An seidenen Fäden

Gastkommentar15. Februar 2012, 09:55
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Im Nahen Osten herrscht die Logik des Kalten Krieges - des einen Freund ist des anderen Feind und im Hintergrund agiert der Strippenzieher. Wer nach Lösungen sucht, muss in der Vergangenheit suchen. Die Kuba-Krise und ihre Lösung weisen möglicherweise einen Ausweg - Von Stefano Casertano

Wird das Regime "die Bombe" entwickeln, oder werden die Verantwortlichen ihren Plan aufgeben? Wäre der Westen von taktischen Nuklearwaffen ernsthaft bedroht? Warum stellt Moskau sich hinter diese Wahnsinnspolitik? Und was wollen die Bombenliebhaber überhaupt mit ihren Sprengköpfen anstellen? Was kann Washington dagegen unternehmen, ohne einen weltweiten Konflikt zu riskieren? Was sind die Amerikaner bereit aufzugeben, um eine atomare Aufrüstung zu verhindern?

Diese Fragen mögen aktuell passend erscheinen - doch sie sind ein halbes Jahrhundert alt, gestellt zur Zeit der Kuba-Krise, als die UdSSR heimlich Schiffsladungen voll taktischer Atomwaffen direkt vor der US-Küste auf Kuba geparkt hat. Die Ähnlichkeit der beiden Konflikte ist keine Überraschung; mit der Situation im Iran hat die Logik des Kalten Krieges wieder Einzug in die internationale Politik gehalten. Im Lauf der vergangenen Wochen ist die Handlung immer deutlicher geworden: Bereits der damalige US-Verteidigungsminister Bob McNamara sprach sich für einen Maßnahmenkatalog aus, der den Dialog durch das geschickte Einsetzen von diplomatischen, politischen und militärischen Optionen aufrechtzuerhalten versuchte. Die Gerüchte um einen möglichen (oder, je nach Quelle, einen wahrscheinlichen) Angriff Israels sind Teil dieser Lauerstellung. Die offensichtlichen Anschläge des Mossad auf iranische Nuklearwissenschaftler sind das heutige Äquivalent zu Attentaten und fragwürdigen Geheimdienstoperationen in Osteuropa.

Peking, Moskau und Washington spielen Schach im Nahen Osten

Die Logik des Kalten Krieges ist zurück, weil auch die Großmächte des Kalten Krieges wieder gegeneinander Politik machen. Der Nahe Osten ist wieder einmal zum Ort geworden, an dem sich Washington, Moskau und neuerdings auch Peking einen Schlagabtausch liefern. Die dortigen Autokraten sind die Spielfiguren dafür. Daher werden Verhandlungen mit Ahmadinedschad auch nichts bringen - was hilft das Reden mit einer Puppe, wenn gleichzeitig jemand aus dem Hintergrund die Fäden zieht?

Am Ende wurde die Kuba-Krise durch Zugeständnisse und offene Konfrontation gelöst. Die Amerikaner stimmen zu, ihre (ohnehin veralteten) taktischen Atomwaffen aus der Türkei und aus Italien abzuziehen - doch erst, nachdem eine Seeblockade um Kuba errichtet worden war. Die Lösung zeigt das Genie von McNamara: Die Blockade machte klar, dass die USA bereit waren, ein "raketenfreies" Kuba auch mit Waffengewalt durchzusetzen. Gleichzeitig zeigte die Großmacht ihre weiche Seite und bot eine ebenfalls atomwaffenfreie Türkei an.

Palästina ist für die Russen, was Ostberlin für die Sowjets war

Der Unterschied heute ist, dass kaum jemand den USA abnimmt, gegen Teheran in den Krieg ziehen zu wollen. In Bezug auf einen israelischen Militärschlag gehen die Expertenmeinungen auseinander. Vorhersagen sind bekanntlich schwierig. Die strategische Situation ist dazu zu verworren: Die Russen stehen hinter Iran, die Iraner machen sich für das syrische Regime stark, das wiederum ein Dorn im Auge Israels ist - und Israel ist eng mit den USA verbündet. Die Russen wollen vor allem eine Rolle im Nahost-Friedensprozess spielen - es wäre ein Zugewinn an Macht, verglichen mit der aktuellen russischen Unterstützung für einige grenzdebile Diktatoren.

Anders ausgedrückt: Palästina ist für die Russen, was Ostberlin für die Sowjets war. Stalin hat es auf den Punkt gebracht: "Wenn ich den Westen schreien hören will, muss ich nur den Druck auf Berlin erhöhen." Wenn das syrische Regime fällt, verliert Russland Einfluss in der Region. Immerhin ist die einzige russische Marinebasis am Mittelmeer im syrischen Tartus angesiedelt. Der Kreml würde es gerne dabei belassen. Schiffsdocks helfen den Russen mehr als ein weiteres Ferienparadies am Meer.

Wären die Russen zufrieden mit einem Platz am runden Tisch? Israel wird eine solche Option auf keinen Fall zusagen. Es scheint, als ob das Säbelrasseln aus Jerusalem sich vor allem an die USA richtet und nicht an Teheran. Die israelische Regierung weiß genau, dass ein Militärschlag iranischen Nationalisten in die Hände spielen würde. Doch ist das schlimmer, als mit Russland verhandeln zu müssen? Die Attentate des Mossad zeigen, dass der Krieg bereits im Gange ist. Die Frage ist also vor allem, ob Israel ihn offiziell machen will und die reguläre Armee in den Kampf schickt.

Die Lösung liegt vielleicht im Osten: in China. Das Reich der Mitte ist das neue Element im Spiel der Großmächte und macht kreative Lösungen eventuell wahrscheinlicher. Mit China als Verbündetem wären Teheran und Moskau isoliert. Oder Peking könnte versuchen, Russland durch Zugeständnisse davon abzubringen, eine Atommacht im Iran zu unterstützen. China wächst und muss seinen Energiehunger stillen - Wahlverwandtschaften sind also möglich, in Energiefragen und auch in anderen Wirtschaftssektoren. Die Lösung der Iran-Frage ist an der russisch-chinesischen Grenze zu suchen - genauso wie die Lösung der Kuba-Krise am Eisernen Vorhang in Osteuropa gefunden wurde. Benötigt wird dafür jedoch kreatives Denken. Und am Ende müssen die Russen ihre liebste Basis in Tartus behalten dürfen. (Stefano Casertano, derStandard.at, 15.2.2012)

Autor

Stefano Casertano, The European, ist Senior Fellow am Brandenburgischen Institut für Gesellschaft und Sicherheit. Er hat an der Columbia University und der Universität Potsdam studiert und ist Kolumnist für das italienische Portal Linkiesta.it und die Finanza & Mercati.

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