Der Ketzer, der den Rebellen im Propheten liebte

Kopf des Tages
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    foto: frontlinedefenders.org

Twitterer Hamza Kashgari, an die Saudis ausgeliefert

Hamza Kashgaris Tweets, die ihn wegen Ketzerei das Leben kosten könnten, stehen in einer großen lyrischen arabischen Tradition. Aber die hat ein in dümmlicher Bigotterie versunkenes islamisches Establishment einfach vergessen - ausmerzen lässt sie sich aber nicht.

Da ringt ein junger Mensch in Saudi-Arabien in Kurzgedichten mit seinem Glauben und sieht im islamischen Religionsgründer vor allem einen Menschen - was ja der islamischen Behauptung, dass Muhammad nicht vergöttlicht werden soll, durchaus entspricht: "An deinem Geburtstag werde ich sagen, dass ich den Rebell in dir liebte, der mich immer inspirierte - und dass ich den Heiligenschein nicht mag. Ich bete dich nicht an." Dieser und zwei folgende Tweets, ebenso poetisch und ergreifend, lassen ausgewachsene Theologen vor TV-Kameras weinen ob der dem Propheten angetanen Schmach.

Der Autor, Hamza Kashgari, 23, sitzt in Haft: Er wollte nach Neuseeland flüchten, in Malaysia wurde er jedoch festgenommen und - ohne dass Malaysia durch ein bilaterales Abkommen dazu verpflichtet gewesen wäre - nach Saudi-Arabien ausgeliefert. Dort wollen die Eiferer seinen Kopf. Es sind nicht nur islamische Funktionäre wie der Großmufti, ein Nachfahre von Ibn Abdulwahhab, der im 18. Jahrhundert eine Allianz mit den Sauds einging, deren Resultat das heutige wahhabitische saudische Königreich ist. Eine Facebook-Seite von Kashgari-Hassern hat zehntausende "Freunde", eine mit Verteidigern nur tausende.

Von seinen Gegnern wird auch manchmal angeführt, dass Kashgari ein "türkischer" Name ist, das heißt, der Apostat sei ja gar kein "echter Saudi". Kashgar ist eine Stadt beziehungsweise ein Bezirk in der chinesischen Uiguren-Provinz Xinjiang, und dass seine Vorfahren auf der Seidenstraße nach Turkmenistan gekommen sind, woher die Familie stammt, ist nicht so unwahrscheinlich.

Kashgari arbeitete bei der Zeitung Al-Bilad, die aber bald feststellte, dass die "allgemeinen Ansichten" ihres Kolumnisten nicht zu ihr passten. Schon äußerlich fällt Kashgari aus dem saudi-arabischen Rahmen, ein bisschen zu lässig und modern, auch wenn sein Wohnort Jiddah weniger verzopft ist als das Landesinnere. Ob er die Grenzen des Möglichen ausloten wollte oder die Realität des Landes, in dem er lebte, verdrängte? Mittlerweile hat er sich in einem offenen Brief entschuldigt: Ob ihm auf dieser Erde verziehen wird, bleibt zu sehen. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 15.2.2012)

 

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@Redaktion Online-Standard

Bitte berichtet auch über den Iraner Youcef Nadarkhani, der in der Todeszelle sitzt, weil er mit 19 Jahren vom Islam zum Christentum konvertiert ist.

Nadarkhani ist sicher nur einer von Vielen - aber mittlerweile ist dieser Fall so populär, dass sich zumindest in Deutschland auch die Politik dafür interessiert.

Vielen Dank
August Hoffmann

Ein interessanter Artikel in "Washington Post":

http://www.washingtonpost.com/opinions/... story.html

wie kann man Hamza Kashgari unterstützen?

wo findet man diese die im artikel erwähnte fb-seite seiner verteidiger? gibt es es eine Petition für seine Begnadigung und Freilassung?

Indem man sich an Omar al Rawi (SPÖ) wendet

damit er wieder das Wiener Stadtparlament mobilisiert, um eine einstimmige Resolution zu fassen, die Saudi-Arabien ermahnt, den blogger am Leben zu lassen.
Am besten gleich Bundeskanzler Feymann und Vizekanzler Spindelegger schreiben und verlangen, dass Österreich sich dazu äußert.

einfach nur unglaublich

und einfach nur die verlogenste Theokratur der Erde, eigentlich noch schlimmer als der Iran..

