Spektakuläres "Panorama" zum Achtziger

14. Februar 2012, 16:36
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Gerhard-Richter-Schau in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Als der Maler Gerhard Richter am vergangenen Freitag die Ausstellung Panorama in der Berliner Neuen Nationalgalerie eröffnete, war der Trubel so groß, dass man beinahe auch einen roten Teppich hätte auslegen können - wie bei der Berlinale, die gerade gleich nebenan stattfindet. Einen Tag nach seinem 80. Geburtstag gab Richter so die Gelegenheit zu einem interessanten Vergleich der Felder, denn in der Kunst ist er mindestens so sehr ein Star, wie es zum Beispiel Angelina Jolie im Kino ist. Die gut 140 Bilder und ein paar Skulpturen aus allen Schaffensphasen lassen noch einmal deutlich werden, warum das so ist.

Mit seiner Methode, das Malen durch die Fotografie hindurch gehen zu lassen, hat Richter einen Weg über die Abstraktionen des 19. und 20. Jahrhunderts hinaus gefunden. Im Grunde müsste man in diesen Tagen zuerst nach Dresden fahren, wo sein Atlas ausgestellt ist, eine riesige Sammlung von Fotografien aus allen möglichen Kontexten, auf der viele seiner wichtigen Gemälde beruhen.

In Panorama lässt sich ersehen, mit welchem taktischen Geschick Richter schon früh neuralgische Punkte besetzte: 1963, kurz nach seiner Flucht aus der DDR, malte er Neger (Nuba) auf Grundlage eines Illustriertenbilds, das für den neuen Exotismus der westlichen Konsumgesellschaften steht. Sein Bild wirkt heute, als hätte er Leni Riefenstahl dekonstruieren wollen, ehe diese noch richtig begann, die afrikanischen Körper zum Gegenstand ihrer problematischen Idealisierung zu machen.

Richters handwerkliche Kompetenz zeigt sich wiederum stärker in seinen Bildern, die ins Abstrakte tendieren - die Mondlandschaften oder seine Wolkenbilder.

Mit einer schlichten Architekturidee haben die Ausstellungsmacher Mies van der Rohes offenen Glasraum strukturiert, indem sie die Schau begrenzende Wände einzogen. Entlang deren Außenseite läuft über 200 Meter Richters Version I seiner 4900 Farben: Farbquadrate in immer neuen, geometrischen Anordnungen.

Die eigentliche Pointe der Ausstellung aber bilden die Glasscheiben, die in der Längsachse den Raum zweiteilen. Durch diese verstellbaren Scheiben, die zugleich abstrakte Malerei und konzeptuelle Kunst sind, lassen sich die verschiedenen Werkphasen von Richter übereinander abbilden: Nicht in Form eines Spiegelkabinetts, wie es durchaus auch naheliegen könnte, sondern in einer beständigen Reflexion auf die (eigene und vorgegebene) Kunstgeschichte.

Dazu gehört auch ein so klassizistisches Bild wie Die Lesende. Vor diesem nicht allzu großen Gemälde bilden sich erfahrungsgemäß die größten Trauben in Panorama. Bewusst hat Richter hier den Vermeer-Faktor evoziert und so seine Fans auch dafür entschädigt, dass er auf seine wohl berühmtesten Bilder verzichtet hat: Der RAF-Zyklus war schon 2004 im Rahmen der Großausstellung Moma in Berlin zu sehen und wäre jetzt wohl ein wenig redundant erschienen.

Doch nun gibt es andere Attraktionen bei diesem Großkünstler zu entdecken, der so geschickt die Bedingungen der Moderne neu ausgehandelt hat. (Bert Rebhandl aus Berlin, DER STANDARD/Printausgabe 15.2.2012)

Neue Nationalgalerie bis 13. 5.

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    Gerhard Richter: Deutschlands teuerster und scheuester Künstler.

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    In seinem "Gestell mit 6 Scheiben" spiegeln sich seine Kunst und deren Betrachter.

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