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Der Austrianer Felix Gasselich (links) und der Rapidler Karl Brauneder stoßen mit passenden Gläsern aufs 300. Derby an. Die Rivalität hat sich immer nur auf den Platz beschränkt.
Wien - Der Wirt vom "Hollerbusch" ist total tolerant. Er bedient jeden Gast, alkoholisierte Sechsjährige nach 22 Uhr natürlich ausgenommen. Der Wirt ist immer schon Rapid-Anhänger gewesen. Er steht dazu, diesbezüglich ist sein Leben alternativlos. Der Wirt ist klug genug zu wissen, dass jenes Blut, welches in seinen Adern strömt, niemals grün-weiß gefärbt sein kann. Austrianer halten die intensive Zuneigung zu Rapid für einen Geburtsfehler. Der Umkehrschluss ist selbstverständlich zulässig. Der Wirt ist vor dem 300. Wiener Derby aufgeregt, aufgeregter als zum Beispiel vor dem 193. Und da war er schon sehr aufgeregt.
Felix Gasselich, die Austria-Legende, erscheint überpünktlich, zehn Minuten vor dem ausgemachten Termin. Der Wirt deklariert sich, Gasselich sagt "macht nix", der Wirt ist von dieser Liberalität überwältigt. Das Du-Wort ist eine Selbstverständlichkeit, der Kaffee ebenfalls. Gasselich plaudert über seine Legionärszeit bei Ajax Amsterdam, gibt preis, dass Johan Cruyff ein Spitzentrainer war. "Menschlich gesehen sollte man aber von ihm wenig bis nichts lernen. Sein Umgang war eine Katastrophe. Das würde ich ihm auch ins Gesicht sagen."
Eine halbe Stunde später erkundigt sich Gasselich so nebenbei nach dem Verbleib seines Stammtischbruders Karl Brauneder. Das wüssten andere auch gern.
Anruf bei Brauneder. "Um Gottes Willen, ich bin noch laufen gewesen." Er sollte die Rapid-Viertelstunde rund viermal überziehen, aber dem Felix ist eh nicht fad geworden und Hauptsache g'sund samma. "Servas, Karli! Brav, dass du laufen warst, sollte ich auch tun." "Servas, Felix! Entschuldige die Verspätung." Die beiden fremdeln nicht, sie sehen einander regelmäßig in diversen Stadien und bei den Legendenspielen. Beide wollen sie vom Standard wissen: "Warum ausgerechnet wir? Man hätte ja auch den Herbert Prohaska und den Hans Krankl nehmen können."
Der Standard antwortet: "Man hätte gekonnt, aber das wäre mäßig originell und abgelutscht gewesen." Gasselich (lacht): "Stimmt wahrscheinlich." Brauneder (lacht): "Stimmt wahrscheinlich." der Standard (lacht nicht): "Stimmt sicher."
Gasselich und Brauneder bedienen Klischees. Der Austrianer, der Techniker. Der Rapidler, der Rackerer. Gasselich: "Irgendetwas Wahres ist schon dran. Bei uns hat es natürlich auch einige gegeben, die draufgehaut haben. Der Josef Sara, frage nicht. Aber wir haben schon im Nachwuchs gescheiberlt, gehäkerlt. Die Austria konnte gegen Landhaus durchaus verlieren, Rapid ist eine Woche später 10:0 drübergefahren."
Bei Gasselich war es auch eine persönliche Geschichte. "Ich bin im Park aufgewachsen, habe im Käfig gegen Größere gekickt. Und da ich nicht auf dem Beton liegen wollte, musste ich tricksen, wendig sein, damit sie mich nicht erwischen." Brauneder: "Rapid war immer der Arbeiterverein, hat gekämpft. Aber es gab auch gute Fußballer."
