"Die Wende war eine Übernahme"

Interview

Eduard Geyer ist der erfolgreichste ostdeutsche Trainer der jüngeren Geschichte. Dynamo Dresden führte er Ende der 1980er Jahre in den Europacup, den Drittligisten Energie Cottbus 2000 in die deutsche Bundesliga. "Ede" über die ostdeutsche Schule, die unterschwellige Überheblichkeit im Westen und seine Erinnerungen an Toni Polster

Wir treffen Eduard Geyer, den letzten Teamchef der DDR, im Café der Buchhandelskette Thalia in Dresden. Geyer erscheint etwas verspätet und begrüßt uns freundlich. Durch die großen Fensterscheiben des ehemaligen »Hauses des Buches« können wir das rege Treiben auf Dresdens Einkaufsstraßen beobachten, auch das Café ist überfüllt. Geyer bleibt vom Trubel unbeeindruckt. Sobald er einen großen Kaffee und eine Schwarzwälder Kirschtorte vor sich stehen hat, kommt er ins Plaudern.

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ballesterer: Die Medien haben Sie »Ede Gnadenlos« genannt. War das gerechtfertigt?
Eduard Geyer: Der Name ist natürlich überspitzt. Wenn man mit einer Mannschaft dauerhaft Erfolg haben will, kann man als Trainer nicht ständig auf seine Spieler einprügeln. Man muss sie ständig fordern und eine gewisse Distanz pflegen. Ich wollte nie der Liebling jedes einzelnen Spielers sein, auch wenn die Chemie natürlich stimmen muss.

Sie sind derzeit vereinslos. Stimmt es, dass Sie trotzdem noch regelmäßig in der Dresdner Heide joggen gehen?
Geyer: Ja, ich laufe regelmäßig sechs bis zehn Kilometer. Ich muss mir mein Stück Torte nach wie vor verdienen, da kann ich nicht doppelt so viel wiegen wie meine Spieler.

Rund um die Jubiläen des Mauerfalls und der deutschen Vereinigung hat eine regelrechte Ostalgie geherrscht. Wie kann man sich den Lebensalltag als Fußballer und Trainer in der DDR vorstellen?
Geyer: Es ist schwer, den Alltag der DDR mit anderen Ländern in Bezug zu setzen, weil uns schlichtweg die Vergleichsmöglichkeiten gefehlt haben. Auf Auslandsreisen haben wir nicht genug Zeit gehabt, um tiefergehende Einblicke in fremde Länder und Kulturen zu gewinnen. Als Fußballspieler und Trainer hatte man in der DDR aber sicher ein privilegiertes Leben. Man hat eine Wohnung und ein Auto bekommen und in einem abgesicherten sozialen Umfeld gelebt. Wenn man als Trainer entlassen und nicht schnell bei einem anderen Verein angestellt worden ist, hat der Verband als Auffangbecken hergehalten. Da hat man versucht, arbeitslosen Trainern eine sinnvolle Tätigkeit zu geben. Die Zeit als Spieler war rückblickend betrachtet sicher am angenehmsten, weil man weniger Verantwortung getragen hat.

Haben Sie bei Auslandsspielen erlebt, dass Spieler »Republiksflucht« begehen wollten?
Geyer: 1981 wollten sich mit Peter Kotte, Gerd Weber und Matthias Müller gleich drei Spieler von Dynamo Dresden, die mit der Nationalmannschaft nach Südamerika fahren sollten, absetzen. Sie wurden in Berlin abgefangen und mit Spielverbot belegt. Aber sonst hat es in meiner Karriere als Spieler und Trainer kaum Vorfälle mit Fluchtversuchen gegeben. Für mich hat sich die Frage nie gestellt: Ich habe keine Verwandten im Ausland gehabt, und wohin hätte ich ohne meine Frau und Kinder gehen sollen?

Offiziell hat es in der DDR keinen Profifußball gegeben. Hatten Sie als Spieler einen Alibijob, dem Sie nachgehen mussten?
Geyer: Für die Spieler war es erstrebenswert, eine Berufsausbildung zu erhalten. Hervorragende Spieler sind zwar unterstützt worden, und das eine oder andere Mal ist ein Auge zugedrückt worden, aber auch ihnen ist nichts geschenkt worden. In Dresden haben die Junioren um sieben Uhr morgens zwischen 75 und 90 Minuten trainiert, danach sind sie ins Industriegelände zum Arbeiten gefahren, nach der Arbeit haben sie um 16 oder 17 Uhr eine zweite Trainingseinheit absolviert. Ich habe auch das Abitur, einen Abschluss als Maschinenbauer und Ingenieur und die Diplomsportlehrer-Prüfung absolviert, mit der ich befähigt war, als Trainer zu arbeiten. Das Problem hat nicht im mangelnden Profitum bestanden, sondern darin, dass die Spieler regional gebunden waren. Wir haben zum Großteil nur auf Spieler aus der Region Dresden zurückgreifen können, die wir selbst ausgebildet hatten. Für uns war es zum Beispiel unmöglich, den Tormann Jürgen Croy (1989 zum »Besten Fußballer in 40 Jahren DDR« gewählt, Anm.) von Zwickau loszueisen, geschweige denn über Auslandstransfers nachzudenken, obwohl unsere Mannschaften in den 1970er Jahren zu den spielstärksten Europas gehört haben. Sogar mit diesen bescheidenen Mitteln haben wir 1989 noch das UEFA-Cup-Halbfinale erreicht, in dem wir unglücklich an Stuttgart gescheitert sind.

