Trauriger Blick in die Zukunft

Kleinstes Chamäleon der Welt passt bequem auf ein Streichholz

15. Februar 2012, 10:39
  • Artikelbild
    vergrößern 800x526
    foto: frank glaw

    Trauriger Blick in eine gefahrvolle Zukunft: Der Lebensraum der gerade erst entdeckten Chamäleonart Brookesia desperata ist von Abholzung bedroht.

  • Artikelbild
    vergrößern 799x374
    foto: jörn köhler

    Ein Jungtier des neuen Rekordhalters in Chamäleon-Winzigkeit: Brookesia micra.

29 Millimeter kleine Winzlinge fanden sich im Waldlaub auf Madagaskar und sind bereits akut in ihrer Existenz bedroht

Seine Jungen passen mühelos auf einen Streichholzkopf, ausgewachsen misst es mit Schwanz gerade einmal 29 Millimeter: Das auf Madagaskar entdeckte Zwergchamäleon ist der neue kleinste Vertreter der Chamäleons und gehören damit auch zu den kleinsten Reptilien der Welt. Insgesamt spürte das deutsch-amerikanische Forscherteam unter Leitung von Frank Glaw von der Zoologischen Staatssammlung München auf der ostafrikanischen Insel vier neue Chamäleonarten auf. Alle vier Arten fanden sich in nur sehr kleinen Verbreitungsgebieten, das lässt den neuen Rekordhalter und seine drei Verwandten in eine gefahrvolle Zukunft blicken; durch die fortschreitende Waldrodung könnten binnen kürzester Zeit ganze Arten ausgelöscht werden.

Madagaskar ist für seine vielfältige und einzigartige Tierwelt bekannt, die nirgendwo sonst zu finden ist. Fast dreihundert Froscharten und knapp vierhundert Reptilienarten tummeln sich dort in den Regenwäldern, Bergen und Trockengebieten und bei jeder Expedition werden weitere Arten neu entdeckt. Über 40 Prozent der 193 Chamäleonarten leben ausschließlich auf dieser Insel vor der ostafrikanischen Küste. Bemerkenswert sind auch Madagaskars zahlreiche Winzlinge wie Zwergfrösche, mausgroße Halbaffen und Zwergchamäleons.

Ein deutsch-amerikanisches Biologenteam hat die vier bisher unbekannten Zwergchamäleons im Norden Madagaskars aufgespürt und in der Zeitschrift "PLoS ONE" beschrieben, darunter eine Art, die deutlich kleiner ist als alle bisher bekannten Chamäleons. Männchen von Brookesia micra haben eine Körperlänge von maximal 16 Millimeter und die Gesamtlänge beider Geschlechter ist kleiner als 29 Millimeter.

Doppelter Inseleffekt

"Dass die kleinsten Arten vieler Tiergruppen vor allem auf Inseln zu finden sind, ist kein Zufall", erklärt Frank Glaw, "sondern ein typisches Phänomen". Warum Brookesia micra so extrem klein ist, wissen die Forscher noch nicht genau, es könnte aber an einem doppelten Inseleffekt liegen, denn diese Art ist bisher nur von einer zerklüfteten, 115 Hektar kleinen Kalkfelsinsel bekannt, die wenige Kilometer vor der großen Hauptinsel liegt. Die extreme Miniaturisierung von Brookesia micra dürfte jedenfalls mit zahlreichen Anpassungen des Körperbauplans einhergehen - ein spannendes Feld für zukünftige Untersuchungen.

Alle neu entdeckten Zwergchamäleons besiedeln anscheinend sehr kleine Gebiete, die zum Teil nur wenige Quadratkilometer groß sind. "Durch Lebensraumzerstörung sind sie daher besonders bedroht", befürchtet Jörn Köhler vom Hessischen Landesmuseum Darmstadt. "Eine der neuen Arten, Brookesia desperata, ist nur aus einem kleinen Regenwald bekannt und obwohl dieses Gebiet offiziell unter Schutz steht, wird hinter der Kulisse im Inneren des Reservats fleißig Raubbau betrieben".

Verzweiflung und Tristesse im Namen

Auch Brookesia tristis schaut in eine ungewisse Zukunft. Seit der Lebensraum des Chamäleons vor wenigen Jahren unter Schutz gestellt wurde, nahm die Abholzung des Gebietes noch zu - wohl auch eine Folge der gegenwärtigen politischen Instabilität im Land. Die Artnamen dieser beiden Chamäleons (desperata = verzweifelt, tristis = traurig) haben die Forscher bewusst gewählt, um auf ihre Bedrohung aufmerksam zu machen.

