Kardinal Koch will "leiden, wie es sich geziemen würde"

13. Februar 2012, 09:39
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"Helfen Sie mir, ich möchte in einem Artikel in wenigen Punkten zusammenfassen, was die wichtigsten Unterschiede der katholischen und der orthodoxen Kirche sind". Mit dieser Bitte wandte ich mich an einen katholischen Experten in Sachen Ostkirchen. Wir schrieben das Jahr 1998 und die Sensation, dass es in Wien zu einem Treffen des Papstes und der Patriarchen von Moskau und Konstantinopel kommen könnte.

Drei-Patriarchen-Treffen schien damals zum Greifen nahe. Die Antwort des Professors lautete: "Wissen Sie, das Schwierige dabei ist, dass sich die Kirchen dort am meisten unterscheiden, wo sie sich am ähnlichsten sind." Wundert es, dass ich diesen Artikel dann nie geschrieben habe?

Vierzehn Jahre später zeigt sich ein noch groteskeres Bild. Der Ökumene-Minister des Papstes, Kardinal Kurt Koch, lässt mit folgender Aussagen aufhorchen: "Wir müssen neu suchen, was das eigentliche Ziel ist" (18.12.2011). Er warnte mit Qualtingers Zitat: "Ich weiß zwar nicht wohin ich will, aber dafür bin ich schneller dort".

Hat dieser Würdenträger ohne Position die richtige Position? Außerdem: zu hohe Geschwindigkeit war bei der Ökumene noch nie zu messen. Noch schräger formulierte er Anfang Februar: Er leide daran, "dass heute so viele Christen an dieser zutiefst anomalen Situation nicht so leiden, wie es sich geziemen würde". Man muss diesen Satz wirklich zweimal lesen! Braucht der Purpurträger diesen Kick des leidenden Gottesvolkes, damit endlich etwas weiter geht?

Versuchen wir einmal ganz ohne Professoren und Kardinäle einen nüchternen Blick. Nehmen wir dabei zunächst nur das Verhältnis der katholischen Kirche und der Orthodoxie unter die Lupe:

Mit der Aufhebung der wechselseitigen Exkommunikation von 1965 besteht kein wirklicher Grund mehr, nicht gemeinsam das Abendmahl zu feiern. Ansonsten bleibt dieser Schritt ja inhaltsleer. Fangen wir also einfach damit an. Die gemeinsame Eucharistie solange zu verschieben, bis alle Probleme geklärt sind, heißt, die Ökumene zu verhindern.

Umgekehrt: Vielleicht lösen sich so manche Fragen praktisch, wenn die Einheit gelebt wird. Man muss ja nicht gleich mit dem Merger der Strukturen beginnen. Der ist immer schwierig, weil so viele menschliche Eitelkeiten damit verbunden sind, auch und (leider) gerade in den Kirchen.

Ein weiterer konstruktiver Vorschlag: Erstellen wir eine "Liste der ewig ruhenden Konflikte". Auch vor Gericht gibt es die praktische Lösung, manche Streitfälle nicht einem Urteil zuzuführen, sondern dann, wenn sie für beide Seiten eigentlich keine Bedeutung mehr haben, einfach zu begraben (keiner hat verloren - dadurch gewinnen beide Streitparteien).

Ein erster Vorschlag für diese Liste: die sogenannte Filioque-Frage. Gelehrte Theologen können sich nämlich ausführlich darüber streiten, ob der Heilige Geist nur "aus dem Vater hervorgeht", ober ob es richtig heißen muss, dass der Heilige Geist "aus dem Vater und dem Sohn (filioque) hervorgeht".

Ich gestehe freimütig: Mir fällt weder ein praktisches noch spirituelles Anwendungsgebiet für dieser Frage ein. Können wir nicht unsere restliche irdische Zeit gut leben, ohne diese Frage zu klären?

Für die Nominierung weiterer Streiftfälle zum Eintrag auf der „Liste der ewig ruhenden Konflikte" bin ich dankbar. - Einfach zu diesem Blog posten oder an: churchwatch@derStandard.at schreiben.

PS.: Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Verantwortung der Päpste und des Vatikans am internationalen Missbrauchsskandal geklärt werden muss. Der derzeitige Papst hat bisher lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen. Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig.

Autor: Wolfgang Bergmann, Magister der Theologie (kath.), 1988-1996 Pressesprecher der Caritas, 1996-1999 Kommunikationsdirektor der Erzdiözese Wien und Gründungsgeschäftsführer von Radio Stephansdom. Seit 2000 Geschäftsführer DER STANDARD.

2010 erschien sein Romanerstling "Die kleinere Sünde" (Czernin Verlag) zum Thema Missbrauch in der Kirche.

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    Im Gespräch Ökumene-Minister des Papstes, Kardinal Kurt Koch, Metropolit Ioannis Zizioulas von Pergamon und Kardinal Schönborn 2010 in Wien

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