Vom Nobody zum Star in 14 Tagen

16. Februar 2012, 11:16
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Nach Jahren konsequenter Geringschätzung und Verachtung spielt Jeremy Lin in der NBA jetzt die erste Geige - Und führt die New York Knicks mit einem neuen Assist-Rekord zum siebenten Streich

Jeremy Lin ist allgegenwärtig. Seine Bilder flitzen durch alle Medienkanäle, die amerikanische Sportwelt ist entzückt. Begonnen hat es auch mit einer Twitter-Nachricht eines NBA-Superstars, Steve Nash: "Wer Sport liebt, muss auch Jeremy Lin lieben. Er bekommt die Chance und explodiert!" Zumindest 20 Punkte und sieben Assists im Schnitt waren es in den letzten fünf Spielen. Die New York Knicks, sein Team, haben dank ihm eine Serie von sechs Siegen hingelegt. Seine 38 Punkte gegen die Los Angeles Lakers sind ein Highlight und der Renner auf Youtube.

Dabei steht Jeremy Lin für so viel mehr als für gewonnene Spiele, hysterische Fans im Big Apple, die sich um sein Dress reißen und den Glauben eines maroden Vereins, an alte sportliche Glanzzeiten anzuknüpfen. Er ist die Hoffnung für all diejenigen, die geringgeschätzt, verschmäht, verachtet und zurückgewiesen werden. Für jedes Kind auf der Ersatzbank, für jeden Nachwuchsspieler im erweiterten Kader und für jeden 13. Mann in einem Basketball-Profi-Team. 

Besser Mathe als Basketball

Auch weil er asiatisch-amerikanischer Herkunft ist, wurde Lin nicht ernstgenommen. "Die Leute sind verrückt, die glauben, dass Stereotypen in der Liga heute nicht mehr existieren. Als Weißer ist man ein guter Werfer. Als Asiate ein guter Mathematiker", sagt ein ehemaliger NBA-Spieler. Die Scouts, die Trainer und die millionenschweren Klubbosse haben Jeremy Lin übersehen. Fast seine gesamte bisherige Karriere. Eine wunderbare Geschichte mit einem noch wunderbareren Ende: Seine Kritiker sind verstummt.

Zu Beginn vor zwei Wochen stand ein Verzweiflungsakt. Weil alle drei Point Guards, die in der Aufstellung vor ihm lagen, verletzt oder außer Form waren, wechselte ihn sein Coach Mike D'Antoni ein und gab sich überrascht. Lin antwortete mit einer Top-Leistung, spielte sich in einen Rausch und hält mittlerweile bei 136 Punkten nach fünf Spielen als Starter. Ein neuer Rekord, bei dem sich einige große Namen nun hinten anstellen müssen (Shaquille O'Neal 129, Freeman Williams 125, Jerry Stackhouse 124 (!!) und Dominique Wilkins 124). 13 der ersten 22 Spiele in dieser Saison war er überhaupt nur Bankwärmer. Beim Eingang zum Madison Square Garden wurde der Sohn taiwanesischer Einwanderer jedes Mal gefragt, ob er ein Trainer des Teams sei. Jetzt kennt ihn jeder am Broadway. Und nicht nur dort. 

"Weiß nicht, was hier passiert"

Warum wurde Jeremy Lins Talent am College nicht erkannt? Warum wurde er in der NBA herumgereicht wie ein Chip im Kasino? Vielleicht weil sich sein Talent nicht auf den ersten Blick erschließt. Oder vielleicht weil er kein guter Trainings-Spieler ist, wie sein alter High School-Coach befand. Im Draft 2010 fiel sein Name nicht, später wurde er als Restposten von Golden State über Houston nach New York geschickt. Als Schüler gewann Lin in Kalifornien immerhin einen Meistertitel, die großen Universitäten wie California oder Stanford ignorierten ihn nicht einmal. Gut, diese haben in der Vergangenheit auch schon Steve Nash übersehen, heute ein mehrfacher NBA-Allstar. Nur Harvard hatte Recht und kann jetzt eine Statistik aufputzen: Zu den acht US-Präsidenten, die die Elite-Uni ausgebildet hat, gesellt sich der nun mittlerweile vierte NBA-Profi. "Das ist eine unglaubliche Geschichte", sagt Jeremy Lin. Und sein Coach D'Antoni meint: "Ich weiß nicht, was hier passiert. Er gewinnt Spiel um Spiel, und eigentlich kennt ihn keiner."

Und der Erfolgslauf in New York geht weiter. Die Knicks feierten am Mittwochabend mit dem klaren 100:85-Heimerfolg über die Sacramento Kings bereits ihren siebenten Sieg en suite. Lin kam diesmal zwar nur auf zehn Punkte, verzeichnete aber mit 13 Assists eine neue persönliche Bestmarke - und das obwohl er die letzte Viertelstunde angesichts der komfortablen Führung der New Yorker geschont wurde. (vet/APA, derStandard.at)

Ergebnisse vom Mittwoch: New York Knicks - Sacramento Kings 100:85, Orlando Magic - Philadelphia 76ers 103:87, Toronto Raptors - San Antonio Spurs 106:113, Boston Celtics - Detroit Pistons 88:98, Cleveland Cavaliers - Indiana Pacers 98:87, New Jersey Nets - Memphis Grizzlies 100:105, Milwaukee Bucks - New Orleans Hornets 89:92, Minnesota Timberwolves - Charlotte Bobcats 102:90, Dallas Mavericks - Denver Nuggets 102:84, Phoenix Suns - Atlanta Hawks 99:101, Golden State Warriors - Portland Trail Blazers 91:93, Houston Rockets - Oklahoma City Thunder 96:95, Los Angeles Clippers - Washington Wizards 102:84

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    Jeremy Lin rockt New York. Wo wäre man schon lieber ein Held als im "Big Apple"?

  • Jeremy Lin verteilt Assists wie andere Leute Flyer.

  • "Just BallLIN" gegen die Lakers.

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