Der Startenor Jonas Kaufmann gastierte im Großen Musikvereinssaal
Wien - Er ist der Cover-Boy des Monats Februar der einschlägigen
Druckperiodika - sonnig lächelt Jonas Kaufmann vom Titelblatt des
Staatsopern-Prologs, düster blickt er von jenem des
Musikverein-Magazins. In der tiefkühltruhenkalten ersten Februarhälfte
hat der Münchner mit dem Latin-Lover-Charisma jedenfalls die Herzen
seiner Fans erwärmt, zuerst an der Staatsoper als Faust und nun mit
einem Liederabend im Großen Musikvereinssaal.
"Und ich geh' mit einer, die mich lieb hat, in den Frieden voll
Schönheit" , sang der 42-Jährige in seiner dritten Zugabe, in Strauss'
Freundliche Vision - manch eine Zuhörerin bezog es wohl einen
Sekundenbruchteil sehnsuchtsvoll auf sich, wie auch das fünfte und
letzte Encore Kaufmanns, Dein ist mein ganzes Herz. Beim
Stimmungsaufheller aus Lehárs Land des Lächelns - eine Reverenz an seine
Anfänge hier in Wien an der Volksoper 1997? - konnte der Tenor mit dem
baritonalen Timbre ein letztes Mal sein enormes dynamisches Spektrum
demonstrieren, so wie zuvor etwa im Lied Le manoir de Rosamunde des
Präimpressionisten und Flauscheweich-Romantikers Henri Duparc oder bei
Richard Strauss' Befreit.
Denn der (physisch etwas steife) Liedsänger Kaufmann hat für den
geneigten Zuhörer sowohl den Helden mit geradlinig-kraftvoller Attacke
parat als auch das sanft-säuselnde Sensibelchen; der aus lyrischen
Gefilden ins Heldenfach avancierte Opernstar ändert Charaktere und Posen
so behände, wie er in seinem weichgängigen Stimmverhalten Kopf- und
Bruststimme mischt und wechselt. Und auch mit komödiantischem Talent
weiß er zu unterhalten (Strauss' Schlechtes Wetter).
Bei dem Streifzug durch spätromantisches Liedgut (Rosinen aus dem
Schaffen Liszts, Duparcs und Strauss' plus Mahlers Rückert-Lieder) war
Helmut Deutsch ein getreuer, makelloser Diener seines ehemaligen
Schülers. Lied, das Schwierigste, wirkt bei Kaufmann fast einfach. Und
das ist auf jeden Fall ein Kunststück. (Stefan Ender, DER STANDARD/Printausgabe 15.2.2012)