Das ist doch ein Kunststück

14. Februar 2012, 17:02

Der Startenor Jonas Kaufmann gastierte im Großen Musikvereinssaal

Wien - Er ist der Cover-Boy des Monats Februar der einschlägigen Druckperiodika - sonnig lächelt Jonas Kaufmann vom Titelblatt des Staatsopern-Prologs, düster blickt er von jenem des Musikverein-Magazins. In der tiefkühltruhenkalten ersten Februarhälfte hat der Münchner mit dem Latin-Lover-Charisma jedenfalls die Herzen seiner Fans erwärmt, zuerst an der Staatsoper als Faust und nun mit einem Liederabend im Großen Musikvereinssaal.

"Und ich geh' mit einer, die mich lieb hat, in den Frieden voll Schönheit" , sang der 42-Jährige in seiner dritten Zugabe, in Strauss' Freundliche Vision - manch eine Zuhörerin bezog es wohl einen Sekundenbruchteil sehnsuchtsvoll auf sich, wie auch das fünfte und letzte Encore Kaufmanns, Dein ist mein ganzes Herz. Beim Stimmungsaufheller aus Lehárs Land des Lächelns - eine Reverenz an seine Anfänge hier in Wien an der Volksoper 1997? - konnte der Tenor mit dem baritonalen Timbre ein letztes Mal sein enormes dynamisches Spektrum demonstrieren, so wie zuvor etwa im Lied Le manoir de Rosamunde des Präimpressionisten und Flauscheweich-Romantikers Henri Duparc oder bei Richard Strauss' Befreit.

Denn der (physisch etwas steife) Liedsänger Kaufmann hat für den geneigten Zuhörer sowohl den Helden mit geradlinig-kraftvoller Attacke parat als auch das sanft-säuselnde Sensibelchen; der aus lyrischen Gefilden ins Heldenfach avancierte Opernstar ändert Charaktere und Posen so behände, wie er in seinem weichgängigen Stimmverhalten Kopf- und Bruststimme mischt und wechselt. Und auch mit komödiantischem Talent weiß er zu unterhalten (Strauss' Schlechtes Wetter).

Bei dem Streifzug durch spätromantisches Liedgut (Rosinen aus dem Schaffen Liszts, Duparcs und Strauss' plus Mahlers Rückert-Lieder) war Helmut Deutsch ein getreuer, makelloser Diener seines ehemaligen Schülers. Lied, das Schwierigste, wirkt bei Kaufmann fast einfach. Und das ist auf jeden Fall ein Kunststück. (Stefan Ender, DER STANDARD/Printausgabe 15.2.2012)

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Cäcilie

Es gibt ja auch Kritiker (die ich sonst sehr schätze), die sogar die herrliche Aufnahme dieses Liedes, dessen Schluss- H ("du lebtest mit mir!") viele reine Liedersänger überfordert, von Jussi Björling nicht goutieren. Ich wiederum sehe diese Interpretation im Olymp angesiedelt. Also: De gustibus...

Fünf Zugaben?

Waren wir da im selben Konzert?
Und überhaupt: wieso bemüht Herr Ender die Formulierung "sanft-säuselnde[s] Sensibelchen"? Sowas wäre bei Koll. Pregardien wohl eher angebracht, der sich um jeden Ton oberhalb des Notensystems herumschummelt - oder wie ein Gesangsstudent klingt (http://www.youtube.com/watch?v=1... u4FMmhsUk) - oder infach transponiert (http://www.youtube.com/watch?v=m... FRDaK3GQ).
Kaufmann hingegen versteht es, sich unglaublich zurückzunehmen ("Morgen", wo sich sogar die Lungenkranken erstaunlich zurückhielten) und gleich darauf den dicken Opernpinsel zu schwingen ("Cäcilie"). Das macht ihm derzeit kein halbes Dutzend gleich, selbst wenn man alle Stimmgattungen miteinbezieht.

es waren tatsächlich 5 zugaben; wenn sie mir keinen glauben schenken, dann bitte auf der homepage des musikvereins nachlesen. im konzert von pregardien war ich meiner erinnerung nach nicht. und das "sanft säuselnde sensibelchen" war tatsächlich nicht negativ gemeint.

Ooops.

