"Hysterien sind schwer zu prognostizieren"

Chat14. Februar 2012, 14:10
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Ökonom Erich Streissler über Geld oder Gold, den Königsweg aus der Krise, das Sparpaket und Österreichs Triple-A

Moody’s stellt neben Österreich, Frankreich und Großbritannien quasi unter Beobachtung. Die Meldung des Tages kommentiert der Ökonom, Erich Streissler, im derStandard.at-Chat so: "Die Bewertungen der Finanzen der verschieden Länder sind ein Ausdruck öffentlicher Hysterie. Es gibt keine realen Grundlagen dafür. Hysterien sind schwer zu prognostizieren. Übrigens tendieren die Österreicher im besonderen Maße zu einer hysterischen Skepsis gegenüber der Wirtschaftslage ihres eigenen Landes."


Was das dieser Tage vorgestellt Sparpaket betrifft, erwartet Streissler, "dass wir die Triple A-Bewertung wie Deutschland gerade durch dieses 'Sparparket' wieder erhalten werden." Die Userfrage nach dem Königsweg aus der Krise – Sparen oder Investieren - beantwortet der Ökonomieprofessor so: "Es ist eindeutig, dass Investieren grundsätzlich der alleinig richtige Weg aus der Krise wäre, aber wir sind in einer Zwangslage. Die Zwangslage ist die Skepsis eines Teils der Finanzmärkte gegen Österreich. Sie zwingt uns zu sofortigen Sparmaßnahmen, die unsinnig wären, wenn die Finanzmärkte eine richtige Sicht hätten und nicht nur hin- und herspekulieren würden."

Wird man 2020 mit Geld oder Gold zahlen, will ein anderer User wissen. Dafür hat Erich Streissler folgende Antwort parat: "Man wird 2020 mit den gegenwärtigen Hauptwährungen, dem Dollar, dem Euro und dem Yen bezahlen, zu welchen sich der chinesische Yuan hinzugesellen wird. Wenn man bezüglich irgendwelcher dieser Währungen skeptisch ist, wird man wie seit fast 300 Jahren auf das Gold zurückgreifen. Das ist schließlich diejenige Währung, die der größte Mathematiker aller Zeiten, Sir Isaac Newton in seiner Eigenschaft als maßgeblicher englischer Geldpolitiker eingeführt hat. Die Goldwährung hat längst die Skepsis von Einstein gegenüber den mathematisch-physikalischen Ideen von Newton überdauert." (rb, derStandard.at, 14.2.2012)

Moderator-Message: Liebe Userinnen und User, unser Chat mit Herrn Streissler startet mit Verspätung. Er ist aber schon am Weg.

Moderator: Liebe Userinnen und User, unser Chat mit Herrn Streissler startet mit Verspätung. Er ist aber schon am Weg.

ModeratorIn: Liebe Userinnen und User, Herr Streissler ist soeben eingetroffen. Jetzt kann es losgehen.

Erich Streissler: Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, einen schönen Valentinstag!

UserInnenfrage per Mail: Moody’s stellt neben Österreich, Frankreich und Großbritannien quasi unter Beobachtung. Erwarten Sie eine Abstufung?

Erich Streissler: Die Bewertungen der Finanzen der verschieden Länder sind ein Ausdruck öffentlicher Hysterie. Es gibt keine realen Grundlagen dafür. Hysterien sind schwer zu prognostizieren. Übrigens tendieren die Österreicher im besonderen Maße zu einer hysterischen Skepsis gegenüber der Wirtschaftslage ihres eigenen Landes.

UserInnenfrage per Mail: Wie kommentieren Sie Österreichs Sparpaket?

Erich Streissler: Sie betonten, dass eine Skepsis gegenüber Großbritannien, Frankreich und Österreich herrscht. Die 3 Länder sind überhaupt wirtschaftlich nicht vergleichbar. Frankreich hat ein wesentlich größeres Staatsdefizit als Österreich, das eines der kleinsten hat. Und Großbritannien hat ein noch größeres Defizit. Überhaupt gehört Österreich im Gegensatz zu Großbritannien und Frankreich zu den Leistungsbilanzüberschussländern Europas. Und in diesem Zusammenhang ist dann das gegenwärtige Sparpaket zu sehen. Es macht die internationale Finanzposition Österreichs noch wesentlich offensichtlicher und markanter und es steht zu erwarten, dass wir die Triple A-Bewertung wie Deutschland gerade durch dieses "Sparparket" wieder erhalten werden.

Gerhard Grabner: Je nach theoretischem und politischen Hintergrund behaupten die einen , Sparen sei der Königsweg aus der Krise, die anderen Investieren. Wo dazwischen müsste der vernünftige Weg liegen, können Sie eine Lösung kurz skizzieren?

