Mitsuko Uchida mit drei Klaviersonaten Schuberts
Wien - Sind die letzten drei Klaviersonaten Ludwig van Beethovens als
bewusste finale Demonstrationen der Kompositionskunst des konzentrierten
Konstrukteurs, Motivforschers und Feuerkopfs zu verstehen, so verdanken Franz
Schuberts Sonaten D 958, D 959 und D 960 ihre Letztlichkeit dem doch eher
überraschenden Exitus ihres noch so jungen Schöpfers.
Und wenn Schubert die c-MollSonate auch im Gestus Beethoven'scher Ruppigkeit
und Allgewalt eröffnet, so lässt er doch nach knapp 40 Takten fast
uninteressiert davon ab und tummelt sich wieder in den von ihm bevorzugten
lyrischen Regionen. Und so sehr sich Mitsuko Uchida auch in die tiefen
c-Moll-Akkorde des Hauptthemas stürzt, gräbt, krallt - bewegender gelingt ihr
das nachfolgende Es-Dur-Seitenthema.
Die einst in Wien ausgebildete Japanerin hält inne, lässt sich Zeit, bringt
die Melodiestimme dann mit einer kraftvollen Wärme zum Leuchten: Sorgfältig,
fürsorglich fast nimmt sie sich Schuberts wiegenden Sehnens an. Von Gegensätzen
erfüllt der langsame Satz, bedächtig, fast buchstabiert das Menuetto; die
Galoppaden im Finalsatz wirken jedoch mühevoll.
Wie Regentropfen, wie der Herzschlag eines einsamen Menschen die
Begleitfiguren des Andantinos der A-Dur-Sonate; filigran, flink, wie frisch
gefegt das nachfolgende Scherzo (wie auch jenes der D 960). Bei der B-Dur-Sonate
- sehr zart, fast weichgezeichnet der Beginn - kommt alles, wie es soll, und
doch bleibt man letztendlich ein Wartender.
Als Zugabe bedankt sich die Pianistin - fast ein halbes Jahrhundert spielt
sie schon im Musikverein! - für den reichen Applaus des Publikums mit
unvergleichlichen Ergriffenheitsgesten sowie mit fußknöcheltiefen Verbeugungen.
Bezaubernd. (Stefan Ender, DER STANDARD - Printausgabe, 16. Februar 2012)