Dichter Christian Ide Hintze gestorben

13. Februar 2012, 18:25

Als Autor von Aktionen, Installationen, Gedichten und Zettelsammlungen tätig

Wien - Der Dichter und Aktionskünstler Christian Ide Hintze ist tot. Der Literat verstarb überraschend im Alter von 58 Jahren, wie die von ihm initiierte "Schule für Dichtung" bekanntgab. Der Wiener hatte 1991 die Einrichtung mitbegründet, an der in Folge prominente Autoren wie H.C. Artmann, Gerhard Rühm, Allen Ginsberg oder Nick Cave unterrichteten. Die genaue Todesursache und das exakte Todesdatum sind derzeit noch unbekannt, hieß es seitens der "Schule für Dichtung".

Verfechter der Kleinschreibung

Hintze war als Autor von Aktionen, Installationen und Songs, von Audio-, Video- und Performancegedichten, von Zettel-, Plakat- und Buchtexten tätig. Seit 1992 fungierte er als Direktor der "Schule für Dichtung" in Wien. Der überzeugte Verfechter der Kleinschreibung betrieb "Sprachpolitik" - und scheute sich nicht davor anzuecken.

Geboren wurde Hintze am 26. Dezember 1953 in Wien, wuchs allerdings in Salzburg und bei Graz auf, bevor er in Wien seine Matura absolvierte. Es folgten Jahre als Straßensänger in ganz Europa, darauf ein Studium der Theaterwissenschaft. Er beteiligte sich an der Arena-Besetzung ebenso wie an anderen Aktionsformen im öffentlichen Raum. 1979 realisierte er den Kinofilm "Zetteldämmerung" und erlangte sukzessive mit seinen Werken der "expanded poetry" Aufmerksamkeit.

Seinen Poesiebegriff sah er "geprägt von den Spannungsfeldern analog / digital und eigene Sprache / fremde Sprache" - seine Gedichte siedelte er in sieben Kategorien an - von "akustisch" über "performativ" bis zur "instruktiv". Mit einem Gedichtband wie "Die goldene Flut" oder dem interaktiven "E1. Kartenspiel für ein verstreutes Publikum" sicherte er sich einen exquisiten, exotischen Ruf im deutschsprachigen Feuilleton.

Schule für Dichtung

Auf die Idee für seine Dichtkunstschule kam Hintze 1990, als er auf Einladung von Allen Ginsberg die "Jack Kerouac School of Disembodied Poetics" besuchte. Nachdem er 1992 in Wien sein eigenes Institut begründet hatte, wobei ihm zahlreiche Kollegen zur Seite standen, gewann er klassische Dichter wie H.C. Artmann, Wolfgang Bauer oder Gerhard Rühm, aber auch Popliteraten wie Blixa Bargeld, Nick Cave oder Falco als Lehrkräfte. Gemeinsam mit seiner Institution äußerte sich Hintze oft in sprachpolitischen Fragen - und propagierte neben der Kleinschreibung etwa eine österreichische Rechtschreibung.

Konfrontation scheute er auch bei seinen Aktionen nicht. In den 70er Jahren sorgte er mit seiner Arbeit als "Dichter der Straße" für behördliche Konflikte und erhielt laut eigenen Angaben Anzeigen wegen "Behinderung des Fußgeherverkehrs", "Störung der öffentlichen Ordnung" und "Verunreinigung von öffentlichen Gebäuden". Von der Volkspolizei Ostberlin wurde er 1976 wegen des unerlaubten Verbreitens von Flugschriften verhaftet, in Stuttgart aus demselben Grund der Buchmesse verwiesen. Weil er das Burgtheater beklebte, wurde er in der Heimat Wien wegen Sachbeschädigung verurteilt.

Auf seiner Homepage versammelte Christian Ide Hintze auch Zitate über sich selbst. "Die Texte des Delinquenten sind Obszönitäten und Wortspiele. Es besteht kein Bedarf nach derartigen Texten in der DDR", wird das ein Polizeioffizier zitiert. Ein anderes stammt von Erich Fried: "Hintze wird in Österreich, wenn überhaupt, nur als Ärgernis bemerkt." Und ein drittes - von Peter Henisch: "Entweder ist das ein besonders sturer oder ein besonders konsequenter Mensch. Entweder ein Besessener oder ein Idiot, aber womöglich einer von der Sorte des reinen Toren Myschkin."

Schmied: "Innovativer Sprachkünstler"

Als "innovativen Sprachkünstler" würdigte Kulturministerin Schmied den verstorbenen Dichter. Er "setzte sich stets dafür ein, die Dichtkunst in die Moderne überzuführen", so Schmied. "Er spielte nicht nur mit Worten, sondern sah in der Dichtung auch ein Experimentierfeld von Klängen, visuellen Eindrücken und grafischen Zeichen." Als Initiator und langjähriger Direktor der "Schule für Dichtung" habe er zahlreiche Schriftsteller beeinflusst.

Betroffen zeigte sich auch Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Mit Hintze verliere "Österreich einen eloquenten Vertreter der arrivierten, österreichischen Avantgardeliteratur". (APA)

  • Christian Ide Hintze 1953-2012
    foto: standard/andy urban

    Christian Ide Hintze 1953-2012

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