Elf Monate Aufstand haben Syrien in eine tiefe Wirtschaftskrise gestürzt. Die Touristen bleiben aus, das Pfund verliert täglich an Wert. Hilfe erwartet sich die Regierung in Damaskus von Russland und dem Iran.
"Das Geschäft ist mehr als tot", sagt Kazem, der in der Altstadt von
Damaskus einen Laden mit Kupferware und Seidenschälen führt. Seine
Kunden sind nichtarabische Touristen. Von denen hat er seit Monaten
keine mehr gesehen. Im Moment lebt Kazem vom Geld, das er in besseren
Jahren verdient hat. Einige Straßenzüge weiter nahe der schiitischen
Sayyida-Rouqna-Moschee sind die iranischen Pilgertouristen an einer Hand
zu zählen. Seit Teheran seinen Landleuten die Reise nach Syrien über
Land verboten hat, bleiben auch diese Touristen weg, die vor dem
Aufstand zu Hunderttausenden die schiitischen Schreine in Syrien
besuchten.
"Seit etwa zwei Wochen, seit sich die Lage deutlich verschlimmert hat,
kaufen die Leute sehr viel weniger Süßigkeiten, weil ihnen nicht mehr
nach Feiern und Genießen zumute ist", stellt Abu Hajjaj auf dem Markt
des Midan-Viertels fest, das für sein Pistazien-Konfekt bekannt ist. Bei
den Metzgern und Gemüsehändlern ist der Einbruch hier, wo nicht die
Ärmsten einkaufen, noch kaum zu spüren. "Der Preis meines Mate-Tees hat
sich vervierfacht", ärgert sich ein Markt-Kunde.
Mohammed Darraj hat Generatoren in sein Sortiment aufgenommen, um sich
über Wasser zu halten, nachdem seine Verkäufe von Fernsehgeräten um mehr
als die Hälfte eingebrochen sind. "Vor allem Geschäftsbesitzer
installieren sich Generatoren, die normalen Leute behelfen sich mit
Kerzen", sagt er. Zurzeit betragen die Stromabschaltungen mindestens
drei Stunden täglich. Der Händler flucht aber vor allem über die
Polizei, die seine Straße zum Schutz einer Polizeiwache verbarrikadiert
hat und ihm damit die Kunden verscheucht.
"80 Prozent Rabatt", "Geschlossen wegen Renovation", "Miete von
Geschäftsräumen um 85 Prozent gesenkt" - Damaskus ist voll von solchen
Schildern. Die Hotels sind kaum ausgelastet, manche haben den Betrieb
überhaupt eingestellt, und in den Kaffees und Restaurants ist nur wenig
los. Besonders am Freitag, wenn die meisten Demonstrationen stattfinden,
ist das Zentrum von Damaskus ausgestorben. In beliebten Lokalen, in
denen vor dem Aufstand kaum ein leerer Tisch zu finden war, langweilen
sich die Kellner.
Deutlichstes Zeichen dieser wirtschaftlichen Probleme ist die Entwertung
der heimischen Währung. Das syrische Pfund hat etwa die Hälfte des
Wertes eingebüßt. Wer Dollar umtauscht, erhält in der Wechselstube jeden
Tag etwas mehr, derzeit etwa 71 Pfund für einen Dollar, während die
Nationalbank immer noch einem Kurs von 58 festhält.
"Die kombinierten Effekte aus Aufstand und Sanktionen haben zu einem
massiven wirtschaftlichen Einbruch geführt", erklärt der Ökonom Nabil
Sukkar. "Viele Unternehmen mussten Leute entlassen. Die Arbeitslosigkeit
ist gestiegen." Der Pfundzerfall hat eine Inflation von 15 bis 20
Prozent ausgelöst. In den ersten Monaten der Krise hatte die Regierung
die Gehälter der Staatsangestellten einmal um 30 Prozent erhöht, die
sind aber schon längst von den Preissteigerungen aufgefressen worden.
Die Nationalbank hat aufgehört, den Pfundkurs mit allen Mitteln zu
stabilisieren, um den Schwund der Devisenreserven einzudämmen. Von
Russland und dem Iran wird erwartet, dass sie mit Krediten einspringen,
damit der Staat weiter seine Aufgaben wahrnehmen kann.
Wehgetan hat besonders die letzte Runde der Sanktionen, die zum Rückzug
von ausländischen Firmen wie Shell geführt hat. Jetzt fördert nur noch
die staatliche Gesellschaft Öl. Wie hoch die Kapitalflucht ist, die seit
Monaten im Gang ist, weiß niemand. Jetzt gilt vor allem Jordanien als
sicherer Hafen für syrisches Geld. (DER STANDARD-Printausgabe, 13.02.2012)