Russland hofft auf einen Milliardenerlös durch den Teilverkauf seines Juwels
Moskau - Es läuft glänzend bei Alrosa. Kein Wunder, der Konzern ist praktisch
konkurrenzlos in Russland. 97 Prozent der russischen Rohdiamanten werden von
Alrosa gefördert. Damit ist der mehrheitlich staatseigene Betrieb für mehr als
ein Viertel der weltweiten Produktion verantwortlich.
Nun sollen russischen Medienberichten nach insgesamt 14 Prozent der Aktien an
die Börse gebracht werden. Bisher waren lediglich neun Prozent der Aktien im
Streubesitz. 51 Prozent gehören dem russischen Staat, 32 Prozent besitzt die
russische Teilrepublik Jakutien, weitere acht Prozent werden von den Gemeinden
gehalten, in denen die riesigen Diamantenvorkommen lagern.
Verkaufen sollen Russland und Jakutien. Beide Seiten steuern jeweils die
Hälfte der zu verkaufenden Aktien bei. Platziert werden die Papiere den Plänen
nach, die maßgeblich von den Investmentbanken J. P. Morgan, Goldman Sachs und
VTB Capital ausgearbeitet wurden, an der Moskauer Wertpapierbörse Micex.
Offiziell ist die Entscheidung noch nicht, aber hinter vorgehaltener Hand
heißt es, dass der entsprechende Beschluss auf der Beiratssitzung des Konzerns
am 24. Februar getroffen werden soll. Der Börsengang könnte demnach entweder
noch im heurigen Herbst zwischen Mitte Oktober und Mitte November oder im
nächsten Frühjahr (Ende April bis Mitte Mai) stattfinden.
Analysten bewerten den Schritt als positiv: Der Konzern ist zwar nach seiner
Umwandlung in eine offene Aktiengesellschaft seit Herbst offiziell an der Börse
gelistet, "doch bislang gibt es nur ganz wenige Geschäfte auf dem Markt", teilte
Dinnur Galikanow, Senior Analyst bei der Investmentfirma Aton dem Standard mit.
Die neu auf den Markt kommenden Aktien sollten für die nötige Liquidität sorgen,
um den Handel in Gang zu bringen. "Langfristig sind die Aussichten der Aktie
sicher gut", meint Galikanow.
Der russische Staat erhofft sich durch den Verkauf Einnahmen von mindestens
einer Milliarde US-Dollar. Das Management des Konzerns schätzte den Wert des
Pakets gar auf 1,5 Milliarden US-Dollar. Damit schwankt der Gesamtwert Alrosas
zwischen gut sieben und knapp elf Milliarden US-Dollar.
Staat will Kontrolle behalten
Eigentlich sollte Alrosa einer Vorgabe von Präsident Dmitri Medwedew nach bis
2017 vollständig privatisiert werden. Diese Pläne sind nun aber wohl vom Tisch:
Der Verkauf berge die Gefahr, dass die Tätigkeit Alrosas als wichtigste
Einnahmequelle des jakutischen Haushalts und als Sponsor für Sozialprojekte in
der Region nicht mehr gewährleistet werden könne, heißt es in einem Dokument.
Die Regierung fürchtet bei einem Verkauf offenbar, dass Alrosa dann wie viele
Konzerne, die von russischen Oligarchen beherrscht werden - Beispiel: Oleg
Deripaskas Konzern Rusal - ihren Sitz in eine Offshore-Zone verlegt, um Steuern
zu sparen.
Das würde gewaltige Löcher in den Haushalt schlagen. Allein im Jänner hat
Alrosa Edelsteine im Wert von 318 Millionen US-Dollar verkauft. Für das
Gesamtjahr rechnet das Unternehmen mit Einnahmen von rund fünf Milliarden
US-Dollar. Der Reingewinn lag zuletzt (Jänner bis September 2011) bei rund 1,2
Milliarden US-Dollar. (André Ballin, DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2012)