Ausgleichszahlungen statt Ölförderung

16. Februar 2012, 10:27
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Die Internationale Gemeinschaft soll für den Förderverzicht Ecuadors im Amazonasregenwald bezahlen

Auf dem Klimagipfel Ende 2011 im südafrikanischen Durban galt sie als eine der wenigen Lichtblicke, Umweltaktivisten und UN-Generalsekretär Ban Ki-moon preisen sie als visionäres Projekt: Durch Ecuadors Yasuní-ITT-Initiative soll die Ölförderung im Osten des Yasuní-Nationalparks, eines der artenreichsten Regenwaldgebiete der Welt, unterlassen werden. Im ITT-Gebiet an der Grenze zu Peru, benannt nach den drei Ölfeldern Ishpingo, Tiputini und Tambococha, wohnen zudem zwei unkontaktierte südamerikanische Urvölker. Ende 2011 hat Präsident Rafael Correa das Dschungel-statt-Öl-Projekt um ein weiteres Jahr verlängert.

2007, fünf Monate nach seinem Amtsantritt, hatte der linke Staatschef einen Vorschlag lanciert: 840 Millionen Barrel Schweröl, immerhin 20 Prozent von Ecuadors gesamten Ölreserven, wolle er im Boden lassen - aber nur, wenn die internationale Staatengemeinschaft über 13 Jahre die Hälfte der erwarteten Öleinnahmen aufbringt. Diese Mittel, argumentiert Correa, seien für die Entwicklung des Landes unverzichtbar. Vor allem die Industrieländer hätten den Klimawandel verursacht, sagt er, und: "Wir möchten gegen die Erderwärmung kämpfen, aber dafür brauchen wir die Mitverantwortung der Welt."

Durch den Verzicht auf die Ölförderung würden nicht nur die Artenvielfalt und der Lebensraum der Amazonasvölker geschützt. Der Erdatmosphäre blieben zudem Emissionen von 410 Millionen Tonnen CO2 erspart - knapp fünfmal so viel, wie Österreich jährlich ausstößt. Im August 2010 wurde unter dem Dach der Uno ein Treuhandfonds für das Yasuní-Projekt eingerichtet. Mit dem Geld sollen 45 neue Naturschutzgebiete ausgewiesen, Wiederaufforstung und erneuerbare Energien vorangetrieben und Forschungsprogramme finanziert werden.

Im Dezember erklärte Regierungsbeauftragte Ivonne Baki, mit 116 Millionen Dollar sei das Jahresziel erreicht. Allerdings sind das fast alles erst Zusagen, darunter sogar solche für konventionelle Waldschutzprojekte: Die 47 vorgesehenen Millionen Dollar will Deutschland ausdrücklich nicht in den Yasuní-Fonds zahlen. Der liberale Entwicklungsminister Dirk Niebel stemmt sich vehement gegen die Initiative, er befürchtet einen Präzedenzfall: Sollte Yasuní-ITT Erfolg haben, könnten auch andere Länder wie Saudi-Arabien künftig Geld für unterlassene Umweltzerstörung fordern, argumentiert er.

Dass sich Berlin überhaupt noch bewegt hat, ist dem Druck von unten zu verdanken: In Deutschland ist die Initiative seit Jahren populär, 2008 unterstützte sie der Bundestag sogar einstimmig. Ein Jahr darauf wurden den Ecuadorianern je 50 Millionen Dollar über 13 Jahre in Aussicht gestellt. Doch Correa zögerte mit der Einrichtung des Fonds, und das, als Klimapolitik noch Hochkonjunktur hatte. Mit der schwarz-gelben Koalition und Niebel kam die deutsche Wende. Immerhin erlaubt der 47-Millionen-Dollar-Kompromiss beiden Seiten, das Gesicht zu wahren. Ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen Anfang 2013 wäre das Scheitern des Vorzeigeprojekts für Rafael Correa peinlich gewesen. Denn in Ecuador selbst ist die ITT-Initiative beliebter denn je.

Plan B mit Ölförderung

Doch derweil lässt der Präsident die Vorbereitungen für den sogenannten Plan B weiterlaufen - die Ölförderung, falls die geforderten Millionen nicht zusammenkommen. Der Staatsbetrieb Petroamazonas hat eine Umweltverträglichkeitsprüfung für die Ölfelder Tiputini und Tambococha vorgelegt, auch im benachbarten Block 31, der innerhalb des Yasuní-Parks liegt, soll ab 2013 das Rohöl sprudeln. Zugleich legt die Regierung die Latte höher: Heuer möchte sie 291 Millionen Dollar für die ITT-Initiative eintreiben.

"Wir müssen pragmatisch sein. 60 Prozent unseres Haushalts kommen aus den Erdöleinnahmen", sagte Natur- und Kulturerbeministerin María Fernanda Espinosa dem STANDARD. "Wir sind ja gerade dabei, einen Wohlfahrtsstaat aufzubauen - wie alle lateinamerikanischen Länder haben wir eine große soziale Schuld gegenüber unserer Bevölkerung zu begleichen."

Die Werbekampagne der Regierung geht weiter. Beiträge gibt es bisher aus Chile, Peru, Kolumbien, Spanien, Italien sowie aus Regionen in Belgien und Frankreich, auch Firmen und Privatpersonen spenden. So manch einer wirft Rafael Correa Erpressung vor. Doch selbst das US-Magazin Time schrieb neulich: "Man kann nicht ignorieren, dass der Plan im Kern gerecht ist."(DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2012)

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    Das Amazonasvolk der Huaorani fürchtet, um die Lebensgrundlage gebracht zu werden, sollten Ölkonzerne im Yasuní-Nationalpark nach Öl bohren dürfen.

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