Ich hab bislang noch nicht wahrgenommen, dass es einen Stefan und einen Daniel Ender gibt, die im Standard schreiben. Mea culpa - und danke für den Hinweis.
Re: Zugaben - der Punkt geh an Sie. "Breit über mein Haupt" hatte ich nicht mitgezählt.
Das mit dem "säuselnden Sensibelchen" kann ich nur zur Kenntnis nehmen.
Aber schön war's in jedem Fall ;-)

also

kaufmann mit pregardien zu vergleichen ist schon ein starkes stück - erstens haben die vielleicht 5 % repertoirüberlappung - zweitens sind sie verschiedene generationen

und überhaupt ist pregardien einer der weltbesten liedsänger überhaupt, vorallem bei schubert interpretationen hat er massstäbe gesetzt

Das kam nur deshalb zustande,

weil Ender auch die Kritik zu Pregardien geschrieben hat - und er da wesentlich eindeutiger war.

Bitte den Fan etwas zurücknehmen

Ich mag den Kaufmann wirklich - aber als Liedsänger rangiert er mindestens eine Stufe unter dem Pregardien (und einem halben Dutzend weiterer Tenöre).

Lieder singt man nicht "mit dem dicken Opernpinsel" - nicht einmal Strauss. Ok, im dafür nur mäßig geeigneten Rahmen (großer Saal im MV, KH oder gleich der Staatsoper) vielleicht schon - aber das ist halt nur mehr bedingt Liedgesang.

Und Pregardiens Liederabend im Konzerthaus (Jänner) gehörte mit zum Besten des Genres. Sowohl programmatisch als auch gestalterisch.

Zeitgleich sang übrigens Nina Stemme einen hervorragenden Liederabend im Konzerthaus - unter anderem mit den Wesendonck-Liedern und großartig gestalteten Weill-Songs.

Zeitgleich

Bei welchem der 2 Liederabende waren Sie also?

Na, raten Sie mal....

Deshalb hab ich ja auch beim Kaufmann nichts konkretes zum Liederabend geschrieben. Aber ich weiß, wie er Lieder singt - und das finde ich stilistisch mitunter etwas fragwürdig. Und Pregardien gehört nun mal anerkannterweise zu den herausragenden Liedinterpreten (nicht nur) der letzten 20 Jahre.

Und aus Enders Text und der Reaktion des Emanzerich ergibt sich halt, dass Kaufmann stilistisch so singt, wie in den letzten 2-3 Jahren.

Klar - de gustibus non disputandum!

Aber dass Strauss bei "Cäcilie" nicht klingen sollte wie ein Schubert-Lied, könnte vielleicht außer Streit stehen.
Ich kenne Pregardien seit 25 Jahren, und er kann einiges ganz wunderbar und zum Niederknien schön singen. Aber warum Max?
Und: weil dies schon angemerkt wurde - freilich vergleiche ich nicht grundsätzlich Kaufmann und Pregardien, sondern kritisiere Herrn Enders Vokabular in der Beschreibung dieser beiden Sängerpersönlichkeiten.

Bei der Cäcilie - keine Diskussion. Die soll nicht klingen, wie Schubert - muss aber (für mich) auch nicht klingen wie ein Apollo oder Bachus.

Zum "Max" - warum? Nun, vermutlich weil die Arie (so wie der Lenski) thematisch wunderbar gepasst hat. Und in der Klavierversion kein ernsthaftes Problem darstellt. In der Staatsoper will ich ihn damit auch nicht hören.
Aber generell halte ich das "Runtertrimmen" von Arien zu Liedern für weniger problematisch als das arienartige "Aufblasen" eines Liedes. Kann man aber diskutieren.

Im Übrigen tun Sie dem Ender unrecht: das "Sensibelchen" war als Kompliment gedacht für seine Variationsfähigkeit. Und so legt er ja auch seinen Don Jose im ersten Teil der "Carmen" an.

Mir geht's ähnlich - allerdings in umgekehrter Richtung ;-)

Um das "säuselnde Sensibelchen" als Kompliment zu lesen, muss ich schon meine semantische und hermeneutische Kreativität ans Werk lassen, um dem zu folgen. Ich komme da nicht umhin, verklausuliertes "non placet" zu hören, wo es doch eigentlich um ein Piano geht. Wenn dies als "säuseln" bezeichnet wird, klingt das mE wenig schmeichelhaft ...
Ad Max: ich hab den Januar-Liederabend von Pregardien nicht gehört, aber was dazu auf Youtube zu hören ist, finde ich nicht so erbaulich, dass das Programmatische dies wirklich rechtfertigen würde.
Nachsatz: ich bin mit K. Equiluz als Evangelist aufgewachsen. Müsste ich mich heute entscheiden, wäre mir einer von jenen, die das auch wirklich singen (ohne jetzt "name dropping" zu machen), allerdings lieber

war ein toller Abend mit einem bemerkenswerten Programm!

alle Kritiker, die meinen Julius Patzak hätte das eine oder andere "schöner gesungen" sind ein wenig lächerlich!
Liszt war etwas gewöhnungsbedürftig, ab dann großartig!

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