Momentum Galerie: Zum Abschluss eine heidnische Reise mit Charles Fréger
Wien - Wild, fremd und in den allermeisten Fällen zum Fürchten sind sie - die
Gestalten, die für Charles Fréger posieren. Über und über mit Glocken behängt,
mitunter auch nur mit einer einzigen, die aber dafür so groß, dass ein
ausgewachsener Bulle schwer an ihr tragen würde. Gewandet in Tannengrün, Stroh,
Wolle und Fell. Letzteres auch gerne bis über den Kopf hinaus oder als
gesichtsloser Fellstumpf. Monströs-schiefe, gebleckte Zahnreihen, von einem
Ohrwaschel bis zum anderen. Der Kopfschmuck der unbändigen Teufel und Yetis, die
bisweilen an Comicmonster oder Figuren aus Star Wars erinnern:
einschüchternde Geweihe, vorwitzige Hörndln oder auch nur bunte
Krepppapierstreifen, in langen Bahnen vorm Gesicht oder zu Knäueln verzwirbelt.
Die ungeheure Vielfalt der Biester ließe vermuten, hier sei ein freakiger
Kostümbildner am Werk, aber nein, die fantastischen Wesen sind authentisch - und
darüber hinaus unglaublich individuell. Drei Jahre hat sich der 36-jährige
französische Fotograf Charles Fréger an die Fersen des "Wilden Mannes" geheftet.
Er nahm die Fährte europäischer mythologischer Figuren und der von lokalen
Gruppen gepflegten heidnischen Bräuche und Rituale (Jahreszeitenwechsel,
Fruchtbarkeit, Leben, Tod) auf. Als Perchten - genauer Schiachperchten - treiben
die Figuren im Alpenraum den Winter aus und sorgen, oft recht brachial, für
Angst und Schrecken unter der Jugend.
"I did it", schrieb Fréger, als er seine mehr als 150 Aufnahmen zählende und
damit bisher umfassendste Fotoserie im Mai 2011 abschloss. 18 Länder hatte er
bereist: von Österreich (wo alles mit der namensgebenden Tiroler Gruppe "Wilder
Mann" begann) bis Finnland, von den Pyrenäen über Sardinien bis in die Karpaten.
Auch in den sich verwandelnden, zum Biest werdenden Menschen verfolgt Fréger
sein Interesse am Porträt - am Individuum im Kollektiv -, wie es sich etwa in
den Serien Empire und Majorette zeigt.
Ein leuchtender Abschluss für die sechsjährige Galerietätigkeit von Momentum.
Die Schließung begründen Moritz Stipsicz und Valerie Loudon damit, dass man nun -
aus Verpflichtung gegenüber ihren Künstlern - an der Internationalisierung und
Professionalisierung arbeiten müsse. Dafür fehlen aber die Kapazitäten.
Obendrein würde man sich damit auch von der ursprünglichen Idee verabschieden:
Man wollte damals eher eine Lücke in Wien schließen als eine kommerzielle Galerie sein. Nun wird wieder eine Lücke klaffen. Einen
vergleichbaren Ort für junge zeitgenössische Fotografie gibt es in Wien nicht. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD - Printausgabe, 16. Februar 2012)
Bis 1. 3., Momentum Galerie
Schleifmühlgasse 1, 1040 Wien