Eine 25-Jährige aus Ohio betreibt via Internet Kulturaustausch mit den Chinesen
Zweimal nimmt sie Anlauf. Ihr ist es unangenehm, aber es muss raus. "Du hast
einen, ähm ...", sagt Jessica Beinecke und streicht sich mit dem Zeigefinger
über die Fläche zwischen Oberlippe und Nasenspitze. "Einen, ähm ...", wiederholt
sie, "also, du hast einen Popel dort hängen."
So etwas steht in keinem Englischbuch, und genau das erklärt Jessica
Beineckes Erfolg. Locker und gestenreich bringt die 25-jährige Amerikanerin
ihren chinesischen Schülern bei, wie man sich mit einem "cute guy" zu einem
Rendezvous verabredet und dass ein "tough cookie" kein altbackener Keks ist,
sondern ein Mensch, der sich nicht unterkriegen lässt.
Während des Unterrichts sitzt sie in ihrem Washingtoner Wohnzimmer, auf dem
Tisch zwei Laptops, das Gesicht einer Webkamera zugewandt. Keine Lektion dauert
länger als vier Minuten, fünf Einheiten sind es jede Woche, ihre Fangemeinde
wächst und wächst. Auf dem chinesischen Videoportal Youku wird Beineckes Show
pro Monat rund eine Million Mal angeklickt. Bei Weibo, der chinesischen Variante
von Twitter, folgen ihr mehr als 100.000 Fans.
Der Titel der Sendung ist so amerikanisch wie Baseball und Hollywood: "Oh My
God", gern auch abgewandelt zu "Oh My Gosh". Bai Jie, so Beineckes chinesischer
Name, hat die Abkürzung gewählt, um ihrer Serie ein Erkennungszeichen zu geben:
OMG.
Dass sie fließend Mandarin spricht, hilft. Außerdem entspricht sie dem
Klischee, das man in Asien von einer Amerikanerin hat: blond, blaue Augen und
strahlend weiße Zähne.
Die Slang-Lehrerin stammt aus einer Kleinstadt in Ohio, dem Inbegriff für
tiefste Provinz. An der Universität in Athens, Ohio, studierte sie
Kommunikationswissenschaften und Chinesisch. 2007 folgten Praktika in Übersee.
Für eine englischsprachige Zeitung schrieb sie eine launige Kolumne. Und so
aufgekratzt, wie sie in China mit Gleichaltrigen witzelte, macht sie heute
Online-TV.
Zurück in den USA, fing Beinecke bei Voice of America an, dem fürs Ausland
produzierenden Rundfunksender, der auch ihre OMG-Show finanziert. Direktor David
Ensor spricht von einem Musterbeispiel für Kulturaustausch. Wenn man so will,
ist das "All-American Girl" die Antwort auf Amy Chua, die mit ihrem
Pädagogikbuch Die Mutter des Erfolgs für große Aufregung sorgte. Darin
gab die Tochter chinesischer Einwanderer den Amerikanern den Rat, ihre Kinder
nicht schon beim kleinsten Anlass zu loben, sondern sie durch konsequente,
notfalls drastische Strenge anzuspornen. Sonst lande die US-Nation bald im
Mittelfeld, abgehängt von den Asiaten. Zwischen Miami und Seattle quittierte man
dies mit einer Mischung aus Empörung und Bewunderung; irgendwie traf es ja einen
Nerv.
Nun trägt Jessica Beinecke dazu bei, das US-Selbstbewusstsein wieder zu
stärken. Siehe da, bei jungen Chinesen sind die USA keineswegs der sieche, dem
Niedergang geweihte Uncle Sam.
Neulich ging es bei OMG um Vokabeln, die höchstes Lob ausdrücken. Sehr
angesagt ist "fantabulous", eine Paarung aus fantastisch und fabelhaft.
Amerikanischer Überschwang - ausgesprochen authentisch. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2012)