Der Wirt überredet Gasselich zu einem Seidel Bier, es wird ein Krügerl. "Wir Austrianer san halt die Alkoholiker." Brauneder besteht auf Apfelsaft, naturtrüb, mit Wasser gespritzt. "Obwohl es bei Rapid kein Alkoholverbot gab." Und dann die Sensation: Gasselich bekommt ein Glas mit dem Austria-Wappen drauf, der Wirt ist ein Profi mit Herz. Brauneders Rapid-Krügerl ist in diesem konkreten Gasthaus hingegen Normalität.
Erinnerungen ans Derby. Gasselich erwähnt sein allererstes, 1975 im Praterstadion. "Ich war als Linksaußen aufgestellt, schoss an die Stange, der Schneckerl staubte zum 1:0-Sieg ab." Brauneder schätzt eines aus dem Jahr 1992, Rapid gewann 2:1. "Ein Wunder, davor war die Austria tausendprozentiger Favorit."
Womit die Stammtischbrüder bei den "eigenen Gesetzen" sind. Die gibt es nämlich tatsächlich. "Hast an Lauf und spielst das Derby, ist der Lauf vorbei. Du fängst immer bei null an", sagt Brauneder, bestätigt Gasselich. "Du weißt vorher gar nix." Die Tage davor seien hektisch. Brauneder: "Alle sind gierig."
Trainer Otto Baric hat dem Karli einmal folgende taktische Anweisungen mitgegeben: "Du musst töten diese Ogris. Du musst gehen nach vor, auf den Hansi seinen Kopf flanken, du musst laufen zurück und auch Tore machen und verhindern." Brauneder: "Das Anforderungsprofil war für einen linken Außenverteidiger der blanke Wahnsinn. Da warst im falschen Film." Ogris hat übrigens überlebt.
Gasselich bietet diesen Schwank an: "Der Köglberger Heli ist mit einer grünen Krawatte zum Training erschienen. Der Pirkner Hans hat eine Verletzung vorgetäuscht, ist in die Kabine gehumpelt. Und hat dort topfit die Krawatte zerschnitten. Es sind nur Konfetti übrig geblieben. Dann hat er dem Köglberger auch noch die Schuhe am Holzboden angenagelt. Der Schmäh ist g'rennt."
Die Fans sind oft weniger lustig gewesen. Gasselich und Brauneder beklagen eine zunehmende Verrohung. "Früher waren sie auch aufbrausend, aber nie so brutal. Sie haben mehr vom Fußball verstanden. Jetzt wollen die Jungen keinen Fußball haben, sondern eine Veranstaltung. Es geht um den Wirbel. Traurig, dass man 1000 Polizisten braucht. Das ist eine europaweite Entwicklung."
Im Wirtshaus werden der Karli und der Felix sentimental. 1985, als der Karli mit Rapid ins Europacupfinale gekommen ist, gab es 50.000 Schilling Prämie. "So viel kriegst heute für den Punkt gegen Ried." Die Rivalität, sagt der Felix, habe sich nur auf den Platz beschränkt. "Den Karli hast fünfmal überspielen können und fünfmal war er wieder da. Man hatte Respekt." Der Karli ist früher mit dem einwandfrei der Austria zuzuordnenden Polster Toni um das eine und auch andere Haus gezogen - natürlich ganz selten. Dafür ist ein Wechsel zwischen den Vereinen heutzutage weit unproblematischer. Gasselich: "Der Krankl hatte nach Barcelona ein Angebot von der Austria." Brauneder: "Hätte er angenommen, hätten's eam wahrscheinlich derschlagen."
Natürlich werden die Stammtischbrüder die 300. Auflage am Samstag im Happel-Stadion besuchen. Gasselich tippt auf ein 2:1 für die Austria, Brauneder auf ein 1:0 für Rapid. "Obwohl die Austria momentan besser spielt." Beide gehen von mehr Rasse als Klasse aus. Der seit der Geburt schwer vorbelastete Wirt ("2:1 für Rapid") sagt: "Gasselich ist wirklich nett." (DER STANDARD, Printausgabe 16.2.2012)
ZU DEN PERSONEN
Karl Brauneder (51), geboren in Vösendorf, begann seine Profikarriere 1978 beim Wiener Sportclub. Von 1983 bis 1991 verteidigte er für Rapid. Er wurde zweimal Meister, dreimal Cupsieger, erreichte 1985 das Finale des Europacups der Cupsieger. Er bestritt 21 Länderspiele (ein Tor). Brauneder arbeitet bei der Pensionsversicherunganstalt.