"Erstaunlich an den kleinen Chamäleons ist auch die große genetische Distanz zwischen den Arten, die sich auf den ersten Blick relativ stark ähneln. Das zeigt, dass sich ihre Evolutionswege bereits vor vielen Millionen Jahren getrennt haben - deutlich früher als zwischen vielen anderen Chamäleonarten", sagt Miguel Vences, von der Technischen Universität Braunschweig. "Die Gattung Brookesia ist die ursprünglichste Gruppe innerhalb der Chamäleons", ergänzt Ted Townsend von der San Diego State University, der die genetischen Untersuchungen durchgeführt hat. "Das könnte bedeuten, dass die Evolution der großen bunten Chamäleons in Madagaskar mit kleinen unscheinbaren Vorfahren startete". (red)

Kommentar posten
17 Postings
B R I X
00
17.2.2012, 11:33

Hätt ich gern als Haustier - aber würds wohl verlieren.

http://www.plosone.org/article/s... tion=PNG_L

Zinsenfeger
00
21.2.2012, 14:49

Im Gegensatz zu Silberfischerln oder sonstigen grauslichen Viechern, die wird man nie los. Immer triffts die falschen...

- & c . -
00
16.2.2012, 13:15

giy: "pigmy marmoset"

NONE
01
16.2.2012, 09:50

Herzig.

LeFyx
01
16.2.2012, 07:30
Bildunterschrift

Wirklich toll find ich die erste Zeile unter dem Bild der kleinen Racker... "vergrößern"

wizenstain
00
15.2.2012, 21:12
"Trauriger Blick in eine gefahrvolle Zukunft.."

bitte zum vergleich ein foto mit

"fröhlicher blíck des kleinsten chamäleon..."

pipi pipifax
00
15.2.2012, 17:13

ma, wie suess, der kleine racker!

Preger
02
15.2.2012, 15:03
Bequem auf ein Streichholz

passt doch nur ein Jungtier...

Schwache und irrefuehrende Ueberschrift. Wiedermal.

methinks there is much reason in his sayings
02
15.2.2012, 17:26

"Männchen von Brookesia micra haben eine Körperlänge von maximal 16 Millimeter und die Gesamtlänge beider Geschlechter ist kleiner als 29 Millimeter."
wenn ich auch offengesagt nicht ganz verstehe, was mit der "gesamtlänge beider geschlechter" genau gemeint ist - die passen bequem auf ein streichholz (50 mm).

das foto des kleinen auf dem streichholzkopf hab ich mir rauskopiert. ein faszinierendes wesen.

omsg
01
15.2.2012, 13:33
blöde frage

man hört ja immer wieder wie viele Tierarten wir Menschen ausrotten, weiß irgendjemand ob es auch Zahlen gibt wie viele Tierarten wir Jährlich neu entdecken??

omsg
02
15.2.2012, 14:18
so hab selbst kurz geforstet

es sind angeblich rund 13.000 Arten im Jahr. Hier ein ganz interessanter Artikel dazu

http://martinaberg.suite101.de/neu-entde... an-a114244

lg

aeff
00
15.2.2012, 16:31
ich find auch das recht interessant:

http://www.humanecology.ch/index.php... =4&scy=312

Demnach haben seit der kambrischen Explosion 30 Mia Arten gelebt. Macht 60 neue Arten die pro Jahr neu entstehen.
Bei heute geschätzten 30 Mio. lebenden Arten sind also 99,9% ausgestorben - also fast alle.
Mal eine ganz andere Sicht Sichtweise.

Carcharodon
 
00
17.2.2012, 11:14

Bei wie vielen Arten von den 99,9% war nur eine einzige andere Art am Aussterben schuld?

Conus textile
03
15.2.2012, 11:28

Ich hoffe, dass da angefangen wird, die Tiere auch in Gefangenschaft bzw. Reservaten zu züchten, um im schlimmsten Falle zumindest das Aussterben zu verhindern.

Peace 4 Libya
00
16.2.2012, 13:20

Abholzung stoppen. Auch denkbar?

Conus textile
00
16.2.2012, 14:04

Wäre sicher das ideale - ist nur in vielen Fällen in den Gebieten schwer machbar (Korruption bzw. arme lokale Bevölkerung).

Pe Sa
00
15.2.2012, 13:40

Hoff ich auch, diese kleinen Gesellen sind wirklich sehr faszinierend

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.