

wieso ist die homepage von sos mitmensch nur in deutsch geschrieben?

Das Thema ist echt lustig. Da grunzt die FPÖ ständig ihre Drei-Wort-Parolen in Rheimform raus, damits der letzte Dodl es auch noch versteht und alle diskutieren über den Inhalt der Parolen! Um was anderes gehts hier ja nicht!
Ja, sicher hab ich auch schon erlebt, dass eine Person kaum oder gar kein Deutsch gesprochen hat. Aber weiß ich wie lange die Person hier ist? Ob sie überhaupt hier lebt? Und ist das mein Schaden, oder der der betroffenn Person?
Wer bitte hat irgendwann in Frage gestellt, das Deutsch als Verkehrs-, Amts- und Unterrichtssprache verschwinden solll? Das ist doch Unsinn, das geht ja auch nicht und somit ist das Thema wieder mal eine wunderbare Nebelgranate!!!

Am Lautesten fordern

diejenigen Österreicher von den Migranten fehlerfreies Deutsch, welche selbst vorzugsweise auf Straches Facebook Seite, diese Wörter verwenden:
gebohrene (Österreicher) giebt, nähmlich, üperhaubt....und der Überhit war: Cheyenen (Tschetschenen sollte es glaube ich heißen)
Als ich für diese Menschen dann gratis Deutschkurse gab ;), wurde ich sofort gelöscht und blockiert.
Und auf diese Stufe stellt sich jetzt auch die SPÖ? Traurig! Das ist die falsche Richtung!

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