Vatermörder Illigen: "Mein Ich war leer und ich stand vor dem Nichts"

Interview15. Februar 2012, 10:07
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Der Autor über paranoide Schizophrenie als Grund für die Bluttat, weiße Räume ohne Geräusche und Internet-Trolle

Er habe sich nicht in die Auslage stellen wollen, sagt Mathias Illigen, der vor vier Jahren in Vorarlberg seinen Vater mit einem Bügeleisen erschlagen hat und deshalb wegen Mordes verurteilt wurde. "Ich will die Menschen für das Thema psychische Erkrankungen sensibilisieren. Ich bin mir sicher, dass es irgendjemanden geben wird, der aufgrund dieses Buches bereit ist, sich selbst Defizite und Fehler einzugestehen."


Aufgrund der Diagnose "paranoide Schizophrenie" wurde der heute 34-Jährige für die Tat als zurechnungs- und schuldunfähig erklärt. Die Strafe: Maßnahmenvollzug in der Psychiatrie. "Es hat gedauert, bis ich die Realität annehmen konnte", sagt er heute. In seinem Buch "Ich oder Ich" (edition a) beschreibt er auch die intensive Bewältigung der Krankheit: "Wenn das Ich total zerbröselt, ist nichts mehr da, woran man sich festhalten kann, und man kann es wieder neu aufbauen." Im September 2010 wurde er entlassen und wohnt seitdem in Wien. Zehn Jahre verpflichtende Psychopharmaka-Einnahme ist eine der Bedingungen.

derStandard.at: Haben Sie mit dem großen Medieninteresse an Ihrer Person gerechnet?

Mathias Illigen: Ich habe erwartet, dass es ein gewisses Interesse geben kann, aber mit so einem riesigen Interesse habe ich nicht gerechnet. Ich habe das Buch geschrieben, weil ich ein gutes Buch schreiben und meine Geschichte erzählen wollte. Darum geht es mir. Die Diskussionen, die sich jetzt daraus ergeben, finde ich teilweise etwas eigenartig. Als ich entlasse wurde, hat das niemanden interessiert. Das fand niemand auffällig. Und jetzt merke ich, dass auch das die Menschen beschäftigt.

derStandard.at: Mit Ihrem Buch haben Sie die Diskussion aber sehr wohl "angeheizt". Es hätte ansonsten wahrscheinlich niemand mitbekommen, dass Sie entlassen wurden.

Illigen: Ja, das ist schon klar, dass rundherum Geschichten entstehen. Das sehe ich mittlerweile aber gelassen. Ich finde es nur schade, dass das Buch nicht zum Anlass genommen wird, um über psychische Erkrankungen oder die Psychiatrie zu diskutieren. Das wäre mein Ziel gewesen und wäre auch wünschenswerter.

derStandard.at: Welche Diskussion hätten Sie sich konkret gewünscht?

Illigen: Ich wollte das Tabuthema psychische Erkrankungen lüften. Ich bin der Ansicht, dass psychische Erkrankungen zunehmen. Sie beeinträchtigen immer mehr den Alltag der Gesellschaft und sind kein Minderheitenprogramm, sondern ein Massenphänomen, das man in jeder Gesellschaftsgruppe findet. Von einer Sensibilisierung diesen Krankheiten gegenüber würden alle Menschen profitieren.

derStandard.at: Sie schreiben im Buch, dass das Medieninteresse während des Prozesses so etwas wie eine gerechte Strafe für Sie gewesen sei. Dass Sie es verdient hätten, als Monster dargestellt zu werden.

Illigen: Gerechte Strafe ist wohl das falsche Wort, da Strafe nicht mein Thema ist. Ich habe den Medien die Berichterstattung damals nicht übel genommen. Was hätten sie denn anderes machen sollen? Jetzt fühle ich mich von den Medien nicht mehr als Monster dargestellt. Ich fühle mich sehr kritisch dargestellt, das bringt allerdings das Thema mit sich und ist auch legitim. Man darf da nicht eitel und gekränkt sein.

derStandard.at: Es gibt auch im derStandard.at-Forum User, die das Gefühl haben, dass Sie bemitleidet werden wollen und sich selbst als Opfer darstellen.

