Überleben unter Beobachtung

13. Februar 2012, 17:19
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Neben Christian Petzolds "Barbara" bereichert Regisseurin Ursula Meier mit dem Familiendrama "L'enfant d'en haut" den Wettbewerb der Berlinale

Im Forum hatten Filme von Anja Salomonowitz und Ruth Mader Premiere.

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Wenn man auf der Berlinale etwas über den Zustand der Welt erfahren will, führt kein Weg an der Tierwelt vorbei. Ein dahindarbendes Maultier in Mani Haghighis Modest Reception, das einen Augenblick realen Leidens in einen Film voller aberwitziger menschlicher Ausflüchte bringt; die Schönheit eines auffliegenden Papageis in Brillante Mendozas (etwas unebenem) Terrordrama Captive, der die Notlage von Geiseln kontrastiert; oder das schockierende Bild eines Stalls mit mumifizierten Rindern in Nuclear Nation, einem Dokumentarfilm über die Folgen von Fukushima.

Ganz ausschließlich um Tiere beziehungsweise das Begehren, sie zu betrachten, geht es in Denis Côtés Dokumentarfilm Bestiaire. Der Kanadier zeigt wilde Tiere, in Käfigen und Zellen eines Zoos, später auch beim Tierpräparator. Die Kamera bleibt statisch auf sie gerichtet, manchmal auch nur auf Details: der Kopf eines Emus, die unruhigen Beine von Zebras, Rücken von Pferden. Auf der Imax-tauglichen Leinwand des Eventkinos bekam man das Gefühl, einem Anti-Spektakel beizuwohnen, das einem die eigene Schaulust vorhält. Denn der kalte, auf keine Pointe zielende Blick dieses Films fällt aufs Publikum zurück: Côté zeigt ein "foul play", die unfairen Bedingungen des Blickwechsels zwischen Menschen und Tieren.

Leben unter Beobachtung verhandelt auch Christian Petzolds Barbara, einer der stärksten Wettbewerbsbeiträge. Er führt zurück in die DDR des Jahres 1980, was allerdings nicht gleich auffällt. Die Verhärtungen des Landes machen sich jedoch an den Figuren und ihrem Habitus bemerkbar: Barbara (Nina Hoss), eine Ärztin, in die Provinz strafversetzt, ist eine faszinierend undurchdringliche Heldin - kühl, abrupt, verschlossen. Gefühle offenbart sie nur in heimlichen Rendezvous mit ihrem in den Westen geflohenen Geliebten.

Petzold erzählt jedoch nicht (nur) von verbotener Liebe, es geht auch darum, welches Selbstbild man wählen, welche Verantwortung man tragen soll; und dass diese Fragen nicht einfach mit Flucht beantwortet werden können. In einem Arztkollegen (Ronald Zehrfeld) findet Barbara ein engagiertes Gegenüber, das sie ihre Lage überdenken lässt. Petzold spielt mit diesen indirekt politischen Themen mit der ihm eigenen Präzision und großer Zurückhaltung: Ein leiser, gefasster, sehr abgerundeter Film ist das geworden.

Noch ein Wettbewerbsfilm wusste rundum zu überzeugen, L'enfant d'en haut (Sister) von der Westschweizerin Ursula Meier. Wie schon in Home erzählt sie von einem sonderbaren Familienverband, diesmal sind es nur der zwölfjährige Simon (großartig: Kacey Mottet Klein) und Louise (Léa Seydoux), die sich als Geschwister ausgeben und in einem tristen Wohnblock am Fuße eines luxuriösen Skigebiets leben. Der Junge ist ein Gondler zwischen gegensätzlichen Welten. Oben auf den Hütten stiehlt er Touristen Ski und Accessoires, um sie unten im Tal zu verhökern. Das geht lange gut, weil es kaum jemand merkt.

Erhellend (und oft auch komisch) daran ist, wie Simon Gesetze der Tauschgesellschaft imitiert. Zugleich ist dieser in kompakten, dicht aufeinander drängenden Einstellungen (Kamera: Agnés Godard) gedrehte Film ein verkapptes Melodram um zwei Menschen, die nichts außer einander haben und sich doch ständig in die Haare geraten. Ursula Meier hat sich damit als eine der spannendsten Regisseurinnen Europas etabliert.

Liebe als Fiktion

Aus Österreich waren zwei Filmemacherinnen im Forum am Start. Ruth Mader hat mit What is Love eine dokumentarische Fiktion geschaffen, die in streng kadrierten Szenen fünf Lebensmodelle präsentiert - bewusst fragmentarisch, als ginge es darum, universell gültige Gefühlszustände abzuschöpfen. Dies funktioniert unterschiedlich gut: Der letzte, längere Teil über eine bourgeoise Wiener Familie und ihre therapeutischen Rituale ist reich an Zwischentönen, wogegen andere Abschnitte dann doch zu kursorisch erscheinen.

Von experimentellen Dokumentarfilmen zum Spielfilm ist Anja Salomonowitz mit Spanien gewechselt: Das nichtlinear erzählte Episodenstück (Koautor: Dimitré Dinev) folgt Figuren, die sich aus verfahrenen Lebenslagen zu befreien versuchen, dabei aber meist nur tiefer ins Unglück geraten. Spanien ist mehr einem allegorischen als einem realistischen Erzählen verpflichtet, auch inszenatorisch setzt Salomonowitz starke Akzente. Die stilistische Überhöhung wirkt sich jedoch vor allem in der Figurenzeichnung störend aus: Ein manisch eifersüchtiger Polizist, ein spielsüchtiger Familienvater - sie sind dramatisch viel zu festgeschrieben, um noch zu bewegen. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD - Printausgabe, 14. Februar 2012)

  • Zwei, die nur einander haben und sich doch ständig in die Haare geraten: 
Simon (Kacey Mottet Klein) und Louise (Léa Seydoux) in Ursula Meiers famosem 
Wettbewerbsfilm "L'enfant d'en haut".
    foto: berlinale/roger arpajou

    Zwei, die nur einander haben und sich doch ständig in die Haare geraten: Simon (Kacey Mottet Klein) und Louise (Léa Seydoux) in Ursula Meiers famosem Wettbewerbsfilm "L'enfant d'en haut".

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