Statt Pornokino gibt es jetzt Fischgericht

15. Februar 2012, 17:16
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Trash-Autor Manfred Rebhandl bestätigte mit seinen Biermösel-Romanen sämtliche Klischees der Provinz - Mit "Das Schwert des Ostens" nimmt er sich nun die Gentrifizierung des Wiener Brunnenmarkts zur Brust

Wien - Drei Qualitätsmerkmale eines guten Krimis lauten: 1.) Um Gottes Willen, wer soll das verfilmen? Das ist ja grauslich. 2.) Die Szene jetzt war supergut am richtigen Leben dran. Aber der Autor ist schon eine ziemliche Drecksau. 3.) Wenn das mit dem Lesen immer so abwechslungsreich ist, ziehe ich mir demnächst gleich wieder so ein Buch rein. 4.) Kurze Störung: Ich habe das jetzt mehr so als Milieuschilderung gelesen. Wer wurde in dem Buch gleich noch mal umgebracht?

Vier von drei Punkten. Wir sehen, es geht in einem Krimi um mehr als um das Siegerstockerl. Die Blechmedaille ist es, die zählt. Als Bonus gibt es Zucker-, nein, Bluterguss obendrauf. Die Welt braucht keine weiteren gestelzten Muschikatzen-, Symbologen- oder Haubenküche-Detektive und Feng-Shui-Experten, die undercover in der Neonazi-Szene ermitteln, wer im Vatikan schon wieder ein geheimes Buch mit der Adresse von Jesus drin entwendet und dabei mit einem Zahnstocher und einem Blatt Papier drei als Exorzisten ausgebildete Kampfmönche brutalst heimgedreht hat.

Wenn man davon absieht, dass im wirklichen Leben sehr wahrscheinlich weitaus weniger Menschen umgebracht werden, als es uns die paar Festmeter Genreregale in einer Buchhandlung weismachen wollen, geht es im Krimifach immer um zeitgebundene gesellschaftliche Zustandsbeschreibungen. Wahr muss hier nichts sein, aber auf jeden Fall wahrhaftig. Peng, peng.

Manfred Rebhandl brachte 2005 mit seinem Romandebüt Lebensabende und Blutbäder und drei Folgebänden mit zünftigen Titeln wie Löcher, noch und nöcher oder Scheiß dich nicht an - Lebe! die immerwährende Provinz am Beispiel des Ausseer-Landes zum Blutschwitzen. Der Kunstgriff hier bedeutet, literarisch nichts überhöhen, aber alles nach unten in den Alltag ziehen zu wollen. Dieser kommt dann leider äußerst unsexy, unfroh, unreich sowie ungeduscht und ausgebuht daher. Subtil spielt es nicht.

Das von Rebhandl geschilderte Leben auf dem Land anhand des soziopathischen Umfelds eines versoffenen ältlichen Gendarmen namens Biermösel bietet, abgesehen von der morgendlichen Recherche, wie man denn in der Nacht nach Hause gekommen sei, definitiv keine Überraschungen.

Hier regiert in Wechselwirkung mit der Lokalzeitung und dem Bauernkalender eine holzschnittartige Lagerhaustraurigkeit, die Sinnsprüche und älplerische Schlagertexte als Leben inszeniert. Das Leben sagt: Etwas Besseres kommt nicht nach. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Blödheit bleibt Blödheit. Glück ist, was kein Pech ist. Rehbraune Augen hat mein Schatz - und ihre Seele, die ist schwarz. Hauptsache dass ein Neubau in dieser Welt ein ordentliches Giebelkreuz und Satteldach vorzuweisen hat. Der Strick für den Dachboden wird gratis mitgeliefert.

Der 1966 in Windischgarsten geborene Manfred Rebhandl bekennt sich dazu, ein Trash-Literat zu sein. Das erspart ihm erstens Einladungen für Leseabende in traurigen Literaturhauskellern zwischen Amstetten und Scheibbs. Zweitens kann er sich, freiwillig von Triple-A auf XXX heruntergestuft, mit dem reinen Herzen eines Mannes, der trotz seiner volksbildnerischen Desillusionierungstätigkeit das Lachen nicht verlernt hat, auf das Wesentliche konzentrieren. Auch sein neuer Roman ist wieder eine niveaumäßig gewissenlose Studie über "Heimat" geworden.

Für Das Schwert des Ostens konnte Rebhandl sogar täglich auf Feldforschung aus seiner Wohnung und dann zehn Minuten links gehen, um sämtliche Vorurteile und Klischees pipifein bestätigt zu bekommen. Sein Ich-Erzähler Rock Rockenschaub, ein würdelos abgelebter Wiener Privatermittler, muss also hilflos und drogistisch gut eingestellt dabei zusehen, wie sein Ottakringer Habitat zwischen Yppenplatz und Gürtel vor die Hunde geht. Es wird plötzlich schick, weil "Neureiche" mit ihren kleinen "Noahs" und "Anna-Sophies" einziehen. Die Türken, die Unterschicht, die Sauerkrautgeschäfte verschwinden. Dafür gibt es in neuen Lokalen für Leute, die nicht alt werden dürfen, plötzlich Dinge wie "gedünsteter Fisch" auf der Karte.

Gepflegt geschmacklos

Zwischendurch wird ein rechter Bürgerlistenführer ermordet. Man erfährt im letzten Pornokino, welche faszinierenden Filmgenres es gibt. Etwa Jack schleckt auf!, ein Meisterwerk der Erotik im Rasentennismilieu. Drogen werden von einer zu einer Hanfplantage umfunktionierten Pizzeria ausgeliefert. Der Flughafen in Schwechat nennt sich Helmut Qualtinger International. Das Schwert des Ostens entpuppt sich als ... Genau.

Auch sonst ist der Witz in diesem Buch so tief gelegt, das man sehr gern zum Autor aufschaut. Man kann ihn aber nicht gleich erkennen. Erst muss man sich vom Lachen die Tränen aus den Augen wischen. Realistischer ist über den Yppenplatz noch nie geschrieben worden. Aber wer schreibt schon über den Yppenplatz? Heimat, fremde Heimat. Die Antwort auf Frage eins lautet übrigens: Franz Novotny. (Christian Schachinger, DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2012)

  • Der Wiener Yppenplatz: Sauerkraut wird von Speisen wie "Gedünsteter Fisch" 
abgelöst.
    foto: standard/heribert corn

    Der Wiener Yppenplatz: Sauerkraut wird von Speisen wie "Gedünsteter Fisch" abgelöst.

  • Autor Manfred Rebhandl (45) zerlegt Ottakring.
    foto: privat

    Autor Manfred Rebhandl (45) zerlegt Ottakring.

  • Manfred Rebhandls "Das Schwert des Ostens" ist im Czernin Verlag 
erschienen.
    cover: czernin verlag

    Manfred Rebhandls "Das Schwert des Ostens" ist im Czernin Verlag erschienen.

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