Illigen: Ich glaube nicht, dass viele Menschen Mitleid mit mir haben, und habe auch kein Interesse daran. Vermutungen darf man äußern. In einem Forum kann jeder schreiben, was er will. Mehr ist es aber auch nicht. Internetforen sind prinzipiell voller Trolle, die nichts anderes als Trolling machen. Ich glaube nicht, dass die Kritik gegen mich persönlich gerichtet ist. Diese Äußerungen sind zu einem Teil medienkritisch. Einige Menschen fragen sich sicher, warum man mir eine Plattform gibt. Ich habe persönlich niemanden um ein Interview gebeten. Ich habe mich nicht selbst in die Auslage gestellt, das haben andere gemacht.

derStandard.at: Wie war der Moment, als Ihnen der psychotische Grund für den Mord an Ihrem Vater abhandengekommen ist?

Illigen: Schrecklich. Leere ist ein gutes Wort dafür. Es hat gedauert, bis ich die Realität annehmen konnte. Das ist ein Prozess des Erwachens. Bei mir war die totale Reizabschaltung in der Psychiatrie extrem wichtig. Zwei Wochen in einem weißen Raum ohne Geräusch und ohne Wahrnehmung haben bedeutet, dass ich keine Zeichen mehr interpretieren konnte. Während der Psychose sah ich diese überall. Es gibt aber die These, dass Menschen erst recht Psychose bekommen, wenn man sie in einen weißen Raum sperrt. Bei mir war das allerdings effektiv.

Der entscheidende Punkt war, dass ich nach drei Monaten dachte, dass ich gar nicht psychotisch war, dass nur die Ärzte meinen, dass ich paranoid schizophren bin. Dann habe ich versucht, die Stimme, die ich nicht mehr hörte, wieder zu hören. Es ist mir nicht gelungen. Da habe ich gemerkt, dass ich keine Kontrolle darüber hatte. Realität zeichnet sich aber dadurch aus, dass man Kontrolle über sie hat. Die Einsicht ist katastrophal. Ich hatte überhaupt kein Vertrauen mehr in mich selbst. Mein Ich war leer und ich stand vor dem Nichts. Dann musste ich mir das wieder aufbauen. Und das war die Genesung.

derStandard.at: Wie gehen Sie mittlerweile mit der Schuld um, die mit Ihrer Tat verbunden ist?

Illigen: Das ist kein neues Thema. Das beschäftigt mich seit Jahren und ist ein Entwicklungsprozess. Es gibt verschiedene Phasen und Zustände. Ich habe während der Arbeit an diesem Buch aber immer stärker das Gefühl gehabt, dass ich die Schuld in etwas Produktives umwandle. Ein Effekt des Buches soll sein, dass ich die Menschen für das Thema psychische Erkrankungen sensibilisiere. Ich bin mir sicher, dass es irgendjemanden geben wird, der aufgrund dieses Buches bereit ist, sich selbst Defizite und Fehler einzugestehen. Er wird darauf reagieren, wenn jemand zu ihm sagt, dass er wirres Zeug redet oder denkt, und vielleicht merken, dass er depressiv oder psychotisch ist. Wenn ich das bei einem erreiche, bin ich zufrieden.

derStandard.at: Hätte man Ihnen während Ihrer psychotischen Phasen helfen können?

