Burg-Kasino

Unbewusst - höchster Frust

Ronald Pohl, 13. Februar 2012, 17:28
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    foto: apa/andreas pessenlehner

    Gesellschaft ohne Ausgang aus der Starre, aber prima eingedeckt mit echtem Opernbombast: Hege Gustava Tjonn und Ignaz Kirchner im Kasino am Schwarzenbergplatz.

Einen umständlichen Theater-Essay hat Regisseur Martin Wuttke aus einem Film von Luis Buñuel verfertigt

"Nach der Oper. Würgeengel" erstickt im Burg-Kasino in Bombast und falscher Bedeutsamkeit.

Wien - Edmundo Nóbile (Ignaz Kirchner), ein Herr mit strahlend weißem Kummerbund und bedrückend dunkler Onassis-Brille, ist der denkbar anstrengendste Gastgeber. Er hat eine Gesellschaft von Hochkulturschmocks in sein Haus im Kasino am Wiener Schwarzenbergplatz eingeladen. Dort, zwischen Polstermöbeln und stocksteifen Kammerdienern, lassen die fast 20 Damen und Herren eine Aufführung von Richard Wagners Tristan und Isolde auf ihre zarten Gemüter nachwirken.

Eigentlich sollen Edmundo und seine Gäste einen Schmortopf vorgesetzt bekommen. Leider fällt der Diener mit der Wärmeplatte der Länge nach hin. Macht aber gar nichts, denn die Abendgesellschaft dürfte sich bereits vorab an einem Zettelkasten überfressen haben.

Nach der Oper. Würgeengel heißt das Theater-Remake eines häufig zitierten Schwarz-Weiß-Filmes, den Luis Buñuel 1962 in Mexiko gedreht hat. Der Würgeengel ist im Original ein herrlich lakonisches Planspiel: Vertreter der besseren Gesellschaft gehen in ein Haus, das sie mysteriöserweise nicht mehr verlassen können. Nach etwas mehr als 90 Minuten ist alles vorüber: Ein Liebespaar ist im Kasten gestorben, die Damen und Herren haben in Porzellanvasen uriniert. Draußen, im "wirklichen" Leben, metzelt die Polizei demonstrierende Arbeiter nieder. Alles geht seinen gewohnten Gang.

Für Neo-Regisseur Martin Wuttkes fürchterlich umständlichen Theater-Essay stellt Buñuels Meisterfilm eine Art Planskizze dar. Die Namen der Mitwirkenden sind bloß Spieljetons. Sie werden entsprechend lieblos hin- und hergeschoben.

In Wahrheit möchte Wuttke die bessere Gesellschaft an ihren empfindlichsten Stellen treffen: dort, wo ihre Geschmacksnerven sitzen. Die Bühne (Nina von Mechow) ist ihrerseits nur das: eine Projektionsfläche, seitlich von zwei Paravents eingefasst, über die rätselhafte Traumgesichte aus dem Beamer flimmern. Man sieht junge Männer in ihrem Blut schwimmen. Teilnehmer der Abendgesellschaft liegen, die Gliedmaßen ineinander verkeilt, in tiefem Schlummer. Die ganze Atmosphäre badet in saurem Wagner-Kitsch (Video: Meika Dresenkamp). Man muss befürchten, dass sich Wuttke mit seiner Unternehmung als szenischer Landschaftspfleger am Grünen Hügel von Bayreuth bewirbt.

Und so ist es auch kein Zufall, dass man Herrn Nóbile verschiedentlich und nicht falsch als "Herrn von Essenbeck" anspricht. Hinter den Bildern lauert anzüglich das Faschismusgespenst, und natürlich spukt dieses in der Krupp-Villa aus Viscontis Die Verdammten herum. Vorne links schrummt ein zehnköpfiges Orchester (Universität für Musik und darstellende Kunst) einen herrlichen Mix aus Tristan - dem kompletten dritten Akt - sowie Schönbergs aufgeputschter Erwartung. Eigentlich könnte in solchen Momenten kostbarster Überladenheit auch ein Elefant um die Ecke biegen oder ein Fieseler Storch unter der Decke Loopings drehen. Es käme alles auf das Gleiche heraus.

Umgekehrt: Wann kommt man schon zu solch erschwinglichen Konditionen in den Genuss eines Opernkonzerts (famose Leitung: Arno Waschk)? Zumal sich einige Partygäste als veritable Goldkehlen entpuppen: Martin Mairinger als Tristan, Hege Gustava Tjonn als Isolde.

Philosophisches Palaver

Wuttkes Würgeengel-Mixtur opfert bereitwillig dem Geist, den sie zu entlarven vorgibt. Sie würdigt die herrlichsten Schauspieler dieses Landes zu Stichwortgebern und -empfängern herab.

Sie teilt generös philosophisches Palaver nach allen Seiten aus: Dann muss Bibiana Zeller allerlei Mythogenes aus der Denkschmiede von Jean-Luc Nancy raunen, darf Peter Matic einen eitlen Dirigenten geben oder Stefanie Dvorak ein pistolenschwingendes Partygirl. Nicht zu vergessen: Der Freimaurer Christiáno (Dirk Nocker) trägt einen Blähbauch spazieren. Er konkurriert furzend mit den Klangmassen des Orchesters und endet, nachdem die ganze Gesellschaft eine Art Kältetod gestorben ist, als Opfertier auf der Tafel. Auch sonst fällt ein Schuss. Nóbile stirbt ausgerechnet von der Hand seiner Frau. Wuttke ist generös: Er lässt Isolde das letzte Wort: "unbewusst / höchste Lust." Der Applaus schien bewusst sparsam. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 14. Februar 2012) 

Termin: 15. 2.

carbonara
10
17.2.2012, 13:30
Sieht aus wie Udo Lindenberg (ohne Hut)

TheWasteLand
02
16.2.2012, 10:30
Die Rezension mal ignorierend:

Also man muss den Abend meiner Meinung nach jetzt nicht gleich intellektuell bis theatertheoretisch überbewerten, aber Wuttke hat mal gezeigt, dass er eine bestimmte Art des Theatermachens, die er an der Volksbühne "gelernt" hat, als Regisseur weiterzuführen gedenkt.
Fad wars absolut nicht, gleichzeitig vielfach ausbaufähig: ich verstehe den Abend als erfreuliches Versprechen für zukünftige Unternehmungen (manche werdens natürlich eher als Drohung sehen ;-) ).

Sissi1
02
14.2.2012, 00:07

Komme gerade von der Vortstellung und bin ausnahmslos begeistert. Und froh, dass ich mich nicht an den Kritiken hier oder in der Presse gerichtet habe.

peperl4a
03
14.2.2012, 19:24
dass ich mich nicht an den Kritiken hier oder in der Presse gerichtet habe...

Ja! Leider bleiben diese Kritiken häufig recht oberflächlich, leider auch die oben stehende; die AutorInnen scheinen nicht bemüht, die Intentionen des Regisseurs zu verstehen oder zumindest zu erfragen! Könnt ja doch sein, dass hier ein Raum zum Erforschen nicht-gängiger Theaterpraxis genützt wird, ned woah?!

Walter Kaiser.
14
13.2.2012, 18:38
Ich liebe diesen Film, so wie die meisten Bunuel Filme.

lilian
02
14.2.2012, 07:22
es würde mich doch interessieren, warum man ihnen

ein rotes stricherl gegeben hat, bloß weil sie den bunuel filme mögen.
leute gibts....

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