Das Österreichische Filmmuseum zeigt ausgewählte Arbeiten des US-Regisseurs Robert Altman
Wien - Menschen und deren Motive, sagte er einmal, interessierten ihn eher
als komplizierte Handlungen. Schauspieler ließ er gerne improvisieren und
parallel agieren. Und mehr als um Erfolg in Hollywood ging es ihm darum, seine
eigenen Vorstellungen von Film zu verwirklichen.
Das tat der Regisseur Robert Altman (1925-2006) auf äußerst produktive Weise.
Bevor seine Arbeit zum ersten Mal in großen Kinos zu sehen war, hatte er
unzählige Industrie- und Dokumentarfilme fertiggestellt, an TV-Serien mitgewirkt
und mehrere Fehlschläge verkraftet. Der Durchbruch kam mit MASH, der
brachialen Farce um den Koreakrieg (aber gemeint war Vietnam), da war er bereits
45 Jahre alt. Es folgten viele gute und einige großartige Filme in
unterschiedlichsten Genres, von Western (Buffalo Bill and the Indians)
über Musikfilm (Nashville), Melodram (3 Women) und
selbstreflexive Hollywood-Kritik (The Player) bis zur Quasi-Dokumentation
A Prairie Home Companion über das Ende einer Radioshow und eines
Künstlerlebens - der berührendste letzte Film, den ein Regisseur je gemacht hat.
Alle genannten Titel und gut ein Dutzend weitere zeigt das Filmmuseum in
einer klug zusammengestellten Retrospektive. Sie führt vor, was Altmans Arbeiten
bei aller Vielseitigkeit miteinander verbindet. Stets werfen sie einen Blick auf
die zersplitterten Wirklichkeiten hinter den Fassaden. Sie dekonstruieren das
Vordergründige nicht mit atemberaubenden Knalleffekten, sondern mit einer episch
über den Dingen schwebenden, über Details streichenden Kamera - und mit einem
großen Durcheinander im Ton.
Die Polyphonie von Stimmen, Durchsagen, Musikkonserven und sonstigem Lärm,
die sich über die Handlung legt, ist so etwas wie ein Markenzeichen von Altman
geworden. Sie illustriert, wie er der amerikanischen Realität zunehmend kritisch
zuhört und wie er ihr einen Spiegel vorhält. Auch in dieser Hinsicht war der
große ruhige Mann aus Kansas City ein Pionier des New Hollywood.
Einige Arbeiten waren schon lange nicht mehr zu sehen oder zumindest nicht in
Filmmuseum-Qualität, und eine gab es noch nie bei uns - kein Film eigentlich,
vielmehr eine Fernsehserie, die Altman gemeinsam mit Garry Trudeau produziert
hat: Tanner '88. Trudeau, seit mehr als vier Jahrzehnten Zeichner des
genialen Polit-Comic-Strips Doonesbury, hatte die Idee und schrieb das
Skript. Die elfteilige Serie (in Wien wird am 29. Februar der Pilotfilm zu sehen
sein) handelt von Jack Tanner, einem Außenseiter bei der Wahl des demokratischen
US-Präsidentschaftskandidaten 1988.
Dem Team gelang mit verblüffender Wirkung, die Berichterstattung über den
tatsächlichen damaligen Vorwahlkampf, aus dem Dukakis als Sieger (und dann
Verlierer gegen Reagan) hervorging, mit der fiktiven Tanner-Handlung zu
verweben. Das war Reality TV, bevor es den Begriff gab, und ein unerbittlicher
Blick, eine Satire auf den Primaries- Zirkus: ein mock documentary, ein
mockumentary. Alle reden, keiner hört zu, jeder inszeniert sich - im Kern
schon das, was wir auch jetzt, 24 Jahre später, beobachten können. (Michael Freund, DER STANDARD - Printausgabe, 16. Februar 2012)