"Ich kriege doch ununterbrochen Watschen"

Interview
  • Der Kampf gegen die FPÖ habe ihn nie zermürbt, sagt Ariel Muzicant, aber es habe doch "Momente gegeben, in denen ich überlegt hatte, Österreich zu verlassen".
    foto: apa/techt

    Der Kampf gegen die FPÖ habe ihn nie zermürbt, sagt Ariel Muzicant, aber es habe doch "Momente gegeben, in denen ich überlegt hatte, Österreich zu verlassen".

  • "Entzieht man dem Heinz-Christian Strache seinen Generalsekretär Herbert Kickl, bleibt nichts übrig als ein Schaumschläger."
    foto: apa/techt

    "Entzieht man dem Heinz-Christian Strache seinen Generalsekretär Herbert Kickl, bleibt nichts übrig als ein Schaumschläger."

  • "Österreich ist nach 1945 den falschen Weg gegangen. Man hat 
versucht, sich zu arrangieren, das alles zu verniedlichen, zu 
entschuldigen."
    foto: apa/techt

    "Österreich ist nach 1945 den falschen Weg gegangen. Man hat versucht, sich zu arrangieren, das alles zu verniedlichen, zu entschuldigen."

Mit 60 ist Schluss: Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, über seinen Rückzug, die Zukunft der Gemeinde und seinen schlimmsten Feind: Strache oder Haider

STANDARD: Kommende Woche treten Sie als Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde zurück. Warum kandidieren Sie nicht mehr?

Muzicant: Alles, was ich wollte, habe ich umgesetzt. Außerdem sollte man ab einem bestimmten Alter den Mut finden, einen Nachfolger aufzubauen.

STANDARD: Sie sind seit 1998 IKG-Präsident. Wie hat sich Österreich in diesen Jahren verändert?

Muzicant: Wir haben zweifellos einen enormen Reichtumsschub gemacht - natürlich im Durchschnitt. Auf der anderen Seite gibt es aber auch eine wachsende Zahl an armen Menschen und an Leuten, die jetzt Angst haben, in der Krise zu verlieren. Diese Furcht wird von populistischen Gruppen wie der FPÖ schamlos ausgenützt, um hier Emotionen und Extremismus zu schüren. In diesen Jahren ist aber nicht nur die FPÖ erstarkt, sondern es entstand auch eine starke Zivilgesellschaft.

STANDARD: Sie haben aber selbst vor kurzem geklagt, dass immer die jüdische Gemeinde als Erstes gegen diese Art Politik auftreten muss.

Muzicant: Ich habe beklagt, dass es ein Fehler ist, dass wir immer noch eine Speerspitze sind in diesem Kampf. Ich würde mir wünschen, dass wir zwar Teil sind, aber nicht an vorderster Front. Noch sind wir nicht so weit.

STANDARD: Dann ist die Zivilgesellschaft offenbar nicht so stark.

Muzicant: Sagen wir es so: In Deutschland wäre eine Reaktion auf die extreme Rechte eine andere als bei uns. Wenn dort jemand das sagen würde, was Politiker in den letzten 30 Jahren gesagt haben - zuletzt Strache mit dem "Neue Juden"-Sager -, dann wäre er binnen Sekunden Geschichte. In Österreich schreit man auf - und geht dann zur Tagesordnung über.

STANDARD: Ist man abgestumpft?

Muzicant: Österreich ist nach 1945 den falschen Weg gegangen. Man hat versucht, sich zu arrangieren, das alles zu verniedlichen, zu entschuldigen, und man hat an die Lüge vom ersten Opfer Adolf Hitlers geglaubt. Dann haben Bruno Kreisky und später Wolfgang Schüssel und all die anderen sich mit den Kellernazis, oder wie man die auch immer nennen will, zusammengetan. Die Schwelle des Zulässigen wurde so erhöht, dass heute niemand mehr etwas daran findet.

STANDARD: Die gesamten Entschädigungszahlungen sind aber ausgerechnet unter Schwarz-Blau beschlossen worden.

Muzicant: Das geschah genauso in der Schweiz, in Deutschland, Polen usw. ; Österreich ist da nur mit dem Zug der Zeit mitgefahren. Kanzler Schüssel hat darin eine Chance gesehen zu zeigen, dass diese Regierung nicht so schlimm ist, wie alle anderen gesagt haben. Ich glaube im Nachhinein gesehen, dass Rot-Schwarz so etwas nie gemacht hätte. Das muss man offen zugeben und Wolfgang Schüssel hoch anrechnen.

STANDARD: Hat Sie der Kampf gegen die Freiheitlichen auch zermürbt?

