Ungarherz wird schwer verstanden

14. Februar 2012, 06:15
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Ernste und weniger ernste Hilfestellung bei der Ergründung des magyarischen Wesens

Wie Erde bissel trocken war,
Hat angefangt zu reiten
Held Attila mit Hunnenschar,
Um Kultur zu verbreiten.

Erst hat gegründet Ungarland,
Dann Rom, Athen és Kréta,
Und alle Menschen, was bekannt,
Sind nachgekommen späta.

Niemand käme auf die Idee, Viktor Orbán mit dem Hunnenkönig zu vergleichen. Und doch liefert Peter Hammerschlag mit seiner legendären, liebevoll-ironischen Ungarischen Schöpfungsgeschichte einen Schlüssel zum Verständnis des singulären magyarischen Wesens, das in Ideologie und Rhetorik des amtierenden Premiers in Budapest die zentrale Rolle spielt.

Die Vorstellung von der Einzigartigkeit Ungarns ist eine historische Konstante der magyarischen Identität. Daraus leitet sich ein starkes Sendungsbewusstsein ab. Wird dieses von der Umwelt nicht ausreichend gewürdigt, kann es in ein vereinsamendes Gefühl des Unverstandenseins umschlagen - oder in Trotzhaltung.

Das ist eine mögliche - und sicher vereinfachende - Deutung der Politik Orbáns seit seinem fulminanten Wahlsieg vor knapp zwei Jahren und, mehr noch, seiner Reaktion auf die Kritik aus der Europäischen Union. Wie es scheint, hat sich der Premier mit seinem nationalistischen Kurs in eine Ecke manövriert, aus der er nicht so leicht wieder herauskommt. Von außen steht er unter dem Druck der EU und des Internationalen Währungsfonds, zu Hause nehmen ihn Jobbik-Rechtsextremisten, Leidtragende der Wirtschaftskrise und Kritiker seiner Machtpolitik in die Zange. Diplomaten, die Orbáns Politik imAusland verteidigen müssen, sprechen offen von "gewaltigem Druck" , unter dem sie stehen.

Warum steht Ungarn da, wo es heute steht? Was treibt Orbán an, was erklärt den Wahltriumph seiner Fidesz-Partei (den er übrigens laut Umfragen heute nicht mehr wiederholen könnte)? Wer tiefer schürfen will, wird in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Osteuropa auf höchst erhellende Weise fündig. Sie enthält mehr als 30 Beiträge renommierter, mehrheitlich ungarischer Autorinnen und Autoren zur Politik, Wirtschaft, Kultur und Geschichte, dazu Karten- und Illustrationsmaterial.

Differenziert fallen die Analysen zur neuen Verfassung aus, die seit Jahresbeginn in Kraft ist. Für den Historiker Joachim von Puttkamer überwiegen die bedenklichen Aspekte, vor allem wegen der quasi verordneten Geschichtsdeutung. Herbert Küpper, Experte für Ostrecht, sieht das Grundgesetz insgesamt "im Rahmen dessen, was in der EU akzeptabel ist" . Jedoch biete es "Ansatzpunkte, die es einer illiberalen Mehrheit ermöglichen, die Rechtsstaatlichkeit zu beschneiden" .

"Nicht das von Orbán umworbene China wird dem Land helfen. Ungarns Zukunft liegt in Europa" , schreiben die Herausgeber Manfred Sapper und Volker Weichsel. Das führt zur letzten Strophe von Hammerschlags Epos:

Ungarherz muss vieles leiden, Steht in Hintergrund bescheiden,
Aber zupft sich kleines Lied auf Zither:
EXTRA HUNGARIAM NON ESCHT VITA!

Dass außerhalb Ungarns kein Leben existiert, weil eben Ungarn die Welt ist, würde selbst ein Orbán nicht behaupten (wie auch Bescheidenheit nicht zu seinen hervorstechendsten Merkmalen zählt). Und dass das Leben in Ungarn allein unter Berufung auf die Einzigartigkeit des Magyarentums wieder besser werden kann, vielleicht mit Hilfe aus weiter Ferne, wird er, entgegen seiner Rhetorik, auch nicht ernsthaft glauben.

Die neue Verfassung beschwört Ungarns Größe unter Berufung auf den Heiligen Stephan, der "den ungarischen Staat vor tausend Jahren auf festen Fundamenten errichtete und zu einem Bestandteil des christlichen Europas machte" . Nicht zitiert wird in der Verfassung eines der berühmtesten Worte des Staatsgründers: "Denn ein Königreich von einer Sprache und einer Sitte ist schwach und brüchig." (Josef Kirchengast/DER STANDARD, Printausgabe, 14.2.2012)

Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.): "Quo vadis, Hungaria? Kritik der ungarischen Vernunft" (=Osteuropa 12/2011). 432 Seiten, 29 Karten, 55 Abb., 24,– Euro, Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2011

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