Länger arbeiten: "Krankheit und nicht Kranke bekämpfen"

15. Februar 2012, 18:54
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Arbeiterkammer fordert Gesundheitsprogramm, um Menschen länger im Erwerbsleben zu halten - Mit "Prämiensystem" gegen Frühpensionen

"Länger arbeiten", sagt Hermann Haneder, sei ein "herzeigbares Schlagwort". Ein Schlagwort, das allerdings an der Realität vorbeigehe, wie der Präsident der Arbeiterkammer Niederösterreich am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Wien meinte. "Die Firmen müssen zuerst einmal bereit sein, die Menschen länger zu beschäftigen." Aus diesem Grund sieht er das Sparpaket der Regierung, das auch im Pensionsbereich Einschnitte vorsieht und die Kluft zwischen dem faktischen und gesetzlichen Pensionsantrittsalter verringern möchte, "sehr skeptisch".

Bewusstsein bei der Ausbildung schärfen

"Man soll die Krankheit bekämpfen und nicht die Kranken", kritisiert Haneder und fordert Unternehmen auf, präventiv Maßnahmen zu ergreifen, um Leute länger im Erwerbsleben zu halten. Regelmäßige Schulungen, um mit physischen und psychischen Belastungen umgehen zu können, wären ein erster Schritt, aber eines sei klar: "Eine Frau, die täglich am Fließband steht, wird nicht 40 Jahre arbeiten können." Je früher Gesundheitsprogramme implementiert werden, desto effizienter, glaubt Haneder. Er möchte bereits bei der Ausbildung ansetzen: "Das Bewusstsein soll schon in der Schule geschaffen werden."

Der geplanten Regelung, dass Leute erst ab 50 in die Invaliditätspension geschickt werden, kann er durchaus positive Seiten abgewinnen. "Ein 40-Jähriger könnte einen anderen Beruf erlernen. " Über Qualifizierung. Wenn die Regierung ihr Vorhaben realisiert, dann fällt die befristete Invaliditätspension für unter 50-Jährige weg, an ihre Stelle tritt das "Rehabilitationsgeld". Betroffene werden künftig vom AMS betreut, um sie mit Kursen wieder ins Berufsleben zu integrieren. Dass das nicht bei jedem geht, ist klar, dennoch soll auf diese Weise die Zahl der Invaliditätspensionen verringert werden. Das AMS bekommt zusätzliches Budget zur Verfügung gestellt.

Rehabilitation nicht immer möglich

Invaliditätspensionen seien "kein Schlupfloch, sondern der Beweis, dass etwas schief läuft", sagt Bernhard Rupp, Gesundheitsexperte der AKNÖ. Laut Zahlen der Arbeiterkammer liegt der Anteil der I-Pensionen an den gesamten Ruheständen aktuell bei rund neun Prozent. "Invaliditätspensionisten gehen im Schnitt neun Jahre früher in Pension und sterben im Schnitt um 10,6 Jahre früher", betont Rupp. Zumindest Männer, bei Frauen ist das Verhältnis nicht ganz so eklatant. Er kritisiert, dass sich seit den 60er Jahren nichts verbessert habe. Ganz im Gegenteil, denn: "Wir haben sogar eine Verjüngung bei jenen, die zu Invaliden werden." Einen Grund sieht er auch in psychischen Erkrankungen, die seien im Vormarsch. Er plädiert für das Abfedern von Härtefällen: "Wie soll eine Rehabilitation möglich sein, bei jemandem, der eine Chemotherapie bekommt?"

Die Arbeitgeber ins Boot holen will Doris Rauscher-Kalod, Leiterin der Arbeits- und Sozialrechtsabteilung in der AKNÖ. Sie befürwortet ein Anreizsystem, damit Pensionsanträge später gestellt werden - also erst nach der gesetzlichen Regelung. Das solle sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber betreffen. Der Anreiz, auf Frühpensionierungen zu verzichten, könnte nach einem "Prämiensystem" organisiert werden, so der Wunsch der Arbeiterkammer: Wer beschäftigt bleibt, statt eine vorzeitige Alterspension in Anspruch zu nehmen, soll eine Prämie erhalten, die mit der Zahl dieses Aufschubs steigt.

Beschäftigungshoch Mitte vierzig

Den höchsten Beschäftigungsgrad weisen in Niederösterreich 43- bis 44-Jährige auf, berichtet Rauscher-Kalod, danach gehe die Kurve bereits wieder nach unten. Und: "72 Prozent gehen über die Arbeitslosigkeit vorzeitig in den Ruhestand." Eine Anhebung des Pensionsantrittsalters gehe also am eigentlichen Problem vorbei, moniert sie und wünscht sich Vorbeugungsmaßnahmen bereits ab dem 35. Lebensjahr - bei schwerer körperlicher Arbeit. Etwa in Form von regelmäßigen Schulungen. Später solle dann der Wechsel auf leichtere Tätigkeiten ermöglicht werden. Als quasi "Umstiegshelfer" könnte der Staat mit steuerlichen Vorteilen in die Bresche springen, schlägt sie vor, um etwaigen Einkommensverlust zu kompensieren. Leichtere Tätigkeiten seien oft auch "leichter" dotiert.

Ein Puzzlestück zum Erfolg im Jahr des "Active Ageing, wie von der EU 2012 proklamiert wird, ist das in Niederösterreich als Pilotprojekt gestartete Gesundheitsprogramm "WorkFit", das auf ganz Österreich ausgedehnt werden soll. Um die Zahl der Krankenstandstage zu reduzieren, Niederösterreich hat mit 14,5 pro Jahr den Höchstwert aller Bundesländer, möchte die Arbeiterkammer alle Arbeitsplätze auf mögliche Gesundheitsgefährdungen überprüfen. Schließlich leben wir in "stürmischen Zeiten", meint Präsident Haneder, gelernter Zimmermann: "Arbeiter müssen immer mehr leisten." (om, derStandard.at, 15.2.2012)

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    Das Regelpensionsalter ist bei Männern mit dem 65. Lebensjahr erreicht, bei Frauen mit dem 60. Lebensjahr.

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