"Servas, Karli!", "Servas, Felix!"

  • Der Austrianer Felix Gasselich (links) und der Rapidler Karl  
Brauneder  stoßen mit passenden Gläsern aufs 300. Derby an. Die 
Rivalität hat sich  immer nur  auf den Platz  beschränkt.
    foto: der standard/fischer

    Der Austrianer Felix Gasselich (links) und der Rapidler Karl Brauneder stoßen mit passenden Gläsern aufs 300. Derby an. Die Rivalität hat sich immer nur auf den Platz beschränkt.

Das 300. Derby zwischen Rapid und der Austria steht an. Das Jubiläum zwang die Legenden Karl Brauneder und Felix Gasselich an den Stammtisch. Christian Hackl und David Krutzler lauschten.

Wien - Der Wirt vom "Hollerbusch" ist total tolerant. Er bedient jeden Gast, alkoholisierte Sechsjährige nach 22 Uhr natürlich ausgenommen. Der Wirt ist immer schon Rapid-Anhänger gewesen. Er steht dazu, diesbezüglich ist sein Leben alternativlos. Der Wirt ist klug genug zu wissen, dass jenes Blut, welches in seinen Adern strömt, niemals grün-weiß gefärbt sein kann. Austrianer halten die intensive Zuneigung zu Rapid für einen Geburtsfehler. Der Umkehrschluss ist selbstverständlich zulässig. Der Wirt ist vor dem 300. Wiener Derby aufgeregt, aufgeregter als zum Beispiel vor dem 193. Und da war er schon sehr aufgeregt.

Felix Gasselich, die Austria-Legende, erscheint überpünktlich, zehn Minuten vor dem ausgemachten Termin. Der Wirt deklariert sich, Gasselich sagt "macht nix", der Wirt ist von dieser Liberalität überwältigt. Das Du-Wort ist eine Selbstverständlichkeit, der Kaffee ebenfalls. Gasselich plaudert über seine Legionärszeit bei Ajax Amsterdam, gibt preis, dass Johan Cruyff ein Spitzentrainer war. "Menschlich gesehen sollte man aber von ihm wenig bis nichts lernen. Sein Umgang war eine Katastrophe. Das würde ich ihm auch ins Gesicht sagen."

Eine halbe Stunde später erkundigt sich Gasselich so nebenbei nach dem Verbleib seines Stammtischbruders Karl Brauneder. Das wüssten andere auch gern.

Anruf bei Brauneder. "Um Gottes Willen, ich bin noch laufen gewesen." Er sollte die Rapid-Viertelstunde rund viermal überziehen, aber dem Felix ist eh nicht fad geworden und Hauptsache g'sund samma. "Servas, Karli! Brav, dass du laufen warst, sollte ich auch tun." "Servas, Felix! Entschuldige die Verspätung." Die beiden fremdeln nicht, sie sehen einander regelmäßig in diversen Stadien und bei den Legendenspielen. Beide wollen sie vom Standard wissen: "Warum ausgerechnet wir? Man hätte ja auch den Herbert Prohaska und den Hans Krankl nehmen können."

Der Standard antwortet: "Man hätte gekonnt, aber das wäre mäßig originell und abgelutscht gewesen." Gasselich (lacht): "Stimmt wahrscheinlich." Brauneder (lacht): "Stimmt wahrscheinlich." der Standard (lacht nicht): "Stimmt sicher."

Gasselich und Brauneder bedienen Klischees. Der Austrianer, der Techniker. Der Rapidler, der Rackerer. Gasselich: "Irgendetwas Wahres ist schon dran. Bei uns hat es natürlich auch einige gegeben, die draufgehaut haben. Der Josef Sara, frage nicht. Aber wir haben schon im Nachwuchs gescheiberlt, gehäkerlt. Die Austria konnte gegen Landhaus durchaus verlieren, Rapid ist eine Woche später 10:0 drübergefahren."

Bei Gasselich war es auch eine persönliche Geschichte. "Ich bin im Park aufgewachsen, habe im Käfig gegen Größere gekickt. Und da ich nicht auf dem Beton liegen wollte, musste ich tricksen, wendig sein, damit sie mich nicht erwischen." Brauneder: "Rapid war immer der Arbeiterverein, hat gekämpft. Aber es gab auch gute Fußballer."

Der Wirt überredet Gasselich zu einem Seidel Bier, es wird ein Krügerl. "Wir Austrianer san halt die Alkoholiker." Brauneder besteht auf Apfelsaft, naturtrüb, mit Wasser gespritzt. "Obwohl es bei Rapid kein Alkoholverbot gab." Und dann die Sensation: Gasselich bekommt ein Glas mit dem Austria-Wappen drauf, der Wirt ist ein Profi mit Herz. Brauneders Rapid-Krügerl ist in diesem konkreten Gasthaus hingegen Normalität.

