US-Serien

Aufmarsch der Ballermänner

15. Februar 2012, 17:17
  • Artikelbild
    foto: amc

    Finstere Passagiere bringt der Höllenzug: Anson Mount (rechts) und Chris Large, Helden der Westernserie "Hell on Wheels".

Rache treibt den Antihelden der Serie "Hell On Wheels" zu blutrünstiger Hochform - Brutalszenen irritierten das US-Publikum - Dennoch erfährt der Wilde Westen im Fernsehen ein vielversprechendes Revival

Nicht immer ist der Beichtstuhl ein Ort der Reue und Vergebung. Dem armen Sünder, der sich dem falschen Priester anvertraut, bleibt sie versagt. Nur einer der beiden verlässt den Ort des Glaubens. Es riecht nach Friedhof!

Ein wahrer Höllenzug mit finsteren Passagieren schneidet in Hell on Wheels durchs Land. Der ehemalige Sklavenhalter Cullen Bohannon (Anson Mount) kämpfte im Sezessionskrieg für die Konföderierten und sucht die Mörder seiner Frau in der heruntergekommenen Eisenbahnersiedlung. Gnade ist nicht vorgesehen, und so pflastern recht schnell Leichen den Weg des Rächers.

Blut fließt in Strömen

Keine zwei Minuten dauert es in der ersten Folge, bis in Hell On Wheels Blut in Großaufnahme fließt. Die Lachen des grimmigen Sklavenhalters lösten in den USA prompt eine Debatte über Gewalt in Fernsehserien aus. Denn offene Kehlen, aus denen roter Saft herausblubbert, sind noch die harmlosesten Wunden in Breaking Bad. In der Fantasysaga Game of Thrones sind sämtliche Beteiligte gewohnt, ordentlich zuzupacken. Die Diskussion verlief im Sand, vermutlich weil derlei Moralunterricht eher das unmittelbare Interesse am Spektakel als an der Reflexion hervorruft.

Natürlich käme auch Hell On Wheels ohne Brutaloszenen aus, geht es doch wie in jeder guten TV-Serie des neuen Fernsehzeitalters um die Darstellung von Brüchen, Einschnitten und substanziellen Veränderungen in Lebenswelten: Mad Men thematisiert den Übergang von den spießigen Fifties zur freizügigeren Kultur der Sechzigerjahre, in der speziell die Männerwelt ihre Lektionen in Kapitalismus und Frauenemanzipation erfährt. Das Zeitalter der Prohibition und die Generierung von Kriminalität ins Alltagsbewusstsein führt Boardwalk Empire vor. In Breaking Bad bringt der drogendealende Chemieprofessor Walter White die Schnittmenge zwischen kleinbürgerlicher Existenz und brutaler Drogenrealität zum Vorschein. Wahre Blutorgien feiern Serienkiller in Dexter, Vampire in True Blood und Zombies in The Walking Dead, wenn auch in überzeichneter Tradition Splattermovies verpflichtet.

"Bonanza"-Charme fehlt

Die voranschreitende Industrialisierung mit dem Eisenbahnbau in Hells on Wheels markiert das endgültige Ende einer von Ackerbau und Viehzucht geprägten Gesellschaft. Vor dem Hintergrund des schändlichen Landraubs durch die Siedler und der Sklavenbefreiung öffnet sich ein weiterer, folgenschwerer Konflikt. Stoff genug für eine Serie, dachten sich die Serienerfinder Joe und Tony Gayton. Der Mad Men-Abosender AMC griff zu und gewann: Rund drei Millionen sahen die erste Saison, eine zweite ist bestellt.

