Kindergarten

Kein Zwang, Deutsch zu sprechen

Lisa Aigner, 13. Februar 2012, 14:15
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    foto: derstandard.at/wienerroither

    Im Forschungskindergarten im fünfzehnten Bezirk wird der Spracherwerb bei Kindern untersucht.

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    In den kommenden Tagen wird ein "Hutfest" gefeiert. Die Hüte basteln die Kinder selbst.

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    Zwölf Sprachen bringen die Kinder dieser Gruppe mit.

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    Die Kinder lernen hier deutsch und werden auch in der Erstsprache gefördert.

Zwanzig Kinder, zwölf Sprachen: In einem Wiener Kindergarten wird untersucht, wie sich sprachliche Fördermaßnahmen auswirken

"Türkisch, Bunjap, Bosnisch/Türkisch/Deutsch, Arabisch/Polnisch, Chinesisch, Kroatisch...". Eine Liste informiert die Kindergartenpädagoginnen über die Erstsprachen der zwanzig Kinder ihrer Gruppe. Angelika Svoboda lässt sich von den vielen Sprachen nicht aus der Ruhe bringen. "Ein Kind ist ein Kind", antwortet die Kindergartenpädagogin lakonisch auf die Frage, wie sie damit umgeht, dass viele ihrer Buben und Mädchen nicht Deutsch als Erstsprache sprechen.

Svobodas Kindergarten ist Forschungsgebiet. Unter dem Motto  "Eins, zwei, drei, vier ... viele Sprachen" startete im Jahr 2009 der Verein "Zeit!Raum" im Auftrag der Stadt Wien das Forschungsprojekt "Spracherwerb und lebensweltliche Mehrsprachigkeit". SPÖ und Grüne in Wien wollen herausfinden, wie man sprachliche Entwicklung im Kindergarten fördern kann. Für das Projekt wurden zwei Kindergärten in fünfzehnten Bezirk ausgesucht. Mit Hilfe von Fragebögen, Sprachstandfeststellungen, Beobachtungen zweier Kindergartengruppen und einzelner Kinder sowie Eltern- und Pädagoginnenbildung versuchen die Mitarbeiterinnen der Forschungsstelle herauszufinden, wie sprachförderliche Maßnahmen und emotionale Komponenten den Spracherwerb von Kindern beeinflussen. 

Schlüssel zur Integration

Das Lernen der deutschen Sprache gilt allgemein als Schlüssel zur Integration. Die Pädagoginnen und wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen des Projekts konzentrieren sich jedoch nicht nur auf den Erwerb der deutschen Sprache, sondern untersuchen auch, wie sich die Wertschätzung der Mehrsprachigkeit auf die Kinder auswirkt. Insgesamt sind über 200 Kinder an dem Projekt beteiligt, in den beiden Kindergärten haben 89 Prozent der Kinder eine andere Erstsprache als Deutsch. 

"Bei uns gilt die Höflichkeitsregel"

Betritt man den Kindergarten in der Johnstraße wird einem die Sprachenvielfalt sofort bewusst. Ein Schild an der Eingangstür informiert auf türkisch, bosnisch/kroatisch, englisch und serbisch darüber, dass die Tür verschlossen gehalten werden muss, damit kein Kind auf die Straße läuft. Die Kinder selbst sprechen in der Gruppe - zumindest wenn Besuch da ist - nur Deutsch miteinander. "Bei uns gilt die Höflichkeitsregel. Wenn zwei Kinder miteinander türkisch sprechen und ein drittes Kind dazukommt, das die Sprache nicht spricht, dann müssen sie Deutsch miteinander reden", erklärt Kindergartenpädagogin Svoboda. Einen Zwang zum Deutsch sprechen gäbe es aber nicht. 