Illigen: Ja. Durch psychiatrische Behandlung. Von selber bin ich da aber nicht rausgekommen. Das lag auch an mir, weil ich mit dem Thema psychiatrische Erkrankungen davor nicht konfrontiert war und mich damit nicht beschäftigt habe. Ich war der Meinung, dass es mich nicht treffen kann. Wenn ich davor bereits ein Bewusstsein gehabt hätte, dass es auch mich treffen kann, hätte ich mir vielleicht helfen lassen.

derStandard.at: Wie erklären Sie sich, dass Ihre Genesung so schnell vonstattenging?

Illigen: Erstens liegt es daran, dass meine Psychose so intensiv und allumfassend war. Wenn eine Psychose so intensiv ist, dass sie keine Grenzen mehr kennt, sind die Heilungschancen am größten. Wenn das Ich total zerbröselt, ist nichts mehr da, woran man sich festhalten kann, und man kann es wieder neu aufbauen. Wenn man nur einen gewissen Level erreicht, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Psychose chronisch wird, viel größer. Dann sind noch immer ein Stückchen Realität und Kontrolle da.

Zweitens liegt es auch an mir selber: an meinen Vorbedingungen, der Art, wie ich erkrankt bin und wie ich an mir gearbeitet habe. Auch die Psychopharmaka und Ärzte, die die Psychopharmaka angewendet, gewechselt und eingestellt haben, haben ihren Teil dazu beigetragen.

Drittens werden die Menschen aus dem Maßnahmenvollzug nachhaltig stabilisierter entlassen als aus einer Drehtürpsychiatrie. Die Therapie ist dermaßen intensiv und mit großem Druck verbunden, dass es keinen Ausweg gibt. In der Anstalt, in der ich war, hat ein Einziger von 20 Leuten einen psychotischen Rückfall bekommen. Das ist in einer offenen Psychiatrie definitiv anders.

derStandard.at: Würden Sie sich als geheilt bezeichnen?

Illigen: Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Ich höre ständig von meinen behandelnden Ärzten, dass man gar nicht geheilt werden kann. Aber wenn man mich erlebt, ohne dass man von mir in der Zeitung gelesen hat, kommt man nicht auf die Idee, dass ich schizophren sein könnte. Mein psychischer Zustand ist so, dass er sich von einem gesunden Menschen nicht unterscheidet. Wahrscheinlich träume ich nur ein wenig heftiger.

Ich habe keine Angst, dass ich wieder rückfällig werde. Dazu ist es zu lange her und dazu ist die Behandlung zu intensiv. Es hätte im Maßnahmenvollzug genügend Gründe gegeben, wieder psychotisch zu werden. Durch die ganzen Kontrollen und die Überwachung. Wenn man sich verfolgt fühlt und dann in Räumen ist, die von Kameras überwacht werden, kann man schon auf den Gedanken kommen, dass das im Fernsehen übertragen wird.

derStandard.at: Was sind die Auflagen für Ihre Entlassung gewesen?

Illigen: Ich habe eine Weisung, dass ich die Psychopharmaka nehmen muss. Diese Weisung geht über insgesamt zehn Jahre. Also noch acht Jahre. So lange muss ich es hundertprozentig nehmen. Unabhängig von meinem Gesundheitszustand oder wie ich mich fühle und entwickle. Zusätzlich muss ich eine Psychotherapie machen und habe einen Bewährungshelfer. Was dann ist, wird man sehen. Entweder wird die Weisung verlängert, aufgehoben oder abgeändert. Das ist so weit entfernt. Darüber mache ich mir keine Gedanken. (Bianca Blei, derStandard.at, 15.2.2012)

  • Mathias Illigen: "Ich habe keine Angst, dass ich wieder rückfällig werde."
    foto: derstandard.at/blei

    Mathias Illigen: "Ich habe keine Angst, dass ich wieder rückfällig werde."

  • Mathias Illigen: Ich oder Ich. Die wahre Geschichte eines Mannes, der seinen Vater getötet hat, Edition a, 2012.

    Mathias Illigen: Ich oder Ich. Die wahre Geschichte eines Mannes, der seinen Vater getötet hat, Edition a, 2012.

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