Nuckeln, bis die Schnullerfee kommt

14. Februar 2012, 19:58
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Weil Elternschaft zunehmend professionalisiert wird, scheint ein rein intuitiver Umgang mit dem eigenen Nachwuchs nicht mehr zu reichen - ein Phänomen, das auch die Ethnologie beschäftigt

Den zahlreichen Fragen werdender Eltern stehen noch zahlreichere Antworten diverser Experten - und solcher, die sich dafür halten - gegenüber. Nachzulesen in Tonnen von Ratgeberliteratur. Vom schlichten Ratgeber für Eltern und Kinder bis hin zu Miteinander vertraut werden: Wie wir mit Babys und kleinen Kindern gut umgehen - ein Ratgeber für junge Eltern reichen die Titel. Und wenn dann noch die Schwiegereltern die Köpfe schütteln, Freunde und Verwandte ihren Senf dazugeben, dann ergibt das nicht selten eine explosive Gemengelage.

Eintritt in die spaßfreie Zone

Das hat auch Timo Heimerdinger festgestellt: "Beim Thema Kind betritt man eine geradezu spaßfreie, hochemotionale Zone. Plötzlich nimmt die gesamte Gesellschaft Anteil - nicht zuletzt geht es um die Zukunft der eigenen Art." Heimerdinger ist Volkskundler und seit 2009 am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie an der Universität Innsbruck. Er hat sich mit ebenjenen Tonnen an Ratgeberliteratur wissenschaftlich auseinandergesetzt. "Dabei spielt die eigene Lebenswelt eine gewisse Rolle", sagt der dreifache Vater, "ich habe bisher noch kaum Arbeiten Kinderloser gefunden." Erstaunlich sei das deshalb, weil beispielsweise Migrationsforscher nicht zwangsläufig Personen mit Migrationshintergrund seien, merkt er an: "Elternschaft scheint fast eine Vorbedingung zu sein, um das wissenschaftliche Thema zu sehen, um dessen Komplexität und lebensweltliche Wucht überhaupt zu erfassen."

Als Kulturwissenschafter interessiert er sich für Phänomene der alltäglichen Lebenswelt, die er erklären möchte: "Es geht darum, zu erfahren, warum und wozu unsere Alltagskultur so ist, wie sie ist - nicht nur wie, wo und seit wann. Kultur wird demnach als Handlungsangebot und als Bewältigungsverfahren für menschliche Problemstellungen gesehen."

Ausgangspunkt war daher die Frage: Welche Bedeutung haben Ratgebertexte für das Alltagshandeln? Die Menge an Ratgeberliteratur hat ab Ende des 19. Jahrhunderts stark zugenommen. "In vielen lebensweltlichen Fragen hat eine Verwissenschaftlichung und Professionalisierung stattgefunden", sagt der 38-jährige Europäische Ethnologe. Traditionswissen wurde abgewertet und durch Expertenwissen abgelöst. Aber Letzteres verändert sich ständig. Die Folge: ein Zwang zu ständiger Neuorientierung, der zu Unruhe und Angst bei Eltern führen kann.

"Wir sprechen hier von der bürgerlichen, bildungsnahen Mittelschicht", schränkt Heimerdinger ein. "Manche junge Mütter hauen sich die neuesten Studien darüber um die Ohren, was richtig und was falsch ist." Dafür müsse man schon die richtigen Argumente parat haben, wie der gebürtige Schwabe es ausdrückt. Aber der derzeitige Konsens, dass Stillen der Flaschennahrung insgesamt überlegen sei, war nicht immer in dieser Eindeutigkeit gegeben. "Empfehlungen für die Ernährung haben in den letzten 150 Jahren mehrfach gewechselt", sagt Heimerdinger. Meinungen unterliegen historisch einem beträchtlichen Wandel.

Wissen nährt Unsicherheit

Diese Tatsache könnte nun dazu führen, auch die gegenwärtigen Empfehlungen zu relativieren. Das Gegenteil ist der Fall: "Die Leute stehen unter dem moralischen Druck, immer alles richtig machen zu wollen, gleichzeitig aber auch den Experten nicht mehr uneingeschränkt zu vertrauen", schildert er. Das liege daran, dass es zu jeder Expertise eine Gegenexpertise gebe. Extrem verstärkt habe sich das durch das Internet. Jede Meinung steht dort gleichrangig neben der anderen. "In diesem Feld widersprüchlicher Informationen müssen die Eltern navigieren", stellt der Volkskundler fest. Denn ein Mehr an Information bringt nicht immer ein Mehr an Orientierung. Ratgebertexte seien aber nur ein kleines Steinchen in einem komplexen Mosaik: "Mein Eindruck war, dass in vielen Fällen die Alltagspraxis durch andere kulturelle Bedingungen mitbestimmt wird", sagt Heimerdinger. Ratgeber würden oft im Nachhinein die argumentative Absicherung für das eigene Handeln liefern.

Kunstgriff als Hilfestellung

Er beobachtet, dass es auch nicht mehr nur um die Kinder geht, sondern um die Rollenfindung der Eltern selbst, um eine Selbstpositionierung, wie Heimerdinger erläutert. Gute Eltern sind solche, die im Sinne der "ideology of intensive parenting", expertenorientiert handeln, kindzentriert denken und dafür viel Zeit, Geld und Emotionalität aufwenden. Sie betreiben eine Pädagogik der intensiven Fürsorge, der "fürsorglichen Belagerung". Diese will sogar das winzigste Risiko vermeiden.

Die Eltern sehen sich und ihr Kind ständig Bedrohungen, real oder nicht, ausgesetzt. Das Risikobewusstsein wird handlungsbestimmend, ein rein intuitiver Zugang scheint nicht mehr zu genügen, umfassendes Spezialwissen ist gefragt. Die Elternschaft wird professionalisiert. Hier kommt ein relativ junges Phänomen der elterlichen Alltagskultur ins Spiel: die Schnullerfee. Wie die Zahnfee kommt sie aus dem angloamerikanischen Raum und wird auch in Europa immer beliebter. Sie nimmt den Schnuller gegen ein Geschenk an sich und hilft so bei der Entwöhnung, eine Win-win-Situation für Eltern und Kind.

Denn die Fee hilft aus einer Zwickmühle: Eltern wollen dem Kind den Schnuller nicht entreißen (und dabei autoritär auftreten), wollen aber gleichzeitig dem Expertenrat folgen, wonach der Nuckel ab einem Alter von drei Jahren zu Kieferfehlbildungen führen kann. Sie sei, sagt Heimerdinger, ähnlich wie der Klapperstorch eine leichte Kinderfigur, die ein ernsthaftes Thema behandle. Die Schnullerfee diene so gesehen dem Risikomanagement. (DER STANDARD, Printausgabe, 15.02.2012)

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    Wenn Risikobewusstsein das Handeln der Eltern bestimmt, ist Risikomanagement gefragt. Hier kommt die Schnullerfee ins Spiel, die den Eltern hilft, das Kind auf sanfte Weise, mittels "Geschenk gegen Schnuller", vom Nuckel zu entwöhnen.

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