Öl und Geld der Saudis siegen über Ethik

Weil ein Buddy der USA wird diese schändliche Diktatur nicht bekämpft, sondern hofiert, man liefert ihr sogar um 40 Mrd. Dollar Waffen...

Pfui sind bekanntlich nur Länder, die nicht Buddy der USA oder Israels sind. Der Rest der Welt darf seine Bevölkerung drangsalieren, wie er will...

wo kann man dagegen protestieren?

gibt es eine petition für freilassung/begnadigung von hamaz kashgari, der man sich anschließen kann?

Jetzt vertsteh ich den tiefen Sinn des arabische Sprichworts

"Wer die Wahrheit spricht, sollte lieber einen Fuß im Steigbügel haben" ;)

ein schöner spruch, auch wenn ich nicht weiß, wie das eigenwillige zwinkern am ende zu deuten ist. angst vor der realität?

Es besteht ja die leise Hoffnung, daß er letztlich noch von Potentaten begnadigt wird (wie es ja auch bei den frevlerischen autofahrenden Frauen geschehen ist), aber vielleicht könnte man diese Chance ja auch dadurch etwas erhöhen, daß z.B. die deutsche Regierung die Lieferung der neuen Leopard-Panzer davon abhängig machte? Die Aufrüstung eines klerikalfaschistischen Staates ist ganz sicher nicht im Interesse der Weltsicherheit...

malaysia ist eine wunderschoene menschenrechtliche demokratie. nicht mal islamistisch. was flieht dieser idiot auch dorthin. gott hasst die idioten.

Nach Ö. konnte er nicht fliehen, er hätte kein Asyl erhalten: Die Saudis sind ja unsere Freunde...

In diesem Sinne:

http://derstandard.at/131846114... erzeichnet

Da wird einem doch warm ums Herz!

armer mensch. leider wird dieser von diese saudipsychopathen ermordet werden. die frage ist ja nur, wieviel geld die usa oder die eu den massenmördern nach getaner arbeitet spendet.

Es ist unfassbar, dass Malaysien diesen Menschen in den Tod geschickt hat. Ein weiterer Beweis, dass diese Islamodiktatur keineswegs so fortschrittlich oder "tolerant" ist wie immer behauptet.

"Es ist unfassbar, dass Malaysien diesen Menschen in den Tod geschickt hat"

.
ich bin mir gar nicht so sicher, ob ihm das nicht auch in Österreich hätte passieren können ...

In diesem Fall mit Sicherheit nicht, denn Österreich darf nicht in Länder ausliefern, in denen auf das betreffende Delikt die Todessrafe steht.

"denn Österreich darf nicht in Länder ausliefern, in denen auf das betreffende Delikt die Todessrafe steht"

.
in Österreich findet man aber gern irgendwelche "gründe", warum das ja eigentlich gar nicht so ist.

"Kopf des Tages"

Irgendwie zynisch, steht doch zu befürchten, daß sein Kopf dereinst vom Henker mit dem Schwert abgetrennt werden wird.

Manchmal stell ich mir ja vor, wie's wäre, wenn unser zB Bundespräsident bei irgendeinem Empfang den saudischen Botschfter zur Seite nimmt und ihm mit dem nettesten Lächeln, das er zsammbringt sagt: "Mir is grad aufgefallen, dass ich Ihnen noch gar nie verraten hab, wie sehr Ihr Land uns eigentlich ankotzt." ...

Die Möglichkeit besteht, daß es dem Botschafter sogar ähnlich ginge... Müßte man mal seinen möglichen Weinkeller und die Hausbar zu inspizieren. Nur haben all dieses Günstlinge des Reichtums ja nicht die Eier, dieses gegen ihre echten Fascho-Prinzenbrüder und sonstige Radikalislamisten im Lande offensiv zu vertreten.

Sagen wir so:

Ich kanns ja noch nachvollziehen, dass man gnadenlos dekadent wird, wenn man, ohne einen Finger rühren zu müssen, von der Welt den königlichen (bis vor huindert Jahren eher buschräuberischen) Hintern vergoldet kriegt.

Ginge mir wohl nicht anders.

Dekadent UND andererseits komplett verbiestert werden, wies das Königreich Saudi-Arabien praktiziert, macht mich allerdings schlichterdings sprachlos.

Malaysien scheint allerdings auch nicht viel besser zu sein.

der arme ist leider kein syrer sondern saudi. sonst hätte er es auf die frontpage geschafft.

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