"Kinder blühen auf"

Ewelina Sobczak und Katrin Zell arbeiten beide für die Forschungsstelle. Gemeinsam mit Svoboda erforschen sie die Sprachwelt der Kinder. Sobczak ist Sprachwissenschafter an der Uni Wien, Zell arbeitet als Sprachwissenschafterin bei der Magistratsabteilung 10 in Wien. Beide finden es wichtig, dass andere Erstsprachen als Deutsch im Kindergarten zugelassen werden. "Wir merken an den Kindern, die in den Kindergarten kommen und ganz wenig verstehen, dass sie aufblühen und aufmachen, wenn jemand zu ihnen kommt und in ihrer Sprache spricht", sagt Zell. Genau diese emotionale Komponente sei sehr wichtig für den Spracherwerb. Auch die Kindergartenpädagogin Svoboda weiß aus ihren Erfahrungen, dass sie den Kindern nur dann etwas lehren kann, wenn sie ihr vertrauen. "Es wird generell davon ausgegangen, dass eine gute emotionale Bindung den Spracherwerb fördert. Wir wollen untersuchen, ob das stimmt", sagt Sobczak. 

In der Muttersprache sprechen

Die Wissenschafterinnen versuchen unter anderem, die Eltern für den Spracherwerb ihrer Kinder zu sensibilisieren. An einem Elternabend gab es vor allem viele Fragen dazu, in welcher Sprache mit den Kindern gesprochen werden soll. "Die Eltern sollten mit den Kindern die Sprache sprechen, die sie am meisten beherrschen und die ihnen am nächsten liegt. Das ist zuhause die Erstsprache. Die sollte auch im Kindergarten weiter unterstützt werden, das ist ganz wichtig", sagt Sobczak. Dies gelte vor allem deshalb, weil die Eltern in ihrer Muttersprache viel mehr ausdrücken können, als in der Zweitsprache. Sobzaks Erstsprache ist polnisch. "Ich könnte mit einem Baby nicht auf Deutsch reden, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Deshalb ist es so wichtig, dass ich mit meinem Kind polnisch spreche", sagt sie.

Die Forscherinnen arbeiten nicht nur mit den Eltern, sondern wollen auch von den Pädagoginnen wissen, wie sie mit den vielen Sprachen der Kinder umgehen. In elf Modulen haben sie den Pädagoginnen Grundsätzliches zum Spracherwerb erklärt. "Das war sehr interessant", sagt Sovoba. Sie selbst bemüht sich, die Sprachentwicklung der Kinder zu beobachten und zu unterstützen. Bei zwanzig Kindern, die zwölf verschiedene Sprachen mitbringen, ist das schwierig. "Unheimlich viel" würde aber die Arbeit der Sprachförderin bringen, die einmal in der Woche komme und mit kleineren Gruppen arbeite.

Zwei Jahre Kindergarten

Svoboda spricht sich dafür aus, dass Kinder nicht nur ein, sondern zwei Jahre verpflichtend in den Kindergarten müssen. Die Kinder würden bereits ein Jahr brauchen um "soziale Geschichten" zu lernen, erst dann könne man sich auf die Sprache konzentrieren. Vor allem bei den Kindern, die bereits in der Krippe waren, stellt Svoboda bessere Deutschkenntnisse fest. Mit Kindern, die gar kein Deutsch sprechen, kommuniziert sie am Anfang mit Gesten. Die Sprache selbst lehrt sie über Bilder. "Wenn es um Weihnachtsschmuck geht, dann geben wir den Kindern das zum Angreifen und Spüren", erklärt sie. Nach und nach würden sie dann vom Gegenstand zur abstrakten Sprache finden. Wie schnell sich ein Kind entwickelt, sei aber unterschiedlich.

Während Svoboda über die Sprachen der Kinder erzählt, hat sie ihre Augen überall. "Nicht schubsen", fordert sie einen Buben auf. Ein Bub fragt sie, ob er seine Jacken hinaustragen darf. Zwei Mal forderte sie die Mädchen auf, ihre Spielsachen wieder zu aufzuräumen. In der Bauecke posieren zwei Buben für die Kamera. "Mach noch ein Foto, auf dem ist mein T-Shirt hinaufgerutscht", fordert einer von ihnen. Eine andere Sprache als Deutsch hört man nicht. Je vermischter die Gruppe sei, umso mehr Deutsch werde gesprochen, sagt die Kindergartenpädagogin.

