Weil der eigene Gedanke der wertvolle ist

15. Februar 2012, 09:21
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Das Kunstvermittlungsprojekt "Play Ganymed" erweckt die Bilder des Kunsthistorischen Museums zum Leben

Wien - Scheinbar deplatziert schmückt ein Flugzeugsitz die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien. Das Publikum, eine Klasse der Kooperativen Mittelschule Augartenschule, wartet gespannt auf den Beginn der Performance des Kunstvermittlungsprojekts Play Ganymed. Schließlich erwachen der in Gold gekleidete Mann und seine Handpuppe auf ihrem Sitz zum Leben: Die kleine Puppe beklagt sich über den engen Sicherheitsgurt, und es scheint, als hätte sie diese Reise am liebsten gar nicht angetreten. Daran können auch die Beschwichtigungsversuche des Sitznachbarn nichts ändern.

Die Schüler verfolgen die Szene gebannt und sind sichtlich amüsiert von der mitreißenden Darstellung des Schauspielers. Nach einigen Minuten des Schauspiels wird aus Theater wieder Museum. Ein Kurator erläutert den Zusammenhang zwischen dem gezeigten Dialog und einem der Gemälde: "Hier seht ihr Ganymed, eine Figur aus der griechischen Mythologie, wie er vom Gott Zeus entführt wird. Fast so wie unsere Puppe."

Als Nächstes werden Blöcke und Stifte verteilt, und Peter Wolf, Initiator von Play Ganymed, bittet die Kinder, ihre Eindrücke zu Papier zu bringen. "Soll ich das Bild abzeichnen?", will ein Schüler wissen. "Nein, wieso denn? Wir haben es doch schon hier", scherzt Wolf. "Zeichne einfach, was dir dazu einfällt." Die Schüler scheinen zunächst wie in eine Starre verfallen, machen sich aber dann sogleich an die Arbeit.

Play Ganymed sei aus der Idee entstanden, "eine ursprüngliche Kunst so zu bestimmen, dass sie dem Zuschauer näherkommt und sich wirklich vermittelt", sagte Wolf im Gespräch mit dem SCHÜLERSTANDARD. Den Grundstein legte Ganymed Boarding, das preisgekrönte Projekt, das Wolf gemeinsam mit Regisseurin Jacqueline Kornmüller ins Leben rief. Hierbei wurden von verschiedenen Autoren Texte zu ausgewählten Bildern im Kunsthistorischen Museum verfasst, die Schauspieler vor Ort szenisch darstellten.

Eine Erdnuss? Natürlich!

Dieses Konzept für Jugendliche zu adaptieren sei laut Wolf "zwingend" gewesen: "Wir hatten sechzehn wirklich fantastische Miniaturen, und die nach vierzehn Aufführungen wieder gehen zu lassen wäre undenkbar gewesen." Der Text von Paulus Hochgatterer zum Ganymed-Gemälde von Correggio habe ihnen so gut gefallen, dass er für das Projekt namensgebend wurde.

Derweil lassen sich unterhalb von Adler und Jüngling die ersten Entwürfe erkennen: Von originalgetreuen Greifvögeln bis hin zu Flugzeugen ist einiges vertreten. "Eine Erdnuss? Natürlich! Warum bin ich da nicht selbst draufgekommen?", kommentiert Wolf die Werke enthusiastisch.

Nun werden Bild und Darsteller zurückgelassen, und es geht in einen Vortragssaal im höchsten Stock des Museums. Oben angekommen, sollen die Schüler wieder selbst arbeiten und zum Gesehenen Texte schreiben, die später szenisch vorgetragen werden sollen. "Ich bin neugierig, was da rauskommt", meint Karin Mayerhofer, eine der Begleitlehrerinnen. "Aus dem Deutschunterricht weiß ich, dass sie gerne schauspielern." Peter Wolf betreut derweil die Jungautoren, gibt Anregungen und Ratschläge. Einer der Ansätze, die ihm bei Play Ganymed wichtig ist, sei, "dass man früh begreift, dass der eigene Gedanke der wertvolle ist und man die eigenen Ideen ernstnimmt".

Als die Vorbereitungszeit abgelaufen ist, fragt Wolf in die Runde, wer seinen Text zuerst vortragen möchte. Einige Hände schießen in die Höhe, und eine Gruppe nach der anderen beginnt, ihre Szenen zu präsentieren. Im Zuge der Darstellungen wird in geheimnisvolle Zuckerwelten eingetaucht, Menschen werden beinahe entführt und Erdnüsse von Greifvögeln gestohlen. Die Kinder haben großen Spaß an ihren Kreationen. "Ihr wart großartig", lobt Wolf am Ende der Performances. Mit einem Lächeln auf den Lippen verlassen die Schüler den Saal. Die nächste Klasse wartet schon. (Antonia Reiss, DER STANDARD, Printausgabe, 15.2.2012)

"Play Ganymed" findet für Schulklassen immer dienstagvormittags statt. Am 27. März gibt es außerdem um 15 und 16 Uhr Termine für Individualbesucher. Infos und Anmeldung: 01/525 24-52 05

Link: www.wennessoweitist.com

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    foto: standard/hendrich
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