Wie hat das Erfolgsrezept für diese Spielkultur ausgesehen?
Geyer: Die Kinder- und Jugendausbildung hat in der DDR einen sehr hohen Stellenwert gehabt. In der Nachwuchsförderung sind fast nur hauptamtliche Trainer eingesetzt worden. Die waren hervorragend ausgebildet und haben die Ausbildung zum Diplomsportlehrer absolviert. Ein weiterer Baustein waren die gut funktionierenden Kinder- und Jugendsportschulen, in denen die Fußball- und Schulausbildung aufeinander abgestimmt war. Durch dieses Nachwuchssystem konnten jährlich ein oder zwei Spieler in die erste Mannschaft aufrücken.

Lässt sich der derzeitige Erfolg der deutschen Nationalmannschaft auf die Arbeit von Matthias Sammer und die Rückbesinnung auf das ostdeutsche Sportmodell mit Leistungszentren und Sportschulen erklären?
Geyer: Sammers großer Verdienst ist, dass er sich mit seinen Ansichten und Ideen durchsetzen konnte. Er war ein außergewöhnlicher Spieler, der 1996 sogar Europas Fußballer des Jahres wurde und bei Stuttgart und Dortmund sehr gut integriert war. Generell muss man aber sagen, dass man uns schlichtweg überfahren hat, anstatt zu überlegen, was in der DDR gut funktioniert hat und wie das erhalten und verbessert werden kann. Die Wende war keine Wiedervereinigung, sondern eine Übernahme. Der Sport war eines der wenigen Dinge, die in der DDR funktioniert haben und in denen wir Weltspitze waren.

Wieso haben sich ostdeutsche Spieler dennoch schwergetan, sich im westdeutschen Fußballgeschäft durchzusetzen?
Geyer: Ich habe es immer so empfunden, dass ostdeutsche Bürger von den Westdeutschen als Bedrohung gesehen wurden. Es hat große Vorurteile gegeben. Es lässt sich nicht leugnen, dass sich ein Teil der Westdeutschen uns gegenüber hochnäsig und arrogant verhalten hat. Nicht wenige von ihnen haben geglaubt, dass wir zu Hause mit dem Faustkeil sitzen, um Feuer zu machen.

2000 haben Sie mit Cottbus mit dem Aufstieg in die erste Bundesliga für eine der größten Überraschungen in der deutschen Fußballgeschichte gesorgt. Wie war die Resonanz?
Geyer: Im Osten hat man sich vor allem gefreut, dass neben Hansa Rostock eine weitere ostdeutsche Mannschaft in der Bundesliga gespielt hat. Bei Auswärtsspielen sind wir aber stark angefeindet worden. Nach einem Spiel in Bochum, das wir sogar verloren haben, wurden die Scheiben unseres Mannschaftsbusses mit Steinen eingeschlagen. Wenn ich Gegner beobachtet habe, hatte ich manchmal den Eindruck, dass die anderen Gäste im VIP-Klub glauben, ich sei eine entlaufene exotische Seltenheit aus dem Zoo. Ich habe mit den Anfeindungen relativ gut umgehen können und auch wenig Probleme mit den Trainerkollegen gehabt, dennoch habe ich eine permanente unterschwellige Überheblichkeit gespürt. Es ist mir zum Beispiel schwergefallen, mit Journalisten umzugehen, die völlig unvorbereitet zum Interview gekommen sind und Cottbus mit Chemnitz verwechselt haben. Das mag jetzt unglaublich klingen, ist aber wirklich passiert.

