Trash-Autor Manfred Rebhandl bestätigte mit seinen Biermösel-Romanen sämtliche Klischees der Provinz - Mit "Das Schwert des Ostens" nimmt er sich nun die Gentrifizierung des Wiener Brunnenmarkts zur Brust
Wien - Drei Qualitätsmerkmale eines guten Krimis lauten: 1.) Um Gottes
Willen, wer soll das verfilmen? Das ist ja grauslich. 2.) Die Szene jetzt war
supergut am richtigen Leben dran. Aber der Autor ist schon eine ziemliche
Drecksau. 3.) Wenn das mit dem Lesen immer so abwechslungsreich ist, ziehe ich
mir demnächst gleich wieder so ein Buch rein. 4.) Kurze Störung: Ich habe das
jetzt mehr so als Milieuschilderung gelesen. Wer wurde in dem Buch gleich
noch mal umgebracht?
Vier von drei Punkten. Wir sehen, es geht in einem Krimi um mehr als um das
Siegerstockerl. Die Blechmedaille ist es, die zählt. Als Bonus gibt es Zucker-,
nein, Bluterguss obendrauf. Die Welt braucht keine weiteren gestelzten
Muschikatzen-, Symbologen- oder Haubenküche-Detektive und Feng-Shui-Experten,
die undercover in der Neonazi-Szene ermitteln, wer im Vatikan schon wieder ein
geheimes Buch mit der Adresse von Jesus drin entwendet und dabei mit einem
Zahnstocher und einem Blatt Papier drei als Exorzisten ausgebildete Kampfmönche
brutalst heimgedreht hat.
Wenn man davon absieht, dass im wirklichen Leben sehr wahrscheinlich weitaus
weniger Menschen umgebracht werden, als es uns die paar Festmeter Genreregale in
einer Buchhandlung weismachen wollen, geht es im Krimifach immer um
zeitgebundene gesellschaftliche Zustandsbeschreibungen. Wahr muss hier nichts
sein, aber auf jeden Fall wahrhaftig. Peng, peng.
Manfred Rebhandl brachte 2005 mit seinem Romandebüt Lebensabende und
Blutbäder und drei Folgebänden mit zünftigen Titeln wie Löcher, noch und
nöcher oder Scheiß dich nicht an - Lebe! die immerwährende Provinz am
Beispiel des Ausseer-Landes zum Blutschwitzen. Der Kunstgriff hier bedeutet,
literarisch nichts überhöhen, aber alles nach unten in den Alltag ziehen zu
wollen. Dieser kommt dann leider äußerst unsexy, unfroh, unreich sowie
ungeduscht und ausgebuht daher. Subtil spielt es nicht.
Das von Rebhandl geschilderte Leben auf dem Land anhand des soziopathischen
Umfelds eines versoffenen ältlichen Gendarmen namens Biermösel bietet, abgesehen
von der morgendlichen Recherche, wie man denn in der Nacht nach Hause gekommen
sei, definitiv keine Überraschungen.
Hier regiert in Wechselwirkung mit der Lokalzeitung und dem Bauernkalender
eine holzschnittartige Lagerhaustraurigkeit, die Sinnsprüche und älplerische
Schlagertexte als Leben inszeniert. Das Leben sagt: Etwas Besseres kommt nicht
nach. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Blödheit bleibt Blödheit. Glück
ist, was kein Pech ist. Rehbraune Augen hat mein Schatz - und ihre Seele, die
ist schwarz. Hauptsache dass ein Neubau in dieser Welt ein ordentliches
Giebelkreuz und Satteldach vorzuweisen hat. Der Strick für den Dachboden wird
gratis mitgeliefert.
Der 1966 in Windischgarsten geborene Manfred Rebhandl bekennt sich dazu, ein
Trash-Literat zu sein. Das erspart ihm erstens Einladungen für Leseabende in
traurigen Literaturhauskellern zwischen Amstetten und Scheibbs. Zweitens kann er
sich, freiwillig von Triple-A auf XXX heruntergestuft, mit dem reinen Herzen
eines Mannes, der trotz seiner volksbildnerischen Desillusionierungstätigkeit
das Lachen nicht verlernt hat, auf das Wesentliche konzentrieren. Auch sein
neuer Roman ist wieder eine niveaumäßig gewissenlose Studie über "Heimat"
geworden.
Für Das Schwert des Ostens konnte Rebhandl sogar täglich auf
Feldforschung aus seiner Wohnung und dann zehn Minuten links gehen, um sämtliche
Vorurteile und Klischees pipifein bestätigt zu bekommen. Sein Ich-Erzähler Rock
Rockenschaub, ein würdelos abgelebter Wiener Privatermittler, muss also hilflos
und drogistisch gut eingestellt dabei zusehen, wie sein Ottakringer Habitat
zwischen Yppenplatz und Gürtel vor die Hunde geht. Es wird plötzlich schick,
weil "Neureiche" mit ihren kleinen "Noahs" und "Anna-Sophies" einziehen. Die
Türken, die Unterschicht, die Sauerkrautgeschäfte verschwinden. Dafür gibt es in
neuen Lokalen für Leute, die nicht alt werden dürfen, plötzlich Dinge wie
"gedünsteter Fisch" auf der Karte.
Gepflegt geschmacklos
Zwischendurch wird ein rechter Bürgerlistenführer ermordet. Man erfährt im
letzten Pornokino, welche faszinierenden Filmgenres es gibt. Etwa Jack
schleckt auf!, ein Meisterwerk der Erotik im Rasentennismilieu. Drogen
werden von einer zu einer Hanfplantage umfunktionierten Pizzeria ausgeliefert.
Der Flughafen in Schwechat nennt sich Helmut Qualtinger International. Das
Schwert des Ostens entpuppt sich als ... Genau.
Auch sonst ist der Witz in diesem Buch so tief gelegt, das man sehr gern zum
Autor aufschaut. Man kann ihn aber nicht gleich erkennen. Erst muss man sich vom
Lachen die Tränen aus den Augen wischen. Realistischer ist über den Yppenplatz
noch nie geschrieben worden. Aber wer schreibt schon über den Yppenplatz?
Heimat, fremde Heimat. Die Antwort auf Frage eins lautet übrigens: Franz
Novotny. (Christian Schachinger, DER STANDARD, Printausgabe, 16.2.2012)