Routen aus Öl und Wasser

14. Februar 2012, 17:08
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Das Lentos zeigt im Untergeschoß vier exemplarische Arbeiten der Schweizer Videokünstlerin Ursula Biemann - Im Zentrum Globalisierung, Migration und Raumpolitiken

Linz - Die 1955 in der Schweiz geborene Ursula Biemann forscht und arbeitet in einem mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum etablierten künstlerisch-wissenschaftlichen Feld. Sie führt Interviews, dokumentiert und inszeniert, zeigt die Nebenschauplätze jener sich permanent reproduzierenden Bilder, mit denen Massenmedien operieren. Es sind weder Dramen noch Skandalbilder von geretteten Flüchtlingen in einer Opferrolle, vielmehr nimmt Biemann Flüchtlinge und Bewohner der von Migration oder Klimawandel betroffenen Länder als handelnde, erzählende Akteure innerhalb einer global-wirtschaftlichen Realität wahr.

Sie betreibe wohl eine Art "Videogeografie", so Biemann, wobei sie Geografie nicht als abgesteckten Raum, sondern als Beziehungsraum verstehe. In Sahara Chronicle etwa spricht ein Exrebellenführer der Tuareg von der Logistik der Migrationsbewegungen. In diesem multimedialen Forschungsprojekt werden auch die permanenten Verschiebungen der Grenzen und Räume innerhalb Subsahara-Afrikas verdeutlicht.

Räumliche Erfahrung

Nachdem sich nordafrikanische Länder mittlerweile als Kooperationspartner hervortäten, wenn es um das Zurückhalten von Flüchtlingsströmen gehe, könnten die Grenzgebiete, in denen Migration beginnt, nicht mehr exakt festgemacht werden, so die Künstlerin. Migration sei zudem eine räumliche Erfahrung, man müsse deshalb von Raumpolitiken sprechen und diese dahingehend untersuchen. Die Serie Sahara Panels basiert auf dokumentarischen Fotos der marokkanischen Gendarmerie, die sie auf ihren Überwachungsflügen durch die Westsahara aufgenommen haben.

Es sind oft Menschen, die niemals zuvor ein Meer gesehen haben, die hierherkommen. Des Nachts bauen sie Boote, um damit frühmorgens ihre Flucht zu versuchen, Boote, die, sobald sie entdeckt werden, von der Gendarmerie verbrannt werden - Informationen, die sich in kurzen Texten als Biemanns Rechercheergebnisse auf den Tafeln finden.

Für Black Sea Files untersucht Biemann das älteste Ölfördergebiet der Welt. Eine Pipeline führt seit kurzem quer durch den Kaukasus und pumpt Rohöl in den Westen. Wieder sind es Nebenschauplätze, denen die Aufmerksamkeit gilt: Interviews mit einigen der 20.000 Bauern, die ihr Land aufgeben mussten, oder mit Prostituierten, die sich entlang der Pipeline ihr Geld verdienen. Die Ausstellungsarchitektur hält sich strikt an Biemanns Herangehensweise als forschende, respektvolle, sich nicht aufdrängende Dokumentaristin und schafft für die Besucher Beobachtungsposten.

Eine hochpolitische Ausstellung, die das Museum zu einem ebensolchen Raum macht, in dem sich Betrachter ihrer Bereitschaft stellen müssen, Kunst als legitime Intervention in Sachen Politik anzuerkennen, ohne dass diese deshalb ihre Kunstqualität verliert. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD/Printausgabe 15.2.2012)

  • In der Multi-Kanal-Videoinstallation  "Embankment" (2011) beschäftigt 
sich Ursula Biemann  mit einem kommunalen Deichbauprojekt in Bangladesch. 
    foto: biemann

    In der Multi-Kanal-Videoinstallation "Embankment" (2011) beschäftigt sich Ursula Biemann mit einem kommunalen Deichbauprojekt in Bangladesch. 

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