Analyse

Aus für "Einheit, Freiheit, Sozialismus"

Analyse | Gudrun Harrer, 15. Februar 2012, 19:12

Neue Verfassung ohne Oberhoheit der Baath-Partei - Referendum am 26. Februar

Damaskus/Wien - Syriens Regime ist bereit, den berühmt-berüchtigten Artikel 8 aus der Verfassung streichen zu lassen: Am 26. Februar soll ein Referendum über einen neuen Verfassungtext stattfinden, in dem die seit 1973 festgeschriebene Vorherrschaft der Baath-Partei fällt. Gestrichen ist weiters der Sozialismus - auf diesen wurde bei Umgestaltung und Öffnung der syrischen Wirtschaftspolitik während der letzten Jahre ohnehin keine Rücksicht mehr genommen.

Nach dem Ende der Baath-Herrschaft im Irak kommt nun also auch in Syrien das Aus für "Einheit, Freiheit, Sozialismus", wie der Baath-Slogan lautete. Die Streichung der Baath-Herrschaft ist ein Grundanliegen der syrischen Demokratiebewegung - nach deren Einschätzung das Einlenken von Präsident Bashar al-Assad in dieser Sache allerdings zu spät kommt.

Unklar ist, wie ein weiterer wichtiger Passus umgesetzt werden soll: Laut Verfassungsentwurf wird die Regierungszeit eines Präsident in Hinkunft auf zwei Amtsperioden von je sieben Jahren beschränkt sein. Rückwirkend gerechnet müsste Assad in zwei Jahren gehen, denn er ist seit dem Jahr 2000 im Amt. Wenn die Regelung aber erst ab jetzt schlagend würde, wäre sie natürlich sinnlos.

Dennoch ist der Schritt des Regimes ein Gewinn für seine wenigen verbliebenen Unterstützer wie Russland und China, die auf Assads Reformbereitschaft verweisen werden - und auch darauf, dass gerade in jenen Ländern der Arabischen Liga, die die Anti-Assad-Front anführen, die politischen Systeme viel weniger pluralistisch sind. Innerhalb von 90 Tagen nach Annahme der Verfassung sind Parlamentswahlen vorgesehen, die ein Mehrparteiensystem hervorbringen sollen.

Allerdings werden Referendum und Wahlen wohl nur in jenen Gebieten stattfinden können, wo Ruhe herrscht. Das sind zwar noch immer die meisten, aber eben genau die, wo die Regime-Loyalisten sitzen. Das entwertet die Abstimmung beträchtlich.

Vom demokratischen Gesichtspunkt betrachtet, kann man am Verfassungstext noch vieles andere aussetzen - als allererstes natürlich, dass er nicht auf demokratischem Weg zustande gekommen ist, sondern von einer vom Regime bestellten Kommission geschrieben wurde. Die Rolle des Parlaments ist denn auch in der neuen Verfassung eingeschränkt: Es hat bei der Regierungsbildung nichts mitzureden, und Artikel 111 besagt auch noch, dass der Präsident legislative Gewalt außerhalb der Sitzungsperioden des Parlaments hat.

Das Parlament redet jedoch stark mit bei der Auswahl der Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen: Wer antreten will, braucht 25 Prozent Zustimmung im Parlament. Und man kann davon ausgehen, dass die Baath-Partei auch im nächsten Parlament stark sein wird. Dass so ein System also unbedingt einen "neuen" Präsidenten produziert, ist nicht gesagt. Auch wenn Assad selbst nicht mehr kandidieren sollte, könnten es Personen aus der Familie oder dem Umkreis sein.

In Damaskus gab es am Mittwoch Razzien im Bezirk Barseh, die Kämpfe in Homs und Hama gingen weiter. (DER STANDARD-Printausgabe, 16.02.2012)

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15 Postings
Bluediver
00
17.2.2012, 04:46

Soweit ich das aus Österreich beurteilen kann, wollen die Libyer kein Aus von "Enheit, Freiheit und Sozialismus". Was auch immer Einheit bedeuten mag, aber Freiheit und Sozialismus sind positive Sachen, die sie kaum aufgeben wollen. Wie wäre es denn, Freiheit und Sozialismus auszubauen aber statt die politische Herrschaft zu ändern? Das heißt, statt der Baath-Partei ein freies, demokratisches, parlamentarisches System zu installieren? DARUM geht es nämlich. Alles andere ist Verarschung und mündet zwangsläufig in Bürgerkrieg.