Ergebnisse im Mai

Wie sich die verschiedenen Fördermaßnahmen auf die Kinder auswirken, können die Forscherinnen noch nicht sagen. Sie haben im Oktober 2010 und im Juni 2011 Sprachstandfeststellungen gemacht, um die Sprachentwicklung nachverfolgen zu können. Ergebnisse sind für Mai geplant. Die Wissenschafterinnen warnen aber davor, verallgemeinernde Aussagen zu erwarten. "Das wäre der Wunsch, dass wir sagen: Wir fördern so und dann kommt das raus. Das funktioniert aber nicht", erklärt Zell. Die Untersuchungen sollen vor allem dabei helfen, den Pädagoginnen praktische Tipps für den Umgang mit Mehrsprachigkeit zu geben. (derStandard.at, 13.2.2012)

Link:

Mehr Informationen zum Forschungskindergarten sowie über Methoden und MitarbeiterInnen finden sie hier.

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Loonquawl
21
29.2.2012, 11:16
was ich nicht verstehe ist warum...

......ist warum die erstsprache immer die sprache der eltern sein muss.
ich ging seinerzeit in eine schulklasse mit nem inder, einer koreanerin, einer vietnamesin, engländern und noch paar andere.
so gut wie alle würden heute deutsch als ihre hauptsprache definieren (diese sprechen sie oft auch als einzige perfekt) obwohl die eltern z.t. andere erst- &muttersprachen hatten. warum? vermutlich wegen des umfelds, der schule etc....die elten werden das wohl auch gefördert haben.

keiner meiner exklassenkollegen ist in das land seiner eltern zurückgelehrt. somit ist mMn ein erlernen der muttsprache als erstsprache nicht nur unpragmatisch sondern schlichtweg unmöglich da daß sprachumfeld fehlt.

chrilan
61
20.2.2012, 20:21

zuhause sollte man die muttersprache UND deutsch sprechen... wenn man das gschrob imma nur die erstsprache spricht, kommt es in die schule und haben die allergrößten probleme die missstände aufzuholen... vermutlich werden sie dadurch immer schlechtere noten und später schlechter bezahlte arbeiten haben...
aber anscheinend will man ja genau solche leute heranzüchten, die dann später die drecksarbeit machen...

Spucks
04
24.2.2012, 15:19

Warum stellen Sie irgendwelche Behauptungen auf, wenn Sie offensichtlich keine Ahnung vom Thema haben?

absurdistanerin
06
22.2.2012, 17:46

willkommen in der welt der sprachwissenschaft, die bewiesen hat, dass 1. eine sprache über beziehung gelernt wird (oberste grundregel: 1 person 1 sprache) und 2. die kinder leichter die zweitsprache lernen, wenn sie die erstsprache gut beherrschen.
haben die kinder also ein gutes sprachliches vorbild zu hause in ihrer erstsprache, lernen sie im kindergarten sehr schnell deutsch! und das ist nicht theoretisches gelabere sondern meine tägliche praxis

twertwert
12
Ihr Praxis..

..mag ja ganz interessant und schön sein.

Vielleicht möchten Sie mal in die Praxis der Hauptschulen hineinschauen, und dann das wundersame Erlernen einer 2. Sprache, wenn das Kind sich nur auf eine konzentrieren muss, ein wenig überdenken?

Vielleicht kommt's einfach nicht auf irgendwelche lustigen Reihenfolgen an, sondern darauf, ob die Eltern sich um das Kind scheren oder nicht?

absurdistanerin
03

der Spracherwerb eine 5jährigen Kindes passiert auf einer anderen Ebene als der eines 12jährigen (siehe Gehirnforschung)
Dass die Eltern sich mehr um ihre Kinder und deren Bildung scheren sollten, da bin ich ganz bei ihnen! Wobei eben genau das die Praxis zeigt: Kinder, die von ihren Eltern gut in der Erstsprache gefördert werden (d.h. auf ganzheitlicher Ebene schon von klein auf viele Anregungen haben), erlernen in jungen Jahren eine zweite Sprache viel schneller.

lorenzarthur91
01
14.2.2012, 12:53

warum muss man ständig alles untersuchen - gibt es keine erfahrungen aus anderen ländern?

dench
00
27.2.2012, 09:23
Wahr

In der internationalen Schule in Wien, die übrigens vom österreichischen Staat mit einigen Millionen gefördert wird, gäbe es die Möglichkeit solche schon lange erforschten und mehrfach dokumentierten Projekte live mit zuerleben. Warum macht man sich nicht die Mühe und sieht sich die Ergebnisse einer langen Praxis der sprach Integration an. Das Geld für die 'Forschung' könnte dann schon in die Umsetzung investiert werden.

