Die Selbstzerfleischung der Berlusconi-Partei

Analyse15. Februar 2012, 13:03
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Nach seinem Rücktritt sieht Silvio Berlusconi der Regierung bei der Drecksarbeit und seiner Partei bei der Selbstdemontage zu

Das Einzige, was Silvio Berlusconi noch sorgsamer auswählt als seine Weggefährten, sind seine Krawatten. So oder so ähnlich scherzen die Italiener über das Ego ihres ehemaligen Regierungschefs. Berlusconi, das weiß jeder, braucht die Aufmerksamkeit wie die Luft zum Atmen, aber der 76-Jährige hat auch gelernt, dass der Kreis der Vertrauten eng zu ziehen ist. Gianfranco Miccichè ist einer von ihnen, einer, dem Zeitungen stets den Beinamen "treuer Weggefährte" gegeben haben. Miccichè diente als Berlusconis Unterstaatssekretär und erster Statthalter in Sizilien. Nun steht ebenjener Miccichè im Stadtzentrum Palermos und rammt seiner einstigen Partei einen Dolch in den Rücken. Der treue Weggefährte hat seine eigene Partei gegründet, die "Forza del Sud" (Kraft des Südens), das südliche Pendant zur Lega Nord, und tritt in der sizilianischen Hauptstadt bei der Gemeinderatswahl im Frühling an.

Sizilien, jener Landstrich, von dem man sagt, dass hier selbst die Zitronen nach Tod riechen, gilt nicht nur als Mafia-, sondern auch als Berlusconi-Hochburg. Seit über zehn Jahren regieren hier die "Berluscones", wie die Silvio-Getreuen genannt werden. Die Mehrheit war ihnen auf der Insel Wahl für Wahl so sicher wie das Amen im Gebet. Bei der kommenden Wahl aber ist unklar, ob das "Volk der Freiheit" (Popolo della Libertà, PdL) überhaupt bis zur Stichwahl gegen den ins Spiel gebrachten Bürgermeisterkandidaten Miccichè durchhält. Nein, er habe Berlusconi keineswegs den Krieg erklärt, beteuert Miccichè, im Gegenteil, am liebsten würde er auf einer Liste mit seiner alten Partei kandidieren. Fünf Koordinatoren der PdL saßen in Palermo, mit fünf verschiedenen Ideen und Programmen, und tüftelten zusammen mit dem Abtrünnigen an einem Schlachtplan. Nur: Die PdL, die gibt es hier nicht mehr, zog Miccichè am Ende das Resümee, und: "Ich werde sie wohl ersetzen müssen."

Die PdL steckt landesweit in der Bredouille: Die Umfragewerte rasseln nach unten, die Partei zerfleischt sich selbst, die einstigen Partner gehen auf Abstand zueinander. Und Berlusconi, stets Dreh- und Angelpunkt der Partei, ist auf Tauchstation gegangen. Als Gesicht der Partei muss in diesen Zeiten der Krise der Parteisekretär Angelino Alfano herhalten. Auch nach innen hat Berlusconi seine Partei den Wölfen zum Fraß vorgeworfen. Und das Überbleibsel, das lange nur auf seine Person zugeschnitten war, droht immer mehr zu zerreißen. Die PdL steht auf so wackeligen Beinen, dass keiner mehr Koalitionen mit ihr eingehen möchte. Von knapp 38 Prozent auf ihrem Höchststand 2008 ist sie mittlerweile auf 23 bis 25 Prozent gerutscht. Stehen Wahlen an, will entweder niemand mit der wandelnden Leiche zusammenarbeiten - oder man spaltet sich gleich von ihr ab. Das sinkende Schiff, das hat der Kapitän als Erster verlassen. Die Kritiker, die Berlusconi so lange unterdrückt hat, schäumen jetzt vor Wut.

Es ist ungewohnt leise um den sonst so lauten Berlusconi. Auch von den Titelseiten ist er verschwunden, und mit ihm der Klatsch und der Wirbel. Journalisten kehren wieder zu den Kernthemen ihres Berufes zurück, sie berichten von der Wirtschaftskrise, die Berlusconi unter seiner Regentschaft zum Tabu erklärt hatte. Zwar ist er immer noch Herr seines Medienimperiums, ohne den Posten des Premiers aber ist die alte Macht-Synergie kaputt. Wenn er nicht gerade vor Gericht erscheinen muss, verfolgt er die Tätigkeit seines Nachfolgers Mario Monti. Der erledigt als neuer Premier die Drecksarbeit, die sich Berlusconi selbst nie antun wollte. Die Italiener schmerzen die Kürzungen im Staatshaushalt, es fehlt an Geld und Arbeit. Politik, Gewerkschaften, Arbeitgeber, alle sind sich einig, dass gespart werden muss, nur: Betrifft es sie selbst, gibt es Zores. Silvio Berlusconi ist immer noch Abgeordneter in Rom. Er und die anderen Parlamentarier beschließen jeden Schritt Montis mit ihrer Stimme im Parlament mit. Die Lega Nord tobt, ihr Chef nennt Berlusconi einen "Schlappschwanz", weil der Montis Pläne nicht durchkreuzte. Wer schon auf Neuwahlen im kommenden Jahr schielt, macht sich jetzt in Hinblick auf später besser rar. Berlusconi mag einmal mehr sein Ende als Politiker angekündigt haben, aber es wäre nicht das erste Mal, dass sich der Cavaliere mit einem abrupten Stimmungswechsel einfach selbst widerspricht.

Der derzeitige Chef der PdL, der einstige Ziehsohn Berlusconis, bekommt das Fett ab. Und so stand er kürzlich im Parlament, Alfano, der große Mann mit den strengen Augen, einmal mehr in Verteidigungspose. Einst einer der engsten Vertrauten Berlusconis, der sich vom persönlichen Sekretär zum Sekretär der Partei hochgearbeitet hat, fuhr er seine Kollegen an. Plötzlich ätzte einer, Mario Pepe, kleine Statur, den Blick eines Dackels, zurück und rief vor versammelter Mannschaft: "Spiel doch wieder Berlusconis Sekretär." Ein Affront, den Pepe und die anderen unter Berlusconi nicht gewagt hätten. Tausende Kilometer südlich beschwört derweil der Bürgermeisteranwärter in Palermo das gute Verhältnis zu Berlusconi: "Wir hören uns auch weiterhin einmal die Woche. Dabei reden wir nie über Politik", sagt Miccichè und fügt an: "Silvio ist froh, dass seine Partei nicht zugrunde gegangen ist mit seinem Abgang, aber nun müssen sie sich selbst retten. Wenn sie das schaffen." (fin, derStandard.at, 15.2.2012)

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