Warum hat es ausgerechnet Cottbus geschafft, so eine Erfolgsgeschichte zu schreiben?
Geyer: Weil wir eine klare und strukturierte Aufgabenverteilung hatten: Präsident Dieter Krein hat Verbindung zu den Sponsoren gehalten und den Verein repräsentiert, Klaus Stabach hat den geschäftlichen und ich den sportlichen Bereich abgedeckt. Wir haben uns gegenseitig vertraut und uns nicht in die Aufgabengebiete der anderen eingemischt. Mit Stabach, der selbst Fußballer gewesen ist, bin ich in regem Austausch gestanden. Er hat mich immer unterstützt, auch wenn die Ergebnisse nicht gepasst haben. Da habe ich ruhig arbeiten können.

Warum haben Sie das Cottbusser Konzept nicht auf Dresden übertragen können?
Geyer: Es ist nicht leicht, einen Verein erfolgreich zu führen, wenn sich in Jahren der Misswirtschaft ein Schuldenberg anhäuft. Außerdem zahlt Dynamo nach wie vor eine horrende Miete für das Stadion und kann aus dem Zuschauerandrang kein großes Kapital schlagen. Generell fehlen im Osten die großen Investoren im Fußball. In Dresden kommt noch dazu, dass nicht der Verein, sondern die Mitglieder bestimmen. Daher sind die Entscheidungswege viel zu lang. Im Verein hat die Kommunikation mit den Funktionären gefehlt. Sie waren teilweise hilflos, weil ich als Trainer eine sehr starke Position gehabt habe. Das war auch ein Grund, warum mein Vertrag 2008 nicht verlängert worden ist, obwohl wir die Vorgabe, nämlich den Aufstieg in die neue dritte Profiliga, vorzeitig geschafft haben.

Unter Ihnen verlor die DDR im letzten Qualifikationsspiel für die WM 1990 gegen Österreich in Wien 0:3. Ist Toni Polster, der damals alle drei Tore geschossen hat, heute noch eine Reizfigur für Sie?
Geyer: Toni Polster nicht, aber es stört mich, dass das Spiel unter irregulären Bedingungen stattgefunden hat. In der DDR wurde die Mauer geöffnet, und plötzlich ist es für die Spieler nur noch darum gegangen, für welchen Verein sie zukünftig spielen werden. Wie hätte unter diesen Bedingungen eine konzentrierte Vorbereitung stattfinden sollen? Es ist wirklich schade. Ein Unentschieden hätte gereicht, und wir wären zur WM nach Italien gefahren. Aus dieser Perspektive muss man die Schiedsrichterleistung auch in einem anderen Licht sehen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die FIFA ein großes Interesse an einer WM gehabt hätte, an der eine Mannschaft teilnimmt, die kein Land mehr ist.

Zum Abschluss möchten wir gerne noch auf das Meistercup-Spiel von Dynamo Dresden gegen Bayern München 1973 zurückkommen. Sie haben Uli Hoeneß gedeckt. Er hat zwei Tore geschossen und Sie zum »Zinnsoldaten degradiert«, wie es in den Medien hieß. Bayern ist mit einem Gesamtscore von 7:6 aufgestiegen. Haben Sie dieses Spiel später je gemeinsam Revue passieren lassen?
Geyer: Dass Sie sich trauen, diese Frage zu stellen, ist ja ungeheuerlich. Normal müsste ich Ihnen jetzt eine Tasse an den Kopf schießen. Nein, im Ernst, wir haben uns mehrmals getroffen, aber nicht über das Spiel geplaudert, sondern überlegt, wie wir zusammenarbeiten können. Leider ist nichts daraus geworden. Schade, denn von der Erfahrung eines Uli Hoeneß hätten wir sicher profitieren können. (Interview: Vinzenz Jager & Michael Mannsfeld)

Eduard »Ede« Geyer (67) spielte in seiner aktiven Laufbahn ausschließlich für Dresdner Mannschaften. Seine Karriere begann 1962 beim SC Einheit Dresden, 1965 wechselte er zur FSV Lokomotive Dresden und 1968 zu Dynamo Dresden, mit dem er 1971 und 1973 Meister wurde. Der sowohl als Verteidiger als auch als Stürmer eingesetzte Geyer beendete 1975 seine Karriere bei Dynamo, wo er als Nachwuchstrainer weiterbeschäftigt wurde. 1986 wurde er Cheftrainer in Dresden und gewann 1989 und 1990 die Meisterschaft. Von 1989 bis 1990 war er zusätzlich Teamchef der DDR. 1994 übernahm Geyer den Drittligisten Energie Cottbus, mit dem er 1997 in die zweite und 2000 in die erste Bundesliga aufstieg. 2004 wurde er nach dem Abstieg und einer mäßigen Hinrunde in der zweiten Bundesliga entlassen. Weitere Trainerstationen führten Geyer zu Sachsen Leipzig, Banyasz Siofok (Ungarn), Al Nasr (Dubai) und zuletzt wieder zu Dynamo Dresden, wo er 2008 nach nur einer Saison entlassen wurde.

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