Wie die Migration zum Hintergrund kommt

14. Februar 2012, 09:00
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Judith Wiesinger arbeitet daran, ihren eigenen Beruf obsolet zu machen. In Österreich habe sie aber noch einiges zu tun, sagt die Migrationsforscherin

Autochthone Österreicherin - den Begriff findet sie zwar problematisch, aber damit könnte man sie wohl beschreiben. Judith Wiesinger findet jedenfalls, dass man nicht zwingend Migrationsgeschichte haben muss, um sich mit dem Phänomen Migration auseinanderzusetzen und sich dafür zu begeistern. Manchmal kann es sogar ein Vorteil sein, meint die junge Migrationsforscherin. Bei emotional hoch aufgeladenen Themen, die sich oft im Dunstkreis der Migration finden, kann sie eine gewisse objektive Distanz wahren. Der Hang zur Thematik kommt teilweise aus persönlichen Vorlieben und ihrer politischen Einstellung: "Nationalstaatliches Denken ist nicht mehr zeitgemäß. Migration - ob freiwillig oder unfreiwillig - relativiert und hebt Grenzen ein Stück weit auf."

Die gelernte Kindergarten- und Hortpädagogin der Kreuzschwestern in Linz begann 2007 mit dem Studium der Geschichte und Politikwissenschaft. Das Interesse für Geschichte kam vom Stöbern am Dachboden der Großeltern, jenes für Politikwissenschaft wurde durch zunehmende Ausländerfeindlichkeit in ihrem Umfeld geweckt, erzählt sie. Den Schwerpunkt setzte sie in beiden Bachelorstudien auf Interkulturalität und Migrationsentwicklungen.

Übung macht den Master

Bei ihrem Erasmus-Aufenthalt in Uppsala in Schweden ist Judith klar geworden, dass im Vergleich zum Gastland in Österreich einiges im Bereich des Zusammenlebens und der Integration zu tun wäre. Der Plan war zunächst, einen Master in Politikwissenschaft zu machen und weiter mit dem Schwerpunkt Migration zu arbeiten. "Dann habe ich gemerkt, dass ein rein politikwissenschaftlicher Blickwinkel der Sache nicht gerecht wird. Ich habe mich nach interdisziplinären Ansätzen umgesehen: soziologische, juristische, wirtschaftliche und viele mehr." Ihre Ausbildung hätte sie etwa in Osnabrück mit einem Master fortsetzen können, der dort angeboten wird. In Österreich beschränkt sich das Angebot nämlich auf (mitunter teure) Universitätslehrgänge. Also hat sie das Curriculum eines individuellen Masterstudiums der Migrations- und Integrationsforschung an der Uni Salzburg selbst zusammengestellt. Nach einem Jahr Formularkrieg und Büropilgerfahrten war es so dann so weit.

Die Möglichkeit, dieses Masterstudium regulär anzubieten, wird derzeit an der Uni Salzburg geprüft. Ab Wintersemester 2012 wird das Fach Migration Studies als Studienergänzung und somit zusätzliche Qualifikation zu bestimmten Studienrichtungen angeboten. Judiths Vision wird voraussichtlich ab 2013 als erstes reguläres (Master)-Studium mit Migrationsthematik in Österreich an der Universität Salzburg angeboten. Als Pionierin sieht sie sich die bescheidene Oberösterreicherin deshalb nicht unbedingt. "Ich habe nur umgesetzt, was schon längst notwendig gewesen wäre." Ob eine Entwicklung wie beim ehemaligen individuellen Studium Internationale Entwicklung in Wien absehbar sei, welches in den letzten Jahren sehr beliebt geworden ist? Schon möglich, meint Judith Wiesinger. Brisanz und Aktualität wären gegeben, Experten für Migration und Diversität in Politik und Wirtschaft dringend benötigt.

Studieren und probieren

Salzburg und Uppsala sind nicht gerade Brunnenmarkt und Kreuzberg. Das Hintergrundwissen muss und kann man sich aber nicht unbedingt an den Hotspots der Multi-Kulti-Gesellschaft aneignen. Die beruflichen Möglichkeiten sind nach und während des Studiums vielfältig und beginnen abseits vom wissenschaftlichen Elfenbeinturm nahe am Menschen: Judith Wiesinger hat bereits in Oberösterreich in einem Asylheim (der Caritas) gearbeitet und verschiedenste Herausforderungen des Alltags gemeinsam mit den Asylwerbern gemeistert. Da gehört vom Schulbesuch der Kinder (Hausaufgaben) über Wohnungen renovieren und Feste feiern bis zu Behördengängen alles dazu. In Berlin hat sich Judith bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes beispielsweise der Darstellung von Migrations- und Diskriminierungsthemen in der Presse gewidmet und juristische Anfragen von Menschen beantwortet und bearbeitet, die sich diskriminiert fühlten - sei es im Job oder im Alltag, etwa beim Einkaufen oder Fortgehen. Im Moment arbeitet sie bei einer internationalen Organisation in Wien, während sie ihre Masterarbeit zum Thema Migration und Arbeitsmarkt fertigschreibt.

Die Gesellschaft der Zukunft

Von den verschiedenen Arbeitsfeldern die sich Judith als Migrationsforscherin eröffnen, reizen sie Politikberatung und Forschung am meisten - am besten in Kombination. „Die Integrationsdebatte in Österreich wird im Moment einerseits von Misstrauen und andererseits Wahlkalkül bestimmt. Der Diskurs sollte von Emotion und Taktik auf eine wissenschaftliche, an Fakten orientierte Ebene gehoben werden." Die junge Frau betont, dass die Gesellschaft der Zukunft nur eine sein kann, die mit Migration besser umzugehen weiß. In den Medien und in der gesellschaftlichen Wahrnehmung ist Migration immer ein Problem oder eine Herausforderung. Der Umgang mit Migration sollte langsam selbstverständlich werden: "Ein Charakteristikum einer modernen Gesellschaft ist eben die Diversität - in allen Belangen. Man sollte sich langsam bewusst werden, dass Migration, sowohl historisch als auch geographisch betrachtet, nichts Außergewöhnliches ist." Aufgabe der Integrationspolitik und -Debatte ist in Judith Wiesingers Augen also auch die Überwindung ihrer Notwendigkeit. "Eigentlich arbeite ich daran, dass mein eigener Beruf obsolet wird", sagt Wiesinger lachend. (Olja Alvir, 13. 2. 2012, daStandard.at)

  • Es muss erstens eine bessere Einbindung unabhängiger Experten und zweitens eine neue Integrationsdebatte her, die effektiv und an Problemlösungen statt an Oberflächenpolitur orientiert ist, findet Judith Wiesinger.
 
 
    foto: olja alvir

    Es muss erstens eine bessere Einbindung unabhängiger Experten und zweitens eine neue Integrationsdebatte her, die effektiv und an Problemlösungen statt an Oberflächenpolitur orientiert ist, findet Judith Wiesinger.

     

     

  • Judith ist es wichtig, sich nicht nur in Büchern zu vergraben. Direkte Auseinandersetzung mit Menschen mit Migrationshintergrund ist eine wichtige Erfahrung, die ein besseres Verständnis von Migrationsphänomenen ermöglicht.
    foto: privat

    Judith ist es wichtig, sich nicht nur in Büchern zu vergraben. Direkte Auseinandersetzung mit Menschen mit Migrationshintergrund ist eine wichtige Erfahrung, die ein besseres Verständnis von Migrationsphänomenen ermöglicht.

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