Gerhard-Richter-Schau in der Neuen Nationalgalerie Berlin
Als der Maler Gerhard Richter am vergangenen Freitag die Ausstellung
Panorama in der Berliner Neuen Nationalgalerie eröffnete, war der Trubel
so groß, dass man beinahe auch einen roten Teppich hätte auslegen können - wie
bei der Berlinale, die gerade gleich nebenan stattfindet. Einen Tag nach seinem
80. Geburtstag gab Richter so die Gelegenheit zu einem interessanten Vergleich
der Felder, denn in der Kunst ist er mindestens so sehr ein Star, wie es zum
Beispiel Angelina Jolie im Kino ist. Die gut 140 Bilder und ein paar Skulpturen
aus allen Schaffensphasen lassen noch einmal deutlich werden, warum das so ist.
Mit seiner Methode, das Malen durch die Fotografie hindurch gehen zu lassen,
hat Richter einen Weg über die Abstraktionen des 19. und 20. Jahrhunderts hinaus
gefunden. Im Grunde müsste man in diesen Tagen zuerst nach Dresden fahren, wo
sein Atlas ausgestellt ist, eine riesige Sammlung von Fotografien aus
allen möglichen Kontexten, auf der viele seiner wichtigen Gemälde beruhen.
In Panorama lässt sich ersehen, mit welchem taktischen Geschick
Richter schon früh neuralgische Punkte besetzte: 1963, kurz nach seiner Flucht
aus der DDR, malte er Neger (Nuba) auf Grundlage eines
Illustriertenbilds, das für den neuen Exotismus der westlichen
Konsumgesellschaften steht. Sein Bild wirkt heute, als hätte er Leni Riefenstahl
dekonstruieren wollen, ehe diese noch richtig begann, die afrikanischen Körper
zum Gegenstand ihrer problematischen Idealisierung zu machen.
Richters handwerkliche Kompetenz zeigt sich wiederum stärker in seinen
Bildern, die ins Abstrakte tendieren - die Mondlandschaften oder seine
Wolkenbilder.
Mit einer schlichten Architekturidee haben die Ausstellungsmacher Mies van
der Rohes offenen Glasraum strukturiert, indem sie die Schau begrenzende Wände
einzogen. Entlang deren Außenseite läuft über 200 Meter Richters Version
I seiner 4900 Farben: Farbquadrate in immer neuen, geometrischen
Anordnungen.
Die eigentliche Pointe der Ausstellung aber bilden die Glasscheiben, die in
der Längsachse den Raum zweiteilen. Durch diese verstellbaren Scheiben, die
zugleich abstrakte Malerei und konzeptuelle Kunst sind, lassen sich die
verschiedenen Werkphasen von Richter übereinander abbilden: Nicht in Form eines
Spiegelkabinetts, wie es durchaus auch naheliegen könnte, sondern in einer
beständigen Reflexion auf die (eigene und vorgegebene) Kunstgeschichte.
Dazu gehört auch ein so klassizistisches Bild wie Die Lesende. Vor
diesem nicht allzu großen Gemälde bilden sich erfahrungsgemäß die größten
Trauben in Panorama. Bewusst hat Richter hier den Vermeer-Faktor evoziert
und so seine Fans auch dafür entschädigt, dass er auf seine wohl berühmtesten
Bilder verzichtet hat: Der RAF-Zyklus war schon 2004 im Rahmen der
Großausstellung Moma in Berlin zu sehen und wäre jetzt wohl ein wenig
redundant erschienen.
Doch nun gibt es andere Attraktionen bei diesem Großkünstler zu entdecken,
der so geschickt die Bedingungen der Moderne neu ausgehandelt hat. (Bert Rebhandl, DER STANDARD - Printausgabe, 14. Februar 2012)
Neue Nationalgalerie bis 13. 5.