Nach der Rebellion hofft Duisburg auf einen Neuanfang

13. Februar 2012, 17:48
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Volk jagt Stadtchef wegen Loveparade-Katastrophe aus dem Amt – Nachfolger soll Gräben überwinden

Die letzten Worte, die der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) am Montag zu seinem Volk sprach, waren nicht unpathetisch: "Gott schütze die Stadt Duisburg!" Dann ging er Kisten packen, morgen, Mittwoch, muss er sein Büro räumen.

Überraschend deutlich war Sauerland am Sonntag abgewählt worden - nicht im Stadtparlament, sondern von den Duisburgern selbst. Für die Abwahl wären 25 Prozent der Stimmen aller 365.000 Wahlberechtigten nötig gewesen, also 91.250. Gegen einen Verbleib des 56-Jährigen im Amt sprachen sich beim ersten Bürgerentscheid dieser Art in Nordrhein-Westfalen allerdings knapp 130.000 Bürger aus. Für Sauerland stimmten nur 21.500.

Der CDU-Politiker bekam damit die Quittung für sein vielkritisiertes Verhalten nach der Loveparade-Katastrophe vom 24. Juli 2010. Damals waren bei einer Massenpanik im Gedränge 21 Menschen ums Leben gekommen und 500 zum Teil schwer verletzt worden.

Sauerland weigerte sich, die politische Verantwortung zu übernehmen und zurückzutreten. Er zog sich auf den Standpunkt zurück: So lange gegen mich nicht ermittelt wird, bin ich frei von Schuld und trage nur ein Fünfundsiebzigstel der Verantwortung - genauso viel oder so wenig wie die anderen 74 Mitglieder des Stadtparlaments.

Bei den Hinterbliebenen der vielen Opfer entschuldigte er sich erst ein Jahr nach dem Unglück. Je mehr sich Sauerland an sein Amt klammerte, desto isolierter wurde er, desto lauter wurden Rücktrittsaufforderungen an ihn gerichtet.

Umso größer ist die Erleichterung nun in Duisburg. "Das macht die Toten nicht wieder lebendig, aber die Stadt hat sich ihre Würde zurückgekämpft" , sagt Theo Steegmann, Initiator der Bürgerinitiative "Neuanfang für Duisburg" . Diese hatte, unterstützt von SPD, Grünen, FDP und Gewerkschaften, die Abwahl Sauerlands initiiert, nachdem ein Versuch des Stadtparlaments, den Oberbürgermeister loszuwerden, im September 2010 an der Zweidrittelhürde gescheitert war.

Wahl binnen sechs Monaten

Auch Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) erklärt: "Das ist ein schöner Tag für die Demokratie. Endlich kann die Stadt wieder nach vorn blicken. Duisburg hat jetzt die Chance auf einen Neuanfang."

Binnen sechs Monaten muss ein Nachfolger Sauerlands gewählt werden, als wahrscheinlicher Wahltag gilt der 17. Juni. Die CDU, die im Duisburger Rathaus die stärkste Fraktion stellt, will auf die anderen Parteien zugehen und sich um einen Konsenskandidaten bemühen. "Wir sind zu konstruktiven Gesprächen bereit" , betont der CDU-Kreisvorsitzende Thomas Mahlberg. Zum Wohle der Stadt müsse man nun "Gräben zuschütten" .

Der Duisburger SPD-Geschäftsführer Jörg Lorenz ist ebenfalls für einen parteiübergreifenden Kandidaten offen: "Es ist wichtig, dass wir jetzt mit allen reden." Die SPD arbeitet im Duisburger Stadtrat seit Anfang 2011 mit den Linken und den Grünen zusammen. (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD, Printausgabe, 14.2.2012)

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