Wiewohl die Kritik sich nicht einhellig begeistert zeigt: Alles gut und schön, aber Hell on Wheels reiche nicht annähernd an die Qualität der Goldgräberserie Deadwood heran, mäkelte die New York Times. Sechs Jahre nach den letzten Abenteuern der rauen Mannen könnte das stilbildende HBO-Epos dennoch Konkurrenz bekommen. Hell on Wheels ist Teil eines Revivals von Westernserien - wenn auch ohne Bonanza-Charme:

Harry Potter-Regisseur Chris Columbus setzt für CBS das Remake von Sam Peckinpahs 1960er-Westernserie The Rifleman um. In Gateway (TNT) verteidigen drei Brüder ihre Stadt gegen windige Betrüger. In Gunslinger und Hangtown von ABC sind flinke Finger am Werk. Longmire von A&E schickt einen einsamen Sheriff ins Feld. CBS bereitet Ralph Lamb nach einer Idee von Good Fellas-Autor Nicholas Pileggi vor. NBC bestellte bei The Frontier und eine Dramaserie über das Frauenleben im Wilden Westen. Vielleicht für mehr Sanftheit im Serienfernsehen. (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 16.2.2012)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 39
1 2
Return of fine weather
00
16.2.2012, 16:15
da gibts übrigens

"Mad Dogs"

thaelmann-ernstl
01
16.2.2012, 15:47

"justified", die best western serie dzt. obwohl in der Jetztzeit, aber raylan givens, der coolste deputy marshall aus harlan county, kentucky.

Return of fine weather
00
16.2.2012, 16:12

Boyd Crowder vs Raylan Giviens
an den Dialogen zwischen den beiden knapern oV freunde Noch heute.

thaelmann-ernstl
00
17.2.2012, 18:00

meine lieblingsfolge ist ja die mit dem Sammler der Bilder von Adolf hitler. genialer Plot irgendwie...
und in season 2 die benett family ist sowieso der Hammer. Gegen Mags Bennett wirkt Tony Soprano wie ein Chorknabe :-)

Roter Baron
00
16.2.2012, 11:29
>"Bonanza"-Charme fehlt<

also die hüte sind schon mal was.

Return of fine weather
01
16.2.2012, 09:35

"Hell on Wheels" wird für eine AMC Serie viel zu holprig und zu schnell erzählt, aber mir gefallen
die Blueberry anspielungen. Auch die geschichtlichen
Referenzen sind recht gut (wie zb die beiden Iren die mit ihrer Diashow Vorläufer des Kinos sind)

Mit "Deadwood" kann die Serie alleine schon wegen der schwachen Schauspieler nicht mithalten. "Deadwood" hat eigentlich als Shakespierre Drama funktioniert und wie sich aus der Arnarchie eine Demokratie entwickelt. Das hat
gut zu "Rome" gepasst, bei dem es um die Zerstörung der Republik ging.

Return of fine weather
01
16.2.2012, 14:52
History by HBO

"Boardwalk Empires" kann man als Fortsetzung sehen

Dabei geht es um das Ausserkraftsetzung von Gesetzen sehen und um eine Revolution
vom Alten (die die Gesetze für ihren Gewinn nutzten)
zu neuen (Capone,Lansky,Luciano)

Das Ende der ganzen Sache ist "The Wire"

Wobei ich überzeugt bin das die Serie"Hell on Wheels" HBO angeboten wurde.Genauso wie es einmal eine Idee gab, den Bau von Hoover Dam und damit Vegas zu verfilmen. "Descentantes" eine Idee die damit spielt das es eine Parallelgesellschaft in NY gegeben hat ist eine grosse Zukunftshoffnung.

Return of fine weather
00
16.2.2012, 18:45

Die nächste perfekte Serie wäre:
das rat back um Sinatra, das um Elvis oder
das um Beatles herumgeschwäzelt ist zu
verfilmen

und nicht mit versagern wie "Luck" zu nerven

hockshank
01
16.2.2012, 14:00

Shakespierre <-> Robespeare ?

Return of fine weather
00
16.2.2012, 14:16

ich weiss

an kog
03
16.2.2012, 13:33

In Rom ging es darum, wer eigentlich Caesarion gezeugt hat:-)

Rom ist/war bisher die beste Serie überhaupt.

Timagoras
 
02
17.2.2012, 10:48

und ein riesenskandal, dass man sie nicht fortgesetzt hat.
der stoff bzw. plot war ja schon da. ich verstehe nicht, was die produzenten da geritten hat ...

an kog
02
17.2.2012, 11:16

"HBO hat unlängst zugegeben, dass es eine ihrer größten Fehlentscheidungen war, „Rome“ nach 22 Episoden einzustellen."

