Mehr Skepsis gegenüber Sicherheitstechnologien gefragt

15. Februar 2012, 12:41
posten

Experten für mehr Bürgerbeteiligung - Hauptaugenmerk sollte auf sozialer Sicherheit und nicht nur auf technischen Lösungen liegen

Technik ist die Antwort, was war die Frage? - So könnte man die derzeitige Situation im boomenden Bereich Sicherheitstechnologien umschreiben. Die Diskussion über Sicherheit werde stark von technischen Lösungen dominiert, waren sich die Leiter von drei neuen EU-Sicherheitsforschungsprojekten am Mittwoch vor Journalisten in Wien einig.

Bürger besser einbeziehen

Und sie plädierten nicht nur dafür, die Bürger in die Diskussionen über Sicherheit, Überwachung und Datenschutz besser einzubeziehen, sondern auch den Technologien insgesamt skeptischer gegenüberzustehen. Das Ziel müssten Lösungen sein, die die Grundrechte nicht einschränken.

"Die Wurzeln der Unsicherheit" analysieren

Die Idee, dass ein Mehr an Sicherheit nur durch mehr Überwachungsmaßnahmen erreicht werden kann, sei bereits seit einiger Zeit tief in den politischen Debatten verankert, so Johann Cas vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Der Sicherheitsforscher sieht den Trend, gesellschaftliche Probleme durch Überwachungstechnologien in den Griff zu bekommen, sehr skeptisch. Man müsse verstärkt "die Wurzeln der Unsicherheit" analysieren, die vor allem in der wirtschaftlichen Situation begründet seien und weniger auf der Angst vor dem Terrorismus beruhen würden.

Einschränkungen des Rechts auf Privatsphäre

In dem von ihm geleiteten Projekt zum Thema "Privatsphäre und Sicherheit" werden sich der Forscher und seine internationalen Partner mit der Frage auseinandersetzten, ob solche Maßnahmen zwangsläufig mit Einschränkungen des Grundrechts auf Privatsphäre einher gehen müssen. Die Ergebnisse der europaweiten Untersuchung sollen dann mit etwa 2.500 Bürgern aus neun EU-Ländern diskutiert werden. Die Wissenschafter erhoffen sich Aufschlüsse darüber, wie Entwicklungen im Überwachungssektor in der Gesellschaft wahrgenommen werden und wie akzeptable Alternativen zum aktuellen Trend aussehen könnten.

Investitionen in soziale Sicherheit

Auch der Leiter des Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) in Wien, Reinhard Kreissl, der sich in dem von ihm koordinierten Projekt mit dem Zusammenhang von Überwachung und Demokratie beschäftigt, plädierte für mehr Investitionen in soziale Sicherheit. Die Sicherheitsindustrie mache "falsche Versprechungen", da Technologien Verbrechen eigentlich nicht verhindern könnten. Er bezweifle zu Beispiel sehr, ob eine Kamera im U-Bahn-Bereich tatsächlich jemanden davon abhält, eine Schlägerei zu beginnen.

Produkte werden positiv dargestellt

Trotzdem würde die Sicherheitsindustrie ihre Produkte sehr positiv darstellen, obwohl viele der Technologien in ihrer Anwendbarkeit sehr eingeschränkt seien. Als Beispiel nannte der Wissenschafter die automatisierte Gesichterkennung, die trotz hohem Investitionsaufwand noch immer nicht zufriedenstellend funktioniere. Gleichzeitig brächten viele technische Lösungen die Gefahr mit sich, dass damit Missbrauch betrieben wird.

"Riesenmarkt"

Michael Friedewald vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe führte aus, dass es für derartige Produkte trotzdem "einen Riesenmarkt" gebe. Auch er plädierte dafür, dass die Interessen der Bürger bei großen Investitionen in Sicherheitstechnologien gewahrt werden müssen. Es wäre daher sehr wichtig, bei derartigen Entscheidungen "die Leute an Bord zu holen" und nicht immer nur in Technik, sondern vermehrt "in Menschen zu investieren". (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Sicherheitsforscher sehen den Trend, gesellschaftliche Probleme durch Überwachungstechnologien in den Griff zu bekommen, sehr skeptisch.

Share if you care.