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23
16.2.2012, 12:26
"für seine wenigen verbliebenen Unterstützer wie Russland und China "

Wir haben in dieser Größenordnung nur die USA und die will jetzt von uns auch noch die Polizeidaten :-(

Zum Glück ist der Raketenschirm in Ramstein genug weit weg und das trifft nur die Deutschen. Aber trotzdem, nur einen Big Brother ist halt auch ein bisschen einseitig und undemokratisch :-(

casus belli
00
16.2.2012, 19:35

"und das trifft nur die Deutschen"

Danke....

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10
16.2.2012, 22:03
Ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen,

dass nicht nur wir, sondern auch andere wehrlose Menschen in Europa zum Teil noch viel erheblicher unter diesem Umstand zu leiden haben.

Das "nur" im Text ist nur stilistisch bedingt und sollte nur ein verdeckter Verweis auf unseren kleinstaatlichen Partikularismus sein, mit dem wir uns ja nur in die Hände der USA spielen ...

... anstatt dass Europa als ein einig Volk von Brüdern den Unhold in seine Schranken wiese.

Sollte ich jemals Vorurteile gegenüber Deutschland gehegt haben, so habe ich:

1.) entweder resigniert oder
2.) fühle mich angesichts unserer Regierungen solidarisch oder
3.) projeziere jetzt mein ganzes Potential in Richtung USA oder
4.) es ist ein Mix aus alle dem.

I'm dreadful sorry.
There was no insult indented.

casus belli
00
17.2.2012, 01:04

Das war eher sarkastisch gemeint, aber danke für die Antwort.

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10
17.2.2012, 11:11

Selbiges auf meiner Seite. Einen Grund zum Streiten hätte ich jetzt auch nicht gesehen ;-)

ein nackter affe aber kein nutzidiot
10
16.2.2012, 12:21
dazu passt auch das folgende interview

in den salzburger nachrichten von heute: http://search.salzburg.com/articles/... fik+schami

diamant
33
16.2.2012, 11:13
'Too little, too late'...

wuerd ich mal sagen!

Panter
10
15.2.2012, 22:43
!

Na dann sind doch "endlich" die drei Hauptfeinde des "Westens" (des Kapitals) und des Islams (der Religion) beseitigt!! Zum Glück gibt es keinen immer währenden Sieg der Reaktion,es kommt auch wieder anders!

fluß
46
15.2.2012, 22:05
kann man am Verfassungstext noch vieles andere aussetzen - als allererstes natürlich, dass er nicht auf demokratischem Weg zustande gekommen ist,

LOL
In Libyen vielleicht? Dort hat ein selbsternannter Klüngel einen Verfassungsentwurf verkündet. Alle Westler waren begeistert.

egal9
56
15.2.2012, 22:43

Es gab vor Monaten übrigens einen Aufruf Assads an die Opposition, bei dem Entwurf der Verfassung mitzuarbeiten.

Das wurde allerdings verweigert und stattdessen versucht, Die Kapitulation (den Rücktritt Assads) als Voraussetzung für "Gespräche" zu fordern.
Die Einen blieben dabei immerhin friedlich und die Anderen haben dabei vollkommen auf Gewalt gesetzt.

Natürlich kann man dem Regime und Assad ggb. skeptisch sein, allerdings gab es von Anfang an schon Reformen und weitere Versprechen, die nun eingelöst werden. MMn hätte eine Eskalation der Gewalt verhindert werden können, wenn man sich auf Gespräche unter internationaler Vermittlung eingelassen hätte und dabei natürlich einen Gewaltstopp gefordert hätte.

diamant
21
16.2.2012, 11:15
'allerdings gab es von Anfang an schon Reformen und weitere Versprechen, die nun eingelöst werden.'

Assad regiert seit 12 Jahren!
Warum tut er erst etwas wenn Hunderttausende auf den Strassen sind?

Und warum tut erst etwas wenn er gleichzeitig probiert die Demos blutig zu unterdruecken?

egal9
33
16.2.2012, 11:50

Weil er kein Alleinherrscher ist, sondern eine politische, wirtschaftliche und militärische "Elite" berücksichtigen muss, die zumindest teilweise einer Veränderung der Verhältnisse im Wege stehen.

Und wenn dann hunderttausende auf der Straße sind, dann gibt es den Teil, der eine gewaltsame Zerschlagung vorzieht und andere Teile, die zB zu demokratischen Zugeständnissen bereit sind.

Einmal mehr werden die hiesigen Medien dieser komplexen Situation nicht gerecht.

diamant
22
16.2.2012, 15:23
'eine politische, wirtschaftliche und militärische "Elite" berücksichtigen muss'

Ah, sie meinen da wohl seine Brueder und Onkeln....

Wenn er sich nicht durchsetzen KANN dann soll er doch GEHEN! Wo liegt sein Problem?

Human factor
34
15.2.2012, 23:54
/sign

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