Erich Streissler: Es ist eindeutig, dass Investieren grundsätzlich der alleinig richtige Weg aus der Krise wäre, aber wir sind in einer Zwangslage. Die Zwangslage ist die Skepsis eines Teils der Finanzmärkte gegen Österreich. Diese Skepsis ist der vordringliche Aspekt. Sie zwingt uns zu sofortigen Sparmaßnahmen, die unsinnig wären, wenn die Finanzmärkte eine richtige Sicht hätten und nicht nur hin- und herspekulieren würden. Weiters sind sog. "Sparpakete" der öffentlichen Finanzen langfristig sinnvoll um überzogene Staatsausgaben wieder auf ein langfristig vertretbares Ausmaß zurückzuführen. Und das hätte den Effekt, dass die Möglichkeiten für langfristige reale Investitionen wieder stärker eröffnet würden.

Zebra: Sehr geehrter Hr. Streissler! Es ist offensichtlich, dass Griechenland zahlungsunfähig ist. Es liegt in meinen Augen ein klassischer Staatsbankrott vorliegt. Wie lange kann und will die EU diese Tatsache noch verschleiern?

Erich Streissler: Da die hauptsächlichen EU-Dirigenten von einmaliger Unkenntnis und einmaliger Unfähigkeit sind, kann man nicht sagen wie lange sie mit Täuschungsmanövern der Öffentlichkeit herumspielen werden.

Gerda Soros: Teilen Sie den heute -z.B. in der Presse - veröffentlichten Optimismus der Wirtschaft, dass der Höhepunkt der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise bereits hinter uns liegt?

Erich Streissler: Ja.

645ef75f-43a7-47ec-bea6-dea26aae5663: Sehr geehrter Hr. Prof, irgendwie befremdet mich der ökonomische Diskurs, denn auch ein großer Prophet des 19. Jahrhunderts kritisierte ja vehement die herrschenden Verhältnisse - hatte er doch irgendwie recht der Marx?

Erich Streissler: Ich selbst bin ein konservativer Ökonom, schätze jedoch gerade deswegen Marx ganz besonders. Genauer: Marx hat sehr viele, sehr problematische Aussagen gemacht und manche die nur aus seiner Situation vor 150 Jahren gerechtfertigt sind, aber er ist aus einer der größten Innovatoren des ökonomischen Denkens. Auf ihn geht die Idee zurück, dass der entscheidende Wachstumsfaktor von Unternehmerwirtschaften die wirtschaftlichen "Neuerungen" sind, die Schumpeter ins Englische als "Innovationen" übersetzte. Unser Problem in der ganzen gegenwärtigen westlichen Welt ist, dass es heute überall zu sehr an neuen realwirtschaftlichen Innovationen fehlt. Was ist das heutige wirtschaftliche Führungsland? Das vorgeblich kommunistische China!

UserInnenfrage per Mail: Braucht das kapitalistische Wirtschaftssystem eine Neujustierung?

Erich Streissler: Es braucht dies grundsätzlich immer. Man muss eben immer neue Investitionschancen finden und Wirtschaftszweige aufbauen, die Innovationen bringen. Glauben Sie der Klimawandel ist ohne Innovationen zu bewältigen?

sdha9hjksdf: Womit wird man 2020 bezahlen? Geld oder Gold.?

Erich Streissler: Man wird 2020 mit den gegenwärtigen Hauptwährungen, dem Dollar, dem Euro und dem Yen bezahlen, zu welchen sich der chinesische Yuan hinzugesellen wird. Wenn man bezüglich irgendwelcher dieser Währungen skeptisch ist, wird man wie seit fast 300 Jahren auf das Gold zurückgreifen. Das ist schließlich diejenige Währung, die der größte Mathematiker aller Zeiten, Sir Isaac Newton in seiner Eigenschaft als maßgeblicher englischer Geldpolitiker eingeführt hat. Die Goldwährung hat längst die Skepsis von Einstein gegenüber den mathematisch-physikalischen Ideen von Newton überdauert.

grilledlizzard: Sehr geehrter Herr Professor! 2 Fragen zum Thema KeSt: Sie haben unlängst aufhorchen lassen mit der Forderung temporär die Sparbuchzinsen zu 100% wegzusteuern - ich frage sie welchen Anreiz hat dann der österr. Durchschnittssparer sein Geld auf die

Erich Streissler: Diese Frage wird mir immer wieder gestellt und sie ist leicht zu beantworten. Ein Sparkonto bringt Ihnen vor allem Sicherheit gegen Diebstahl! Schon jetzt bekommen Sie ja für Ihre Sparkonten nur lächerlich niedrige Zinsen, ich z. B. erhalte auf meinem Standardsparkonto nur 1%.

Wurstbrot mit Sauergemüse: Sehr geehrter Herr Professor Streissler! Sie haben vorhin gemeint, die "hauptsächlichen EU-Dirigenten [seien] von einmaliger Unkenntnis und einmaliger Unfähigkeit". Denken Sie nicht, dass sich diese aus bestimmten (politischen) Gründen ganz bewusst

Erich Streissler: Der Grund für meine Aussage liegt im Rekrutierungsprozess von "EU-Dirigenten". Es gibt unter ihnen so gut wie keinen Ökonomen. Und der Grund: Gerade in Krisen verdienen Ökonomen genügend gut, so dass sie keine Versuchung haben in die Politik zu gehen.