Felix Gasselich (56), geboren in Wien, war von 1970 bis 1983 im offensiven Mittelfeld der Austria tätig. Er wurde fünfmal Meister, stand 1978 im Finale des Europacups der Cupsieger. 1983 wechselte er für zwei Saisonen zu Ajax Amsterdam (ein Meistertitel). 19-mal kickte er im ÖFB-Team (drei Tore). Gasselich betreibt eine Gebäudereinigungsfirma.
Das Remis im 305. Wiener Derby ist für die Austria ein doppelter Schaden. Der Vorsprung auf Verfolger und Meister Salzburg beträgt nur noch sechs Punkte, außerdem wurde Historisches verpasst
Stimmen zum 2:2 im Wiener Derby am Sonntag
2:2 beim Aufeinandertreffen der Stadtrivalen Austria und Rapid
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Gorgon beim 2:0 mit zwei Toren Matchwinner gegen indisponierte Rapid, Gelb-Rot für Prager - Vermummte Rapid-Randalier zettelten vor dem Stadion Ausschreitungen an
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Immerhin wird die 300. Auflage des Wiener Derbys in Erinnerung bleiben - weil das 0:0 extrem niveaulos war. Vielleicht konnten die Akteure gar nichts dafür. Der Fußball ist eben so
Die Jubiläumsausgabe des Duells zwischen Rapid und Austria endet vor beinahe 30.000 Zuschauern mit einer enttäuschenden und unansehnlichen Nullnummer
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Das Derby wurde nach 26 Minuten abgebrochen. Zum Teil vermummte Rapid-Hooligans stürmten das Spielfeld des Hanappi-Stadions
Helmut Weigl spielte Anfang der siebziger Jahre im Mittelfeld der Wiener Austria, im Großen Wiener Derby traf er besonders gerne - eine Zeitreise in Violett
dann wundert mich, daß der Brauneder nicht das legendäre Cup-Finale 1985 im Hanappi erwähnt hat. 3:3 nach Verlängerung, und er hat im Elferschießen den entscheidenden Elfer zum 6:5 verwandelt. War gleichzeitig der letzte große Auftritt von Antonin Panenka im Rapid-Dress (danach gab's noch ein paar Meisterschaftsspiele, in denen er noch gespielt hat).
karl brauneder begann seine laufbahn beim sportclub. ich glaube, felix gasselich beendete sie dort.
immer wenn ich vom großartigen derby lese und von den ruhmreichen 50ern oder 60ern, dann sollte man erwähnen, dass zu diesen zeiten vienna und sportclub genauso große vereine waren, die leider in den 80ern und 90ern den anschluss verloren haben.
Nein. Als das Zuschauerinteresse in Wien nachließ, blieben nur mehr die Austria und Rapid über.
Nach der Reform von 1974 hätte sich die Vienna ohnehin nicht sportlich qualifiziert, der Sportklub knapp ja, beide hatten aber dann den Wiederaufstieg geschafft. Man hielt sie bis in den 90er-Jahren irgendwie noch am Leben, dass sie in der 1. Liga mitspielen konnten, aber dann krachte es ordentlich. Das hatte mit der Ligareform 1974 schon lange nichts mehr zu tun.
Ein Wahnsinn, daß Brauneder bei solchen taktischen Anweisungen von Baric trotzdem ein Topverteidiger wurde!
"Du musst töten diese Ogris. Du musst gehen nach vor, auf den Hansi seinen Kopf flanken, du musst laufen zurück und auch Tore machen und verhindern."
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