"Es war in den Himmel geschrieben"

13. Februar 2012, 17:29
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Sambias Fußballer haben in Gabun Historisches geleistet. Sie gewannen den Afrika-Cup genau dort, wo vor 19 Jahren die gesamte Nationalmannschaft bei einem Flugzeugabsturz starb

Libreville - Sie knieten an der Cornerfahne nieder zum Gebet und sangen die Triumphlieder ihrer toten Idole. Knapp 19 Jahre nachdem eine Flugzeugkatastrophe in Gabuns Hauptstadt Libreville die "goldene Generation" ihres Landes ausgelöscht hatte, feierten Sambias Fußballer wenige Kilometer von der Absturzstelle entfernt den Gewinn des Afrika-Cups, den größten Sieg in der Sportgeschichte der Nation.

"Das war ein Zeichen des Schicksals, es war in den Himmel geschrieben. Da war eine Kraft mit uns", sagte Trainer Herve Renard nach dem dramatischen 8:7-Sieg im Elfmeterschießen gegen den haushohen Favoriten Elfenbeinküste. Und als in Sambias Hauptstadt Lusaka die rauschende Siegesnacht begann, fiel der Franzose Renard seinem Verbandspräsidenten Kalusha Bwalya im "Stadion der Freundschaft" von Libreville um den Hals. Der Volksheld Bwalya, einer der besten Fußballer in der Geschichte des Landes und bei der Katastrophe am 27. April 1993 nur durch einen glücklichen Zufall nicht an Bord, schämte sich seiner Tränen nicht. "Ich will ihm diesen Titel widmen. Kalusha weiß besser als jeder andere, was dieser Titel bedeutet", sagte Renard.

Der 43-jährige Renard, der nach dem Ende seiner leidlich erfolgreichen Profi-Karriere als Putzmann arbeiten musste, ist der Architekt eines Erfolges, der als einer der emotionalsten in die Fußball-Annalen eingehen wird. Nicht nur wegen des tragischen geschichtlichen Hintergrunds. Sein Team der Namenlosen (im Sinne von international völlig unbekannt) dominierte das Turnier als funktionierende Einheit, die am Ende auch die scheinbar übermächtigen Ivorer mit deren Superstars Didier Drogba, Yaya Toure und Salomon Kalou in die Schranken wies. Niemand symbolisierte die Kluft, die sich zwischen den beiden Teams auftat, besser als Chris Katongo.

Nach seinem Abschied von Arminia Bielefeld im Jahr 2010 versuchte sich der 29-Jährige noch bei Skoda Xanthi in Griechenland, bevor er wenig später nach China zu Henan Jianye wechselte. Am Sonntagabend stemmte er als Kapitän den Pokal und schaute dabei etwas ungläubig drein, während seine Teamkollegen schon ein Spruchband zeigten, das ihnen die Fans gereicht hatten: "In Gedenken an 1993 - ihr spielt zu Hause." Wenige Meter daneben stand Joseph S. Blatter im Konfettiregen, und auch der Fifa-Boss war beeindruckt. "Dieser Sieg hat etwas Spezielles", sagte er.

Die Dramaturgie des Endspiels war der Größe des Ereignisses angemessen. Und es passte ins Bild, dass erneut das ivorische Idol Drogba zur tragischen Figur wurde. Der Stürmerstar von Chelsea vergab die größte Chance in der regulären Spielzeit, als er in der 70. Minute einen Strafstoß weit über das Tor fetzte. Nach 120 Minuten stand es 0:0. Nachdem zunächst 14 Spieler in Folge ihre Elfmeter versenkt hatten, vergaben drei weitere nacheinander. Den Fehlschuss des Arsenal-Legionärs Gervinho nutzte schließlich Stoppila Sunzu, ein Mittelfeldspieler vom kongolesischen Klub TP Mazembe, und bescherte den Sambiern bei der dritten Finalteilnahme den ersten Sieg.

Für die Elfenbeinküste, die schon 2006 gegen Ägypten im Penaltyschießen nach einem Fehlversuch von Drogba verloren hatte, war's ein Schock. Drogba und Co verharrten minutenlang regungslos auf dem Rasen. Trainer Francois Zahoui sprach von einer "gewaltigen Enttäuschung" und hielt eine simple Begründung parat: "Sambia hat rechtzeitig begonnen, an sich zu glauben. Das ist Fußball." (sid, red, DER STANDARD, Printausgabe, 14.2.2012)

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    Die Gebete der Spieler von Sambia wurden erhört. Und so schlugen sie den Favoriten Elfenbeinküste im Elferschießen.

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