Einen umständlichen Theater-Essay hat Regisseur Martin Wuttke aus einem Film von Luis Buñuel verfertigt
"Nach der Oper. Würgeengel" erstickt im
Burg-Kasino in Bombast und falscher Bedeutsamkeit.
Wien - Edmundo Nóbile (Ignaz Kirchner), ein Herr mit strahlend weißem
Kummerbund und bedrückend dunkler Onassis-Brille, ist der denkbar anstrengendste
Gastgeber. Er hat eine Gesellschaft von Hochkulturschmocks in sein Haus im
Kasino am Wiener Schwarzenbergplatz eingeladen. Dort, zwischen Polstermöbeln und
stocksteifen Kammerdienern, lassen die fast 20 Damen und Herren eine Aufführung
von Richard Wagners Tristan und Isolde auf ihre zarten Gemüter
nachwirken.
Eigentlich sollen Edmundo und seine Gäste einen Schmortopf vorgesetzt
bekommen. Leider fällt der Diener mit der Wärmeplatte der Länge nach hin. Macht
aber gar nichts, denn die Abendgesellschaft dürfte sich bereits vorab an einem
Zettelkasten überfressen haben.
Nach der Oper. Würgeengel heißt das Theater-Remake eines häufig
zitierten Schwarz-Weiß-Filmes, den Luis Buñuel 1962 in Mexiko gedreht hat.
Der Würgeengel ist im Original ein herrlich lakonisches Planspiel:
Vertreter der besseren Gesellschaft gehen in ein Haus, das sie mysteriöserweise
nicht mehr verlassen können. Nach etwas mehr als 90 Minuten ist alles vorüber:
Ein Liebespaar ist im Kasten gestorben, die Damen und Herren haben in
Porzellanvasen uriniert. Draußen, im "wirklichen" Leben, metzelt die Polizei
demonstrierende Arbeiter nieder. Alles geht seinen gewohnten Gang.
Für Neo-Regisseur Martin Wuttkes fürchterlich umständlichen Theater-Essay
stellt Buñuels Meisterfilm eine Art Planskizze dar. Die Namen der Mitwirkenden
sind bloß Spieljetons. Sie werden entsprechend lieblos hin- und hergeschoben.
In Wahrheit möchte Wuttke die bessere Gesellschaft an ihren empfindlichsten
Stellen treffen: dort, wo ihre Geschmacksnerven sitzen. Die Bühne (Nina von
Mechow) ist ihrerseits nur das: eine Projektionsfläche, seitlich von zwei
Paravents eingefasst, über die rätselhafte Traumgesichte aus dem Beamer
flimmern. Man sieht junge Männer in ihrem Blut schwimmen. Teilnehmer der
Abendgesellschaft liegen, die Gliedmaßen ineinander verkeilt, in tiefem
Schlummer. Die ganze Atmosphäre badet in saurem Wagner-Kitsch (Video: Meika
Dresenkamp). Man muss befürchten, dass sich Wuttke mit seiner Unternehmung als
szenischer Landschaftspfleger am Grünen Hügel von Bayreuth bewirbt.
Und so ist es auch kein Zufall, dass man Herrn Nóbile verschiedentlich und
nicht falsch als "Herrn von Essenbeck" anspricht. Hinter den Bildern lauert
anzüglich das Faschismusgespenst, und natürlich spukt dieses in der Krupp-Villa
aus Viscontis Die Verdammten herum. Vorne links schrummt ein
zehnköpfiges Orchester (Universität für Musik und darstellende Kunst) einen
herrlichen Mix aus Tristan - dem kompletten dritten Akt - sowie
Schönbergs aufgeputschter Erwartung. Eigentlich könnte in solchen
Momenten kostbarster Überladenheit auch ein Elefant um die Ecke biegen oder ein
Fieseler Storch unter der Decke Loopings drehen. Es käme alles auf das Gleiche
heraus.
Umgekehrt: Wann kommt man schon zu solch erschwinglichen Konditionen in den
Genuss eines Opernkonzerts (famose Leitung: Arno Waschk)? Zumal sich einige
Partygäste als veritable Goldkehlen entpuppen: Martin Mairinger als Tristan,
Hege Gustava Tjonn als Isolde.
Philosophisches Palaver
Wuttkes Würgeengel-Mixtur opfert bereitwillig dem Geist, den sie zu
entlarven vorgibt. Sie würdigt die herrlichsten Schauspieler dieses Landes zu
Stichwortgebern und -empfängern herab.
Sie teilt generös philosophisches Palaver nach allen Seiten aus: Dann muss
Bibiana Zeller allerlei Mythogenes aus der Denkschmiede von Jean-Luc Nancy
raunen, darf Peter Matic einen eitlen Dirigenten geben oder Stefanie Dvorak ein
pistolenschwingendes Partygirl. Nicht zu vergessen: Der Freimaurer Christiáno
(Dirk Nocker) trägt einen Blähbauch spazieren. Er konkurriert furzend mit den
Klangmassen des Orchesters und endet, nachdem die ganze Gesellschaft eine Art
Kältetod gestorben ist, als Opfertier auf der Tafel. Auch sonst fällt ein
Schuss. Nóbile stirbt ausgerechnet von der Hand seiner Frau. Wuttke ist generös:
Er lässt Isolde das letzte Wort: "unbewusst / höchste Lust." Der Applaus schien
bewusst sparsam. (Ronald Pohl, DER STANDARD - Printausgabe, 14. Februar 2012)