Hari Ka
00
14.2.2012, 15:15

Es gibt nur ein Österreich mit den spezifischen Einflüssen daraus.
Ergebnissen aus Frankreich oder Deutschland oder Kanada kann man nicht vertrauen, nein nein nein.

fuchstritt
13
14.2.2012, 12:18

es gibt ja nix hübscheres als bilingual erzogenen menschen aber simma ehrlich, französisch, englisch, italienisch zählen hier eher nicht u den problembären sondern o gotterl eins türkisch,serbokroatisch u so.ein schelm wer schlüsse daraus zu ziehen wagt

Thomas Felder1
00
18.5.2012, 11:37

und eines der kinder mit dem größten sprachproblemen kam aus irland

Thomas Felder1
00
18.5.2012, 11:36

problembären sind auch die masse "österr." Kinder, die nicht mit besteck umgehen können, massive deutschprobleme haben, eine konzentrationsspanne von 2 min und massivst emotional gestört sind

Tino1967
 
12
27.2.2012, 20:38
Die "Problembären" sind aber

in meinen Augen jene Inländer, die aus jedem Türken, jeder Türkin ein Problem machen!

Totaler Durchblicksstrudel
12
20.2.2012, 23:16

Das Problem liegt auch darin, dass der Sprachabstand zwischen Türkisch und Deutsch deutlich größer ist.

Ylva
 
04
14.2.2012, 23:10

Mag daran liegen, dass die Nicht -Problembären Prestigesprachen sind, während die anderen Sprachen "nur" die Ausländer sprechen.

fuchstritt
24
15.2.2012, 15:06

sie verwechseln hier etwas:es geht nicht um eine sprache per se sondern um die protagonisten.und da sind die problemgruppen deutlich.ist so,u dan muß etwas geschehen

fuchstritt
13
14.2.2012, 12:14

der ostbahn kurti ist mit ca. 6 a nach wien gekommen u konnte kein wort deutsch.lt eigener aussage mußte er in null komma pepi deiutschlernen sonst wär es ihm gar übel ergangen. nun bin durchaus kein freund von sich gegenseitig prügelnden kindern aber hier gab es offensichtlich einen assimilationszwang der dazu geführt hat daß der krowod akzentfrei wienerisch spricht u eine fulminante karriere gemacht hat...

Totaler Durchblicksstrudel
02
20.2.2012, 23:13

Mit 6 hatte er aber seine Muttersprache schon erworben und konnte sich auf den Erwerb der dt. Sprache konzentrieren.
Schwierig ist ja mit Kindern, die einerseits keine echte Chance haben ihre Muttersprache zu erwerben, dafür aber schon in frühen Jahren Deutsch dazu lernen sollen.

mogodigo
00
17.2.2012, 14:21

assimilationszwang - finden sie das wirklich erstrebenswert??

fuchstritt
21
23.2.2012, 14:32

ja

chezgarando
89
14.2.2012, 06:24
warum müssen immer die grünen

erst in einer regierung sein bis man solche dinge wissenschaftlich untersucht???

anscheinend ist das ja die erste untersuchung

viel mehr als schreien oder geld verschwinden lassen können die anderen parteien anscheinend nicht...

absurdistanerin
01
22.2.2012, 17:58

inoffiziell setzen wir uns seit jahren mit dem thema auseinander und es ist unsere tägliche arbeit. die ma10 hatte jahrelang ein interkulturelles netzwerk, kompetente kolleginnen, die sich unter anderem mit dem thema und seiner praktischen umsetzung auseinandergesetzt hat, im hinblick auf das soziale gefüge im kindergarten, integration und toleranz. mittlerweile wurde das projekt umbenannt in friedenspädagogik.
in dem forschungsprojekt jetzt geht es mmn eher um zahlen, die sie brauchen, das wissen besteht im großen und ganzen schon

chezgarando
01
28.2.2012, 06:18
wird zeit dass

man das ganze mit wissen angeht und die vorurteile in der kiste lässt :]

Totaler Durchblicksstrudel
02
20.2.2012, 23:14

Weil die Blauen ihre wissenschaftlichen Ergebnisse von Facebook beziehen?

chezgarando
00
21.2.2012, 09:11
:-)

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