Cbrando: Ein wesentlicher Ausgangspunkt der europäischen Finanz-, Banken-, Wirtschafts- und Schuldenkrise (plus Bankenkrise reloaded) waren die toxischen US-Wertpapiere, die auch die europäischen Banken gekauft hatten. Wie müssen, aus Ihrer Sicht, die US-Wer

Erich Streissler: Ich finde diese Frage ausgezeichnet. Um sie zu beantworten, muss ich zurückgehen auf unser grundsätzliches Wirtschaftsproblem. Wir haben seit dem Jahr 2000 einen großen Überschuss an Sparmitteln, vor allem die Sparmitteln Chinas - Nebenbei: Gerade wegen dieses weltwirtschaftlichen Sparüberschusses sind ihre Spareinlagen für die Wirtschaft oder für die Banken so gut wie nichts wert - Da wir einen solchen Sparüberschuss haben, gibt es kaum ertragsverheißende Anlagemöglichkeiten für die Ersparnisse auf den Finanzmärkten. Das wollen aber die die Weltersparnisse weiterverhandelnden großen internationalen Banken nicht wahrhaben. (Die österreichischen Banken können unsere Sparmittel noch gewinnbringend in Süd-Ost-Europa verleihen.) Finanz-Tsunamis sind daher auch in Zukunft unvermeidlich und nur der Ausdruck von internationalen Großbanken, die verzweifelt irgendwo Geschäfte machen wollen.

Burggasse: Ist eine weltweite Finanztransaktionssteuer zu befürworten ?

Erich Streissler: Eine doppelte Antwort: Wenn zu befürworten, dann höchstens eine allgemein international gültige Finanztransaktionssteuer. Nach langer Diskussion des Für und Wider ist auch diese wohl nicht sinnvoll. Hingegen ist eine nationale Finanztransaktionssteuer für ein Land oder einige wenige Länder hingegen mit großer Wahrscheinlichkeit selbstmörderisch (das Geld würde nur in ein entsprechendes Ausland verlagert werden). Höchstens ist eine solche Finanztransaktionssteuer sinnvoll, die so klein ist, dass es sich nicht lohnt, das Geld ins Ausland zu verlagern. Die Österreicher haben noch immer nicht gelernt, dass seit dem 1. Juli 1990 in der gesamten EU als eines der sog. "4 Freiheiten", das Recht besteht, Kapital jederzeit ins Ausland zu verlagern!

Burggasse: Haben Sie die Wirtschaftskris 2009 vorhergesehen ?

Erich Streissler: In Grundzügen ja. Meine diesbezüglichen Prognosen wurden seit dem Jahr 2002 immer wieder gemacht. Meine Erfahrung ist freilich, dass das, was kommen muss, auf Finanzmärkten heute viel später kommt als ursprünglich erwartet. Die Wirtschaftskrise wurde nämlich durch die amerikanische Geldpolitik von Alan Greenspan lange hinausgeschoben, freilich mit dem Effekt, dass als sie dann schließlich kam, sie viel drastischer war als je zuvor, einschließlich der letzten, auch durch die USA verursachten Finanzkrise von 1929-1933. Diese brachte uns den "Führer" Adolf Hitler. Noch haben wir keine entsprechenden negativen politischen Effekte. Aber immerhin klingt da schon manches in Ungarn an.

Meklon von Andromeda: Wann kommt der Aufschwung? Wirklich erst wieder 2045? Wie hält die Welt einen 30-jährigen Abschwung aus?

Erich Streissler: Die Wirtschaftsgeschichte lehrt uns, dass die großen innovatorischen Wirtschaftsaufschwünge etwa alle 40 bis 50 Jahre kommen und der Aufschwung 1995-1999, der ein großer war - die Computersoft- und hardware Innovationen gebracht - war der 5. in der Weltgeschichte. Einen solchen großen Aufschwung können sie also am ehesten wieder etwa für 2045 erwarten. Kleinere Aufschwünge wird es durchaus davor geben. Von einem 30-jährigen Abschwung habe ich also nie gesprochen. Aber das kommende Jahrzehnt sieht sehr trüb aus. Das Jahrzehnt der 2000er Jahre hat etwa ein Wirtschaftswachstum von einem halben bis dreiviertel Prozent gebracht und das, wenn man die unbezahlten Rechnungen in Amerika nicht ins Kalkül nimmt. Für das kommende Jahrzehnt habe ich bereits publiziert, dass auch da nur ein Wirtschaftswachstum von einem halben Prozent pro Jahr für Amerika zu erwarten ist und für die erfolgreichsten Länder Europas, einschließlich Österreich und Deutschland, von vielleicht im Durchschnitt einem Prozent. Welches "gewaltiges" Wachstum können sie schon für Österreich bei dem gegenwärtigen "Sparpaket" erwarten?

ModeratorIn: Vielen Dank, Herr Streissler, für den spannenden Chat. Vielen Dank an alle Userinnen und User für die zahlreichen Fragen, die wir wieder einmal bei weitem nicht alle beantworten konnten. Schönen Tag noch und auf Wiedersehen.

Erich Streissler: Da solche Fragenbeantwortungen für mich sehr mühsam sind - und das noch ohne Bezahlung - hoffe ich auf kein Wiedersehen.

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