Das meiste vom Set wurde gleich abgerissen und der Rest ist inzwischen abgebrannt. Wird also wohl ganz sicher nichts mehr...

http://www.fictionbox.de/index.php... ew/6668/2/

Eine Tragödie. Bei mir hat die Serie ja einen richtigen Rom-Boom ausgelöst. Inzwischen kenne ich mich schon ganz ordentlich mit der Geschichte Roms aus. Und ja, sehr interessant, dass sich seit damals genau gar nichts an der großen Politik geändert hat.
Momentan lese eine Biografie über den in der Serie ein wenig zu opportunistisch dargestellten Cicero.

Timagoras
 
01
17.2.2012, 12:56
"über den in der Serie ein wenig zu opportunistisch dargestellten Cicero"

.
ich glaube, so ganz sollte man den machern eh nicht vertrauen, was die charaktere betrifft.
erstens sind die sowieso durch zeitgenössische bzw. nachkommende geschichtsschreiber verfälscht (oft ganz gezielt und bewusst),
und dann kommen noch die vorstellungen der drehbuchautoren dazu.
ich denke, da ist v.a. bei Atia, Servilia, Kleopatra und Marc Anton ein bisserl die phantasie mit denen durchgegangen (ähnlich wie tw. bei den "Tudors").

übrigens gibt's eine ganz hervorragende tv-serie mit Derek Jacobi und der phantastischen Margaret Tyzack (als Antonia Minor) über die zeit "danach":
http://en.wikipedia.org/wiki/I,_C... TV_series)

an kog
01
17.2.2012, 15:17

Nein, nein, nein da ist nichts übertrieben:-)

Die Charaktere waren freilich der Serie angepasst. Atia war ja sogar so jenseits von allem was man über sie weiß, dass der Filmcharakter nur mehr als fiktiv bezeichnet werden kann.
Aber der fiktive Charakter ist mehr als nur gelungen:-)

Wirklich hervorragend ist einfach wie lebendig "das alte Rom" erscheint und dass man durch Titus Pullo und Lucius Vorenus auch den Teil abseits des Adels zeigen konnte.

Danke für den Hinweis zur Serie!

Timagoras
 
00
17.2.2012, 15:22
"Aber der fiktive Charakter ist mehr als nur gelungen:-)"

.
da kann ich nur mit dem neudeutschen "word!" antworten ;o)

Der Waehlerwille
 
02
16.2.2012, 09:25
und wozu genau bräuchte man "bonanza charme"?

Sig(ck)Boy
00
16.2.2012, 09:23

Deadwood könnte mich für anderes Serien dieser Art wohl verdorben haben,
muß dann mal reinsehen;

objektiv?!
10
15.2.2012, 22:45

ach da freu ich mich doch lieber auf eine neue staffel californication: ein bissl fi**** da ein bissl schmussen dort, dazu noch etwas koks und ein paar kleine dramen..wunderbar

Geteuch Nixon
00
16.2.2012, 09:54

Aber ein bisser Sex und Drugs (=Fusel) und genug Dramen hat man bei "Hell on Wheels" auch.

dieter tafel
00
16.2.2012, 08:26

wobei die fünfte Staffel bisher mit Abstand die schwächste ist...

Stannis Baratheon
01
15.2.2012, 20:56

fand den plot dünn, und habe nach 4 episoden aufgegeben. dafür kann ich "shameless us" empfehlen. vll schreibt derstandard da auch bald eine rezension?

Shagga Son of Dolf
 
00
16.2.2012, 14:20

Grün für den Nick your Grace ;-)

Geteuch Nixon
01
16.2.2012, 10:00

Der Anfang (die ersten 3-4 Folgen) ziehen sich ein wenig.
Es wird dann aber storytechnisch immer rasanter und vielschichtiger.
Was mir bei "Hell on Wheels" sehr gut gefallen hat, dass es nicht so wirklich ein Gut/Böse Schema gibt, weil jeder irgendwo ein dunkles Geheimnis in sich trägt, dass sich dann irgendwann explosionsartig Luft macht!
Sogar die Indianer sind ziemlich ungute "Zeitgenossen"...

Sir Panda
 
01
16.2.2012, 00:35

für Shameless gibts schon ne Rezi:

http://derstandard.at/132650350... chaedigung

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 39
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.