Erinnerungen ans Derby. Gasselich erwähnt sein allererstes, 1975 im Praterstadion. "Ich war als Linksaußen aufgestellt, schoss an die Stange, der Schneckerl staubte zum 1:0-Sieg ab." Brauneder schätzt eines aus dem Jahr 1992, Rapid gewann 2:1. "Ein Wunder, davor war die Austria tausendprozentiger Favorit."

Womit die Stammtischbrüder bei den "eigenen Gesetzen" sind. Die gibt es nämlich tatsächlich. "Hast an Lauf und spielst das Derby, ist der Lauf vorbei. Du fängst immer bei null an", sagt Brauneder, bestätigt Gasselich. "Du weißt vorher gar nix." Die Tage davor seien hektisch. Brauneder: "Alle sind gierig."

Trainer Otto Baric hat dem Karli einmal folgende taktische Anweisungen mitgegeben: "Du musst töten diese Ogris. Du musst gehen nach vor, auf den Hansi seinen Kopf flanken, du musst laufen zurück und auch Tore machen und verhindern." Brauneder: "Das Anforderungsprofil war für einen linken Außenverteidiger der blanke Wahnsinn. Da warst im falschen Film." Ogris hat übrigens überlebt.

Gasselich bietet diesen Schwank an: "Der Köglberger Heli ist mit einer grünen Krawatte zum Training erschienen. Der Pirkner Hans hat eine Verletzung vorgetäuscht, ist in die Kabine gehumpelt. Und hat dort topfit die Krawatte zerschnitten. Es sind nur Konfetti übrig geblieben. Dann hat er dem Köglberger auch noch die Schuhe am Holzboden angenagelt. Der Schmäh ist g'rennt."

Die Fans sind oft weniger lustig gewesen. Gasselich und Brauneder beklagen eine zunehmende Verrohung. "Früher waren sie auch aufbrausend, aber nie so brutal. Sie haben mehr vom Fußball verstanden. Jetzt wollen die Jungen keinen Fußball haben, sondern eine Veranstaltung. Es geht um den Wirbel. Traurig, dass man 1000 Polizisten braucht. Das ist eine europaweite Entwicklung."

Im Wirtshaus werden der Karli und der Felix sentimental. 1985, als der Karli mit Rapid ins Europacupfinale gekommen ist, gab es 50.000 Schilling Prämie. "So viel kriegst heute für den Punkt gegen Ried." Die Rivalität, sagt der Felix, habe sich nur auf den Platz beschränkt. "Den Karli hast fünfmal überspielen können und fünfmal war er wieder da. Man hatte Respekt." Der Karli ist früher mit dem einwandfrei der Austria zuzuordnenden Polster Toni um das eine und auch andere Haus gezogen - natürlich ganz selten. Dafür ist ein Wechsel zwischen den Vereinen heutzutage weit unproblematischer. Gasselich: "Der Krankl hatte nach Barcelona ein Angebot von der Austria." Brauneder: "Hätte er angenommen, hätten's eam wahrscheinlich derschlagen."

Natürlich werden die Stammtischbrüder die 300. Auflage am Samstag im Happel-Stadion besuchen. Gasselich tippt auf ein 2:1 für die Austria, Brauneder auf ein 1:0 für Rapid. "Obwohl die Austria momentan besser spielt." Beide gehen von mehr Rasse als Klasse aus. Der seit der Geburt schwer vorbelastete Wirt ("2:1 für Rapid") sagt: "Gasselich ist wirklich nett." (DER STANDARD, Printausgabe 16.2.2012)

ZU DEN PERSONEN

Karl Brauneder (51), geboren in Vösendorf, begann seine Profikarriere 1978 beim Wiener Sportclub. Von 1983 bis 1991 verteidigte er für Rapid. Er wurde zweimal Meister, dreimal Cupsieger, erreichte 1985 das Finale des Europacups der Cupsieger. Er bestritt 21 Länderspiele (ein Tor). Brauneder arbeitet bei der Pensionsversicherunganstalt.

Felix Gasselich (56), geboren in Wien, war von 1970 bis 1983 im offensiven Mittelfeld der Austria tätig. Er wurde fünfmal Meister, stand 1978 im Finale des Europacups der Cupsieger. 1983 wechselte er für zwei Saisonen zu Ajax Amsterdam (ein Meistertitel). 19-mal kickte er im ÖFB-Team (drei Tore). Gasselich betreibt eine Gebäudereinigungsfirma.

Share if you care