Pensionisten: Trotz Zorns treu bei der Wahl

  • "Wir haben's immer gut gehabt mit den Roten!" Auch wenn sie mit der Politik nicht zufrieden sind, bleiben PensionistInnen ihrer Partei treu.
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    "Wir haben's immer gut gehabt mit den Roten!" Auch wenn sie mit der Politik nicht zufrieden sind, bleiben PensionistInnen ihrer Partei treu.

Gespräch über die Auswirkungen des Sparpakets bei Kaffee und Kuchen im Seniorenklub des roten Pensionistenverbands Wien-Währing

Maria F. ist 88. Ob sie wählen gehe? "Na logisch!", ruft sie ein bisschen empört. Sie gehen alle zur Wahl, die zehn älteren Menschen, die sich einen Nachmittag pro Woche im Pensionistenklub des SPÖ-Pensionistenverbands (PVÖ) treffen. "Sonst sind wir mehr, aber es sind so viele krank", erklärt der einzige Mann in der Runde, der pensionierte Taxiunternehmer F., 78 Jahre alt, und wird von seiner Frau um ein Cola geschickt. "Es wird halt immer schwieriger, eine Wahl zu treffen", sagt er, als er zurückkommt. "Am Ende wählt man das geringere Übel."

Die PensionistInnen sind für die Parteien eine der wichtigsten Bevölkerungsgruppen bei Wahlen. Ist das begründet? Aktuell beziehen in Österreich rund 2,25 Millionen Menschen eine Pension. Bei der vergangenen Nationalratswahl im Jahr 2008 waren etwa 6,3 Millionen Personen wahlberechtigt - die PensionistInnen machten also ein gutes Drittel des Wahlvolks aus.

Gemeinsames Interesse

Aufgewachsen sind die meisten PensionistInnen in einer Zeit, in der die Parteientreue noch viel stärker ausgeprägt war. Zum Teil haben sie das bis heute beibehalten. "Pensionisten sind treue Wähler", sagt der Meinungsforscher Peter Hajek. Und doch ist auch bei dieser Gruppe ein Generationenwechsel zu beobachten. "In zehn bis 20 Jahren sind auch die Pensionisten bei Wahlen mobiler", sagt Hajek.

Und sie haben ein Politikfeld, an dem sie alle ein gemeinsames Interesse hegen: die Pensionsbezüge. Dem müssen die Parteien Rechnung tragen. "Dabei geht es zum einen darum, dass an den Rahmenbedingungen der bestehenden Pensionen nichts geändert wird", sagt Hajek. Zum anderen müssten die Pensionen ihren Wert behalten, also an die Inflation angepasst werden. "Dementsprechend ist diese Gruppe nicht so uneinheitlich wie andere Gruppen", so Hajek.

Treue SozialdemokratInnen

Gehen die Parteien mit dieser wichtigen Gruppe also richtig um? Die Besucher im Seniorenklub des roten Pensionistenverbands ärgern sich jedenfalls über das von SPÖ und ÖVP ausgehandelte Sparpaket: "Wir haben einen Zorn, weil sie uns wieder was abknöpfen. Schreiben Sie das ruhig!", fordert die 87-jährige Frau H. und gestikuliert mit ihrem Hörgerätetui. Zustimmendes Murren am Tisch.

Dennoch dürfte der Zorn kaum Einfluss auf ihre Entscheidung in der Wahlkabine haben. Angesprochen auf die SPÖ, fährt die Dame mit dem Hörgerät zur Verteidigung der Partei auf: "Wir sind ja damit aufgewachsen! Und wir haben's immer gut gehabt mit den Roten." Maria F. war Frauenreferentin der SPÖ im Bezirk Währing. Sie wurde in eine sozialistische Familie geboren und sei dem auch immer treu geblieben, "auch unterm Hitler".

"Uns trifft's ja nicht so schlimm"

Das Kreuzerl der PensionistInnen können die großen Parteien nicht so leicht verspielen, meint Hajek: "Viel kritischer sind da jene Menschen, die kurz vor der Pension stehen - das sind in Österreich alle ab 50." Sie würden Änderungen eher betreffen als diejenigen, die schon in Pension sind. Die aktuellen PensionistInnen seien "durchaus bereit, einen Beitrag zu leisten", so Hajek.

In diese Richtung schwenkt auch das Gespräch bei Kaffee und Supermarktkuchen im PVÖ-Lokal in Wien-Währing: "Uns trifft's ja gar nicht so schlimm. Die, die nach uns kommen, die zahlen ordentlich drauf", meint eine almdudlertrinkende Dame im rot-braunen Pullover. Ihre Schwiegertochter etwa hätte fünf Jahre lang keinen Anspruch auf eine Pension, würde sie jetzt in den Ruhestand gehen. Zustimmendes Nicken in der Runde.

"Schreiben Sie das ruhig!"

Hajek ortet einen weiteren Grund, warum sich die Regierungsparteien keine großen Sorgen um die Stimmen der jetzigen PensionistInnen machen müssen: "Die Koalitionsparteien haben den Vorteil, dass sie durch ihre Pensionistenvereine gut vertreten sind." Mit ihrem Obmann Karl Blecha sind die PVÖ-Mitglieder auch durch die Bank zufrieden. "Der war mit uns in Spanien auf Urlaub", erzählt die 75-jährige Frau G., die ihren Gatten vorhin für ein Cola in die Küche geschickt hat. "Der hat mehr geredet als alle anderen zusammen", lacht dieser jetzt.

Dass sie beim Sparpaket ihrer Ansicht nach draufgezahlt haben, obwohl Blecha mitverhandelt hat, nehmen ihm die PensionistInnen nicht übel. "Er ist eh so herausgekommen", sagt der ehemalige Taxiunternehmer und zieht gespielt unterwürfig den Kopf ein.

Inhaltlich sind die Menschen im PVÖ-Lokal anderen Parteien jedenfalls nicht abgeneigt. "Der Strache, der hat schon gute Ideen. Nur, er bringt's auch nicht auf den Punkt", sagt eine Dame, eine andere schwärmt von den schönen Augen des FPÖ-Chefs. "Österreich hat für alle Geld, nur für die eigenen Leute nicht." Es folgen Erzählungen von der Schule des Enkerls, wo 98 Prozent der Kinder Migrationshintergrund haben, und von den zugezogenen Nachbarn, bei denen sechs Paar Schuhe vor der Tür stehen. Und immer wieder fliegt ein "Schreiben Sie das ruhig auf!" über den Tisch. (sab, derStandard.at, 2.3.2012)

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