Muzicant: Im Gegenteil! Für mich gab es aber Momente, in denen ich überlegt hatte, Österreich zu verlassen. Zur Waldheim-Zeit 1986 wäre ich um ein Haar aus Österreich weggegangen. Franz Vranitzky hat mich davon abgehalten. Das zweite Mal war während meiner Auseinandersetzung mit Jörg Haider. Da habe ich aber gemerkt, dass es in der FPÖ zwei Gruppen gibt. Es gab auch Leute, die sich von diesem rechtsextremen Sumpf abnabeln wollten. Was später ja mit dem BZÖ geschah.

STANDARD: Und heute?

Muzicant: In der FPÖ gibt es eine Vielzahl von Funktionären, die an dieser Ideologie festhalten. Da sie nicht gegen die Verbotsgesetze verstoßen, erklären sie sich zu großen Demokraten. Stellen die einen Minister, dann wird wieder der Punkt gekommen sein. Bis dahin werde ich dagegen ankämpfen.

STANDARD: Wer ist für Sie schlimmer: Jörg Haider oder Heinz-Christian Strache?

Muzicant: Bei aller Kritik war Haider einer der intelligentesten und talentiertesten Politiker dieses Landes. Ich halte den Herrn Strache weder für das eine noch für das andere. Entzieht man dem Strache seinen Generalsekretär Herbert Kickl, bleibt nichts übrig als ein Schaumschläger. Von Strache halte ich nichts.

STANDARD: Wie war Haiders Spruch von "Ariel, der hat Dreck am Stecken" für Sie?

Muzicant: Es hat mich getroffen. Aber ich nahm mir vor, ihm das heimzuzahlen - was mir auch gelungen ist. Es hat ihn drei Prozent Stimmen bei der Wien-Wahl damals gekostet. Später hat er eingesehen, dass das ein Fehler war.

STANDARD: Sie selbst sind auch nicht zimperlich. Über FPÖ-Generalsekretär Kickl haben Sie gesagt, "dieses Gehetze und die Sprache" erinnere "an Joseph Goebbels".

Muzicant: Goebbels war einer der schlimmsten Demagogen, die es in der Geschichte gegeben hat. Der Kickl betreibt mit den Mitteln der Demagogie viel Politik. Das halte ich für verwerflich. Ich teile aus, ich stecke auch ein. Ich kriege doch ununterbrochen Watschen.

STANDARD: Die IKG war bei Ihrer Übernahme hoch verschuldet, wie ist der Stand heute?

Muzicant: Der Zustand war besorgniserregend: Es gab veraltete Strukturen und hohe Schulden, 800 Millionen Schilling waren das. Wir haben zunächst die Finanzen saniert und es geschafft, ab dem Jahr 2003 nur noch ausgeglichen zu budgetieren. Die Gemeinde verfügt heute über einen Immobilienfundus, der es ihr ermöglicht, sich autonom zu erhalten. Das ist das Rückgrat der Gemeinde.

STANDARD: Was fehlt, sind offenbar die Mitglieder. Sie haben immer wieder darauf hingewiesen, dass ein Zuzug für die Gemeinde wichtig wäre.

Muzicant: Neue Mitglieder bekommt man nur, wenn man neues jüdisches Leben schafft. Wir haben jüdische Kindergärten, Schulen, Vereine, Bethäuser aus dem Boden gestampft. Das haben wir dann in Europa bekannt gemacht. Und plötzlich kam es zur Zuwanderung aus dem westlichen Europa. Eine Zuwanderung aus Osteuropa war nicht möglich. Jetzt gibt es die Rot-Weiß-Rot-Karte. Sobald es geht, werden wir einen Weg suchen, um gezielt Menschen anzusprechen. Es gibt zwei Kriterien: Sie müssen Juden sein und sie müssen einen Beruf haben, mit dem sie hier Arbeit finden. Deutschland hat 300.000 Juden einfach geholt. Die Hälfte davon ist heute in der Sozialfürsorge. Das wollen wir nicht.

STANDARD: Gibt es offene Baustellen?

Muzicant: Ja, deshalb versinke ich nach meinem Rücktritt nicht in einer Grube. Deshalb kümmere ich mich weiter um das Wiesenthal-Institut und die jüdischen Friedhöfe und um die Archive.

STANDARD: Die IKG-Wahl ist erst im November, als Ihren Nachfolger sehen Sie Ihren bisherigen Vize Oskar Deutsch?

Muzicant: Korrekt.

STANDARD: Was ist mit den anderen Listen, etwa jener von Martin Engelberg oder von Patricia Kahane?

Muzicant: Im Judentum ist es verpönt, den eigenen Wahlkampf in nichtjüdischen Medien zu führen. Das ist etwas, womit der Herr Engelberg begonnen hat. Da mache ich nicht mit. Aber weder Engelberg noch Kahane sind mein Thema. Deutsch ist seit 1998 mein Stellvertreter. Er kennt die IKG von der Pieke an. Er hat bewiesen, was er leisten kann. (Peter Mayr, DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2012)

ARIEL MUZICANT (60), geboren in Haifa, aufgewachsen in Wien, ist Immobilien-Unternehmer und seit 1998 Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde.

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