Reportage aus Damaskus

"Das Geschäft ist mehr als tot"

Reportage | Astrid Frefel aus Damaskus, 12. Februar 2012, 22:50

Elf Monate Aufstand haben Syrien in eine tiefe Wirtschaftskrise gestürzt. Die Touristen bleiben aus, das Pfund verliert täglich an Wert. Hilfe erwartet sich die Regierung in Damaskus von Russland und dem Iran.

"Das Geschäft ist mehr als tot", sagt Kazem, der in der Altstadt von Damaskus einen Laden mit Kupferware und Seidenschälen führt. Seine Kunden sind nichtarabische Touristen. Von denen hat er seit Monaten keine mehr gesehen. Im Moment lebt Kazem vom Geld, das er in besseren Jahren verdient hat. Einige Straßenzüge weiter nahe der schiitischen Sayyida-Rouqna-Moschee sind die iranischen Pilgertouristen an einer Hand zu zählen. Seit Teheran seinen Landleuten die Reise nach Syrien über Land verboten hat, bleiben auch diese Touristen weg, die vor dem Aufstand zu Hunderttausenden die schiitischen Schreine in Syrien besuchten.

"Seit etwa zwei Wochen, seit sich die Lage deutlich verschlimmert hat, kaufen die Leute sehr viel weniger Süßigkeiten, weil ihnen nicht mehr nach Feiern und Genießen zumute ist", stellt Abu Hajjaj auf dem Markt des Midan-Viertels fest, das für sein Pistazien-Konfekt bekannt ist. Bei den Metzgern und Gemüsehändlern ist der Einbruch hier, wo nicht die Ärmsten einkaufen, noch kaum zu spüren. "Der Preis meines Mate-Tees hat sich vervierfacht", ärgert sich ein Markt-Kunde.

Mohammed Darraj hat Generatoren in sein Sortiment aufgenommen, um sich über Wasser zu halten, nachdem seine Verkäufe von Fernsehgeräten um mehr als die Hälfte eingebrochen sind. "Vor allem Geschäftsbesitzer installieren sich Generatoren, die normalen Leute behelfen sich mit Kerzen", sagt er. Zurzeit betragen die Stromabschaltungen mindestens drei Stunden täglich. Der Händler flucht aber vor allem über die Polizei, die seine Straße zum Schutz einer Polizeiwache verbarrikadiert hat und ihm damit die Kunden verscheucht.

"80 Prozent Rabatt", "Geschlossen wegen Renovation", "Miete von Geschäftsräumen um 85 Prozent gesenkt" - Damaskus ist voll von solchen Schildern. Die Hotels sind kaum ausgelastet, manche haben den Betrieb überhaupt eingestellt, und in den Kaffees und Restaurants ist nur wenig los. Besonders am Freitag, wenn die meisten Demonstrationen stattfinden, ist das Zentrum von Damaskus ausgestorben. In beliebten Lokalen, in denen vor dem Aufstand kaum ein leerer Tisch zu finden war, langweilen sich die Kellner.

Deutlichstes Zeichen dieser wirtschaftlichen Probleme ist die Entwertung der heimischen Währung. Das syrische Pfund hat etwa die Hälfte des Wertes eingebüßt. Wer Dollar umtauscht, erhält in der Wechselstube jeden Tag etwas mehr, derzeit etwa 71 Pfund für einen Dollar, während die Nationalbank immer noch einem Kurs von 58 festhält.

"Die kombinierten Effekte aus Aufstand und Sanktionen haben zu einem massiven wirtschaftlichen Einbruch geführt", erklärt der Ökonom Nabil Sukkar. "Viele Unternehmen mussten Leute entlassen. Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen." Der Pfundzerfall hat eine Inflation von 15 bis 20 Prozent ausgelöst. In den ersten Monaten der Krise hatte die Regierung die Gehälter der Staatsangestellten einmal um 30 Prozent erhöht, die sind aber schon längst von den Preissteigerungen aufgefressen worden. Die Nationalbank hat aufgehört, den Pfundkurs mit allen Mitteln zu stabilisieren, um den Schwund der Devisenreserven einzudämmen. Von Russland und dem Iran wird erwartet, dass sie mit Krediten einspringen, damit der Staat weiter seine Aufgaben wahrnehmen kann.

Wehgetan hat besonders die letzte Runde der Sanktionen, die zum Rückzug von ausländischen Firmen wie Shell geführt hat. Jetzt fördert nur noch die staatliche Gesellschaft Öl. Wie hoch die Kapitalflucht ist, die seit Monaten im Gang ist, weiß niemand. Jetzt gilt vor allem Jordanien als sicherer Hafen für syrisches Geld. (DER STANDARD-Printausgabe, 13.02.2012)

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14 Postings
mistvieh666
 
00
13.2.2012, 17:00

na, da sind wir aber gluecklich.
jede form von krieg, also auch wirtschaftskriege sind schon okay, ein erlaubter politischer schachzug. ziemlich arg find ich nur die derzeitige berichterstattung drueber.
ist euch das nicht wenigstens ein bisschen peinlich?

Stefan 123
12
13.2.2012, 12:43

Was haben Sie erwartet nach den Sanktionen?

Peace 4 Libya
43
13.2.2012, 10:32

""80 Prozent Rabatt", "Geschlossen wegen Renovation", "Miete von Geschäftsräumen um 85 Prozent gesenkt" - Damaskus ist voll von solchen Schildern."

Athen auch. Ohne Bürgerkrieg und ohne gesponserte Terroristen.

Seltsam das, nicht?

Def_izit
104
13.2.2012, 00:52
wie heißt der letzte kunde im basar ?? - hehe putin

kloppe
115
13.2.2012, 00:47
Danke Bashar!

Was für ein treusorgender, friedliebender, gerechter, alles im Griff habender Präsident du doch bist!

Elettra
98
12.2.2012, 23:44
Allein dass sich unsere wackere Astrid Frefel nach Damskus getraut

sich in Damaskus offensichtlich frei bewegen kann zeigt,
die Lage in Syrien beruhigt sich zusehends, so sehr dass die Arabische Liga in Panik gerät. http://derstandard.at/132850754... che-Aktion

Es sei denn Islamistische Terroristen begehen noch weitere Sprengstoffanschläge. Solche halten natürlich Touristen weiterhin von Syrien fern, und das Land so weiterhin bewusst im Chaos.

http://derstandard.at/132850737... cht-Aleppo

casus belli
615
12.2.2012, 23:02
Sanktionen

Man sieht wiedermal, dass härtere Sanktionen nur die Zivilbevölkerung treffen. Mit Sanktionen wurde noch nie eine Regierung in die Knie gezwungen.

naval
113
13.2.2012, 08:02

Jetzt mutieren die Assad-Jubler, denen die Diktatur "alles gibt" zu unschuldigen Opfern der Sanktionen ?

Abgesehen davon: sie sorgen sich um hohe Lebensmittelpreise, aber nicht um die Toten des Aufstandes ?

casus belli
00
13.2.2012, 17:18

Weil jemand seine Meinung vertritt (in dem Fall den Staatschef unterstützen), ist er also ein minderwertiger Mensch...soso ist ja fast wie in Libyen.

"sie sorgen sich um hohe Lebensmittelpreise, aber nicht um die Toten des Aufstandes ?"

Doch, aber dann sollte man versuchen weitere Tote zu vermeiden und die Menschen die daran nicht beteiligt sind (vorallem Frauen und Kinder) das Leben nicht noch schwerer zu machen.

NONE
65
13.2.2012, 08:20

Er hat eine einfache Feststellung getroffen.

Du hast nicht einmal versucht diese Feststellung zu negieren.

tramtatam
44
13.2.2012, 00:24

das ist auch so gewollt:
Unruhen und "friedlichen Demonstranten" als Folgen der Wirtschaftskrise - infolge von Sanktionen - einkalkulliert.

NONE
44
13.2.2012, 08:20

Friedliche Demonstranten? Wo genau?

tramtatam
03
13.2.2012, 10:47

in Syrien.

Peace 4 Libya
30
13.2.2012, 10:38

Auf den Bildern, unter anderem hier im Standard, die